Susanne Viktoria Haupt
1. Oktober 2012

Plötzlich Schriftsteller

Seitenansicht: „Die Dringlichkeit und die Geduld“ von Jean-Philippe Toussaint

„Ich mache mir so gut wie keine Notizen, bevor ich ein Buch beginne“: „Die Dringlichkeit und die Geduld“ von Jean-Philippe Toussaint, Buchcover

Viele Schriftsteller, auch solche, die es eigentlich gar nicht sind, versuchen Bücher über das Schreiben zu verfassen. Und manche Autoren neigen gar dazu, in ausschweifenden Abhandlungen ihre ach so göttliche Fähigkeit der Beherrschung des geschriebenen Wortes darzulegen, dass es fast so wirkt, als wäre diese Gabe ausschließlich Rollkragenpullover tragenden Einsiedlern am südlichen Ufer der Seine vorenthalten. Natürlich ist das Schreiben an sich eine hohe Kunst. Und betrachten wir den Buchmarkt mit kritischen Augen, so erkennen wir schnell, dass hier nicht mehr ausreichend selektiert wird. Dennoch ist sind nur die wenigsten Schriftsteller, wenn sie über ihr eigenes Schreiben sprechen, bodenständig, fassbar, ehrlich und gleichzeitig auch noch amüsant. Eine Ausnahme ist der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint, der jüngst seinen Essay-Band „Die Dringlichkeit und die Geduld“ veröffentlicht hat.

Während einer Busfahrt zwischen der Place de la République und der Place de la Bastille habe er die Entscheidung getroffen, unbedingt Schriftsteller zu werden, so Toussaint. Manch eine Idee trifft einen eben wie ein Blitzschlag am Kopf und fruchtet ungemein. In Toussaints Fall gelangte das Manuskript für seinen Erstling „Das Badezimmer“ glücklicherweise in die Hände von Jérôme Lindon, der bereits Samuel Beckett verlegt hatte. Damit begann die Erfolgsstory des Autors. Ebenso scheinbar beiläufig klingt der erste geschriebene Satz von Toussaint: „Es geschah wohl aus Zufall, dass ich das Schachspiel entdeckt habe“. Diese Anekdote gibt den Grundstein für eine Reihe wunderbarer Romane, die mit dem Sonderbaren, Normalen und Skurrilen spielen. Stets mit einer sachlichen und klaren Sprache und Beschreibung, aber ohne emotionale Verschachtelungen oder blumige Ausschmückungen. Mal geht es um einen Protagonisten, der einfach beschließt, ab sofort nicht mehr sein Badezimmer zu verlassen, mal um einen Mann, der eigentlich nur Fotos für seine Anmeldung zur Fahrschule braucht, allerdings durch Banalitäten und absurde Vorkommnisse davon abgehalten wird, eines zu machen. Von der Entstehung dieser Romane handelt „Die Dringlichkeit und die Geduld“.

Die Leser erfahren, dass Toussaint „Das Badezimmer“ ohne Notizen und nur mit spärlicher Vorrecherche entwarf, wohingegen er sich für seinen Roman „Die Wahrheit über Marie“ tief in bisher unbekannte Themen einarbeiten musste. Aber nicht nur sein eigener Schreibprozess steht im Fokus von Toussaints Essay-Band, sondern auch der seiner Vorbilder oder bewunderter Kollegen. So beleuchtet der Autor knapp, aber dennoch mit einer Fülle von Informationen seine Beobachtungen zu Marcel Prousts Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. In Anbetracht anderer, schwierigerer Werke der Weltliteratur wie beispielsweise James Joyces‘ „Ulysses“ oder „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry, sei Prousts Hauptwerk der leichteste Aufstieg zum Gipfel. Inspirierend und Augen öffnend beschreibt Toussaint sein Aufeinandertreffen mit Rodion Romanovich Raskolnikov in dem Roman „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski – nur einen Monat nach der Lektüre begann Toussaint selbst zu schreiben. Augenzwinkernd beschreibt er diesen Vorgang so: „Er (Raskolnikov) wurde Mörder und ich Schriftsteller“. Einen weiteren Essay widmet Toussaint seinem Verleger Jérôme Lindon, der sich als Einziger seinem Manuskript von „Das Badezimmer“ annehmen wollte. Er schildert dabei die erste Kontaktaufnahme und das erste Treffen mit Genauigkeit und Respekt. Aber auch das Gefühl, dass alles zu schnell geht und schon bald vorbei zu sein scheint, bedrückte ihn in einer Art, die wohl nur Menschen kennen, die es zwar gewöhnt sind, sich Dinge zu wünschen, aber einer Erfüllung solcher Wünsche bisher nicht begegnet sind.

„Die Dringlichkeit und die Geduld“ ist ein sehr lesenswertes Buch, an deren Ende man sich wünscht, dass es noch mehr Essays über Toussaints Schreiben und sein Verständnis sowie seine Liebe zur Literatur beinhalten würde. Fast wirkt „Die Dringlichkeit und die Geduld“ wie ein Tagebuch des Autors – oder so, als ob dieser vor einem in einem Sessel säße und über Beckett und Flaubert philosophierte. Kaum zu sagen, was beeindruckender ist: die Romane von Toussaint oder seine Essays.

Jean-Philippe Toussaint: „Die Dringlichkeit und die Geduld“, Essays, 140 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN-13: 978-3627001865, 14,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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