Matthias Rohl
2. Oktober 2012

Filmgeschichte(n): „The Wire“

Welt am Draht: Eine TV-Serie als Roman unserer Zeit

Schärft den Blick für die neoliberalen Spiralbewegungen sozialer Macht: „The Wire“, Plakat zur TV-Serie

Seine legendäre Studie über „Die Realität der Massenmedien“ eröffnete Niklas Luhmann einst mit der Sentenz: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Und einige Zeilen später hieß es: „Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können.“ Der Bielefelder Denker liebte solch lakonisch paradoxen Auftakte – sie waren das Stilmittel eines feinsinnig ironischen Magiers der Sachlichkeit. Mit nur zwei Sätzen gelang es dem brillanten Soziologen, das fundamentale Dilemma unserer medialen Hyper-Synchronwelt präzise zu benennen – eine literarische Qualität, die man bei der heutigen Gilde wissenschaftlicher Schriftsteller nicht selten schmerzlich vemisst. Vielleicht muss man Niklas Luhmann neben Sigmund Freud posthum als den innovativsten Geisteswissenschaftler des 20. Jahrhunderts betrachten, dessen vieltausendseitiges Hauptwerk über die Theorie der modernen Gesellschaft zur Kenntnis nehmen muss, wer sich zeitdiagnostisch auf der Höhe der Kunst bewegen will.

„Luhmann verkörperte“, beschreibt ihn sein prominenter Schüler Peter Fuchs, „das Bild des hochkonzentrierten, distanzierten, unablässig denkenden Denkers, dem man sich annähern kann, wenn man zufällige und prägende, lebensgeschichtlich induzierte Einflüsse imaginiert, durch die er Kontur und Wiedererkennbarkeit gewonnen hat.“ Doch diese Näherung bedeutete bisher harte intellektuelle Arbeit, denn Luhmanns Systemtheorie der modernen Gesellschaft erwies sich für jeden Leser als Zumutung von monströser Komplexität, allerdings auch als reichhaltigste, eigenwilligste und anregendste Herausforderung eines Denkens, das sich eingeschliffenen Deutungsmustern entzieht. Und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine US-Fernsehserie jemals einen Schlüssel zum besseren Verständnis der Texte Luhmanns – und damit der modernen Gesellschaft – liefern würde? Doch genau dieser Schlüssel liegt nun vor.

Brillanter Analytiker der Massenmedien: Niklas Luhmann

Krankenakte des Rechtsstaats

Wie kein anderes Produkt der Populärkultur hat die US-Fernsehserie „The Wire“ (2002-2008), produziert vom Qualitäts-Sender HBO, jüngst die medientechnologischen und gesellschaftstheoretischen Debatten unserer Zeit mitbestimmt. Wenn im November die fünfte und finale Staffel der Visual Novel in deutschsprachiger DVD-Edition erscheint, lässt sich die ganze innovative Wucht der großen Erzählung endlich in einem Zug genießen. Ihr Erfinder David Simon und Ko-Autor Ed Burns zeigen uns Baltimore als eine „Stadt, deren wichtigster Arbeitgeber inzwischen eine Universität ist, die Johns Hopkins University, gelegen im verhältnismäßig wohlhabenden Norden der Stadt und im armen Osten, in dem die Universität den Grundbesitz aufkauft. Eine Stadt, die inzwischen vor allem vom Dienstleistungssektor lebt und alte Hafengegenden hat, die zu Luxuswohnungsbau-Projekten werden, sowie große Stadtbereiche, deren vornehmlich schwarze Bevölkerung verarmt ist. In den Stadtgeschichten findet „The Wire“ Material und Protagonisten. Die Serie erzählt von Makro-Ökonomie und von der Dysfunktion der städtischen Institutionen, vom Krieg gegen die Unterschicht, und liest die vielen kleinen Geschichten am Rande auf, die sich dann diesseits des ohnehin schon weit in die Orte und Institutionen der Stadt verzweigten Plots verfolgen lassen“, wie der Film- und Literaturwissenschaftler Daniel Eschkötter in seiner Studie „The Wire“ (2012) voller Bewunderung notiert.

Simon, ehemaliger Polizeireporter der „Baltimore Sun“, seziert die faulenden Kadaver des Kapitalismus, schreibt in unvergesslichen Bildern eine luzide, soziologisch und journalistisch fundierte Krankenakte des demokratischen Rechtsstaates. In seiner Welt fungiert das Verbrechen als marodierendes System der alltäglichen Ausnahme jenseits von Gut und Böse: Soziale Verelendung, Drogenhandel, Korruption in Politik und Polizei, Rassismus, Zerstörung der Mittelschicht, Versagen der Medien und Schulen – jede Staffel lenkt die Konzentration auf eines dieser symptomatisch dysfunktionalen sozialen Systeme in der ersten Krisendekade des 21. Jahrhunderts zwischen dem Schock des „09/11“ und dem Ausbruch der weltwirtschaftlichen Schuldenkrise 2008, die im aufgeblähten amerikanischen Subprime-Immobilienmarkt ihren Anfang nahm. Der Filmwissenschaftler Jens Schröter zeigt in seinem Essay „Verdrahtet“ (2012) minutiös, wie die Serie äußerst realistisch den Kampf zwischen organisierter Kriminalität, Justiz und Polizei um die Medientechnologien inszeniert. „Wire“ (Draht, Kabel, Leitung): Der Titel konnotiert Telefone, Abhörgeräte und viele weitere Kommunikationsmedien – und spielt mit der metaphorischen Dreideutigkeit: technologisch, polizeilich, juristisch. Schröter überzeugt mit der luhmannesken Einsicht, derzufolge die moderne Gesellschaft in ihren Selbstbeschreibungen durch Medien geprägt und von ihnen abhängig ist.

Erreicht mit dem Nuancen-Reichtum seiner TV-Serie „The Wire“ die narrative Kraft des Romans: Autor und Produzent David Simon

Geplünderte Griechen

In der „New York Times“ resümierte der Journalist Nicolas Kulish hymnisch, „so nahe“ wie in „The Wire“ seien „bewegte Bilder der Tiefe und dem Nuancen-Reichtum des Romans noch nie gekommen.“ Doch nicht nur narrativ, auch stilistisch bietet die Serie puren Genuss. Daniel Eschkötter bilanziert: „Inszeniert ist ‚The Wire‘ in zumeist diskret realistisch markierten Bildern, komponiert aus dynamischen Einstellungen, mit Bodenhaftung, an den Figuren orientiert, ohne ostentativ subjektiv zu sein. Die Kamera-Arbeit ist oft elegant, ohne dabei aufdringlich zu sein, manchmal zeichnet sie sich durch größere Raumgreifungen, Schärfeverlagerungen oder aufwendigere Kameraoperationen wie Kranbewegungen oder Kombinationen von Fahrten und Zooms aus. Viel häufiger als im Fernsehen üblich werden Totalen verwendet – ’staying in the wide‘, ’show the world‘. Fernsehgrammatisch vertrauter hingegen sind die vielen ‚push-ins‘, sehr langsame Fahrten oder Zooms, die nicht nur die Einstellungen dynamisch (und unformalistisch) halten, sondern mitunter auch einen Primat der Rede herstellen. Es ist der Roman in Fortsetzung, aber ohne Cliffhanger, der ihr ein historisches und narratives Modell gibt, aber es ist vor allem auch die Serie, die modelliert, was Romane leisten können: die Verdichtung gesellschaftlicher Totalität – mag man diese auch als fragmentiert, aufgelöst begreifen.“

David Simon und Ed Burns, 27 Jahre lang Polizist und Lehrer in Baltimore, erhoben in „The Wire“ die Stadt zur Hauptfigur – in rund sechzig Stunden Gesellschaftstheorie und fünf Staffeln bietet diese Groß-Erzählung all das: investigativen Journalismus, eine Neuerfindung der Cop-Serie, nach deren Genuss man nie wieder auch nur eine Folge „CSI“ sehen will, der Slang der Straße, das Versagen der sozialen Systeme, schwarze Straßendealer und Drogen-Barone, verarmende Hafenarbeiter und versoffene Mord-Ermittler, Junkies und Bürgermeister, Schulkinder und Zeitungsmacher – „It’s all in The Wire“. Und Erfinder Simons gab seine Inspirationsquellen zu Protokoll: „Die Show handelt vom Niedergang eines Imperiums. In unserem System sinkt an jedem Tag der Wert eines jeden Individuums – egal ob Dealer, Staatsanwalt, Journalist. Dies ist das Amerika, für das wir bezahlt haben … Wir haben die Griechen geplündert: Sophokles, Aischylos, Euripides, aber nicht den Gute-Laune-Bären Aristophanes.“

Schüsse sind in der Lower East Side alltäglich: Filmszene aus „The Wire“

Die Macht im System

Doch während modische Neo-Marxisten in ihren kritischen Gesellschafts-Analysen bisher selten mehr zu bieten hatten als wenig erklärungskräftige, kurzatmige Universal-Metaphern, zum Beispiel Macht (Foucault), Kontrolle (Deleuze), Ausnahme (Agamben) oder Gewalt (Žižek), bietet uns „The Wire“ eine erzählte Soziologie auf Augenhöhe der Gegenwart. In seinem posthum publizierten Buch „Macht im System“ (2012) beschreibt Niklas Luhmann den diabolischen Mechanismus, von dem uns Simon so fesselnd berichtet: „Die Macht in einem funktional differenzierten System ist nicht transitiv, sondern mit reziproken und mit zirkulären Strukturen durchsetzt, und sie bleibt auch nicht summenmäßig konstant. Wenn nämlich die Komplexität des Systems, also die Zahl der Möglichkeiten, die zur Wahl stehen, und die Interdependenzen im System wachsen, nimmt auch die Macht des Systems zu. Alle Teilsysteme können dann, entsprechende Organisation vorausgesetzt, mehr Macht aufbieten, um den Selektionsbereich anderer einzuschränken, und werden häufig, um dies sinnvoll tun zu können, mehr Macht-Einwirkung akzeptieren müssen…“

Wie zeigt „The Wire“ uns das? „Es ist das Regieren mit der Statistik, das Transparenz simuliert und Zahlenspiele provoziert und produziert: Die Verbrechens-Statistik muss runtergehen, also etikettiert man die Verbrechen um oder bringt Fälle vor Gericht, die dort nicht standhalten, aber immerhin einen numerischen Ermittlungserfolg einbringen. Die Schulen müssen besser, das heißt erfolgreicher sein, um überhaupt Geld zu bekommen, also unterrichtet man die Fragen der standardisierten Tests. Gegen dieses Regieren und Regiertwerden, gegen die Korsette der statistischen Stadtmanagement-Systeme und der normierten Tests wird eine den Institutionen vorgängige Naturgesetzlichkeit der Arbeit und der Professionen in Stellung gebracht.“ (Eschkötter) Für diese neoliberalen Spiralbewegungen sozialer Macht schärft „The Wire“ unseren Blick. Ein größeres Lob über eine zeitgenössische TV-Serie lässt sich kaum denken. Sie lässt das Drahtseil schwingen, auf dem wir alle tanzen – medial und ökonomisch.

nächste Folge:
„Black Swan“
Skinema vérité: Darren Aronofsky und die Zukunft des globalen Körpers

(Fotos: Pressefotos, Wikipedia (Simon), Sonntag (Luhmann))

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Kategorien: Film

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