Susanne Haupt und Jörg Smotlacha
24. September 2012

Improvisationskunst, nummeriert

Das Verhör: „Schloss Baum“ von Zhreee

Ambitioniert: „Schloss Baum“ von Zhreee, Cover

Hannover ist musikalisch gesehen keine Stadt, die sich verstecken muss. Und war es noch nie. Da gab und gibt es jede Menge namhafte, geliebte und ungeliebte Rockgrößen wie die Scorpions, Fury in The Slaughterhouse, Heinz Rudolf Kunze, Terry Hoax oder Mousse T., nicht zu vergessen auch zum Beispiel die Abstürzenden Brieftauben. Hannover war einmal – in den Achtzigern – die Hochburg des Punk, und es gab immer wieder kultbehaftete Szene-Größen wie Storemage, Rotzkotz, Die Krone der Gastlichkeit, Kamerun News oder die Gay City Rollers. Auch derzeit haben wir eine äußerst lebendige Musikszene mit vielen Bands, die bereits in den Startlöchern stehen oder sich gerade formieren. Einige touren bereits durch die Republik, haben Auftritte auf kleineren und größeren Festivals und feiern mit einer immer größer werdenden Fan-Gemeinschaft.

Eine der Bands aus Hannover, die unmittelbar vor ihrem ersten Album-Release steht, ist Zhreee. Erst Anfang 2012 spielte das Trio sein erstes offizielles Konzert, am 28. September erscheint nun das Debüt-Album „Schloss Baum“ bei Minihorse Records. Das ging aber schnell, wird sich so manch einer denken und hinter einem so fix ergatterten Plattenvertrag eine musikalische Granate vermuten. Und das, was man so über Zhreee hört, klingt auch erst einmal ganz gut. Klassische instrumentelle Parts wechseln mit jazzigen Klängen und Passagen, die an eingängige Popsongs erinnern. Zudem geben sich Constantin Braun am Piano, Gitarrist Daniel Sauk und Michael Wagener an den Percussions als wahre Improvisationskünstler, zu bestaunen auf diversen Youtube-Videos. „Schloss Baum“ aber wird den Erwartungen nicht ganz gerecht. Die ausschließlich instrumentalen Stücke kommen sehr effektlastig und experimentell daher. Die einzelnen Songs sind in Parts gegliedert und schlicht nummeriert („First“, „Second“ und so weiter). Sie haben bisweilen eine Elektro-Note, die einige Rezensenten dazu verführte, Zhreee mit Kraftwerk zu vergleichen. Allerdings sind ihre Stücke keineswegs so stilbildend wie die der deutschen Elektro-Pioniere, sondern bilden lediglich einen annehmbaren Mix aus den bereits angesprochenen Genres. An manchen Stellen klingen Zhree ein wenig danach, als ob man nebenbei einen Existentialisten in Buchform in seiner Tasche dabei haben sollte, um das perfekte Feeling hervorzubeschwören. Und letzlich laufen sowohl Albumtitel als auch Songtitel bis zum abschließenden „Encore“ so ambitioniert ins Leere wie das Foto auf dem CD-Cover.

Live aber improvisieren Constantin, Daniel und Michael weiter sehr gerne und geben ihren Werken so jedesmal ein neues Gesicht. Mit Schlagzeug, Gitarre, Keyboard und ihrem Debüt-Album im Gepäck wird das Trio am kommenden Freitag seinen Release im Kulturpalast feiern. Zu erwarten ist ein eigenwilliger Sound und ein intensives Klangerlebnis. „Schloss Baum“ hingegen ist ein Album für eingefleischte Fans von instrumentaler und experimenteller Musik, die sich irgendwo zwischen Pop und Jazz mit elektronischen Elementen einordnen lässt. Zumindest ist die Musiklandschaft Hannovers mit Zhreee um ein Element erweitert worden und dagegen kann man nun wirklich nichts sagen.

Zhreee: „Schloss Baum“, CD, 11 Songs, Minihorse Records, Believe Digital

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Kategorien: Musik

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