Susanne Viktoria Haupt
8. Oktober 2012

Oh people, it’s Folk!

Das Verhör: „Babel“ von Mumford & Sons

Eine wirklich tolle „Sippe“: Mumford & Sons, CD-Cover von „Babel“

Was habe ich gewartet. Zwar nicht solange wie viele andere Fans, die Mumford & Sons direkt nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums „Sigh No More“ im Jahre 2009 feierten – ich entdeckte diese großartige Band erst vergangenes Jahr -, aber das Warten und die Vorfreude waren mit Sicherheit genauso groß. Ich weiß noch, dass ich mehr oder weniger durch Zufall auf den Song „The Enemy“ stieß, der am Ende der Verfilmung von „Wuthering Hights“ gespielt wird. Sofort war ich hingerissen von der Stimme des Leadsängers Marcus Mumford und dem zarten und folklastigen Sound, den die gesamte Band anschlug. In guter Internet-Manier habe ich sofort jedes passable Youtube-Video angeschaut. Angefangen bei dem Song „Home“, den es leider nach wie vor weder auf dem alten noch auf dem neuen Album zu hören gibt, bis hin zu meinem ganz persönlichen Lieblingsstück „Hold On To What You Believe“, welches für mich nahezu zu einer Hymne wurde. Nach der Entdeckung bestellte ich mir umgehend das Debüt-Album der Briten, um es sogleich wieder an jemanden zu verschenken, der dieser Band aus noch wichtigeren Gründen verfallen war, und so saß ich nun ungefähr ein halbes Jahr ohne jegliche Mumford & Sons-CD herum, verfolgte jedes neue Indiz zum bevorstehenden neuen Album, hörte mir stundenlang alte Songs im Internet an, sang und weinte mit, zitierte Songzeilen, wann immer es passte und hielt Ausschau nach eventuellen Konzert-Terminen in Deutschland. Bis dann endlich die erste neue Single erschien, „I Will Wait“. Und ja verdammt, ich stampfte beim ersten Hören fast mit den Füßen auf den Boden, doch ich war gewillt zu warten, bis Ende September, nahm die Pre-Order in Anspruch und zählte die letzten Tage kontinuierlich herunter. Bis es da war. Das neue Album „Babel“. Und Leute, ich sage Euch: Ich verliebte mich ebenso sanft und lebenslang in „Babel“ wie ich mich zuvor sanft und lebenslang in „Sigh No More“ verliebt hatte.

Ganz schnell ganz groß

Die seit 2007 bestehende Band um Sänger Marcus Mumford erntete durch ihre zahlreichen Auftritte im Gründungsjahr bereits soviel Publicity und Anerkennung, dass sie schon 2008 auf dem berühmten Glastonbury Festival spielen durfte. Ihr Debüt-Album entwickelte sich zum Dauerbrenner in England und ihre Single „Little Lion Man“ wurde in Australien zum „Hottest Track of 2009“ gekürt. Seitdem tourten Mumford & Sons fast unablässig durch Europa, Amerika und Australien. Sie spielten auf Festivals, erst in kleinen Clubs, dann schnell in ausverkauften großen Stadien und sogar in den Red Rocks, wo schon Größen wie Incubus gespielt haben. Die Messlatte für das neue Album lag also verdammt hoch, und vorab munkelte man, dass „Babel“ sich ganz anders anhören würde, als alles, was Mumford & Sons zuvor gespielt hatten und das es ganz neue Einflüsse gebe. Was normalerweise eine gute musikalische Entwicklung bezeichnen würde, schockierte die Fans. Wollte man wirklich, dass diese Jungs ihren Sound verändern? Wollte man sie sich wegentwickeln sehen vom Folk und dem teilweise mehrstimmigen Gesang, der ihr Markenzeichen wurde und einem bei jedem Hören den Enten-Parka überstreift? Ehrlich gesagt: nein. Doch ich kann an dieser Stelle all diejenigen beruhigen, die das Debüt-Album der Band lieben, aber das neue noch nicht kennen: Mumford & Sons sind immer noch Mumford & Sons.

Energiegeladener Einstieg

„Babel“ reißt die Hörer gleich mit dem ersten Song, der ebenfalls „Babel“ heißt, vom Hocker. Schließt man die Augen, dann sieht man umgehend weite Wiesen und Felder vor sich. Aber so wirklich sitzen bleiben kann man nicht, denn Marcus Mumford schmettert einem mit seiner rauhen und energiegeladenen Stimme soviel Kraft entgegen, dass man aufstehen will, sich bewegen muss. Man möchte die Fenster aufreißen, die Herbstsonne reinlassen und die Songzeile „But i believe in grace and choice“ herausbrüllen. Genauso energievoll und emotional geht es mit dem zweiten Track „Whispers In The Dark“ weiter, bei dem Mumford in seiner kraftvollen Stimmlage den Satz „But my heart was colder when you’d gone“ singt – ein Gefühl, das eigentlich jeder ganz genau kennt. „I Will Wait“, der dritte Song auf der Platte und die erste Single-Auskopplung, war schon vor seiner Veröffentlichung ein Hit. Kurz gesagt: Durch den wunderbaren Einsatz ihrer ganzen Instrumenten-Bandbreite und der mitschwingenden Dringlichkeit und Bestimmtheit ist „I Will Wait“ mein absoluter Lieblingssong auf dem neuen Album von Mumford & Sons, zumal er schnell eine Identifitaktionsfläche bietet. Das anschließende „Holland Road“ kommt ruhiger daher, was allerdings ebenfalls gut ist, da man nach drei großartigen Auftakt-Tracks schnell aus der Puste kommen könnte. Mit viel Poesie geht es um den Glauben an jemanden und um die Suche. Und die Stimme des Sängers bedient sich auch hier eines schmerzvollen und fast flehenden, mit Sehnsucht gefüllten Klanges während die Instrumente diese Sehnsucht kraftvoll zu unterstreichen vermögen.

Von Liebe, Schmerz und Sehnsucht

Die folgenden vier Songs, „Ghosts That We Knew“, „Lover Of The Light“, Lover’s Eyes“ und „Reminder“ sind alle ruhigerer Natur und vor allem das Liebeslied „Reminder“ hat es mir schon alleine vom Text her angetan. „A constant reminder of where I can find her, light that might give up the way, it’s all that I’m asking for without her I’m lost, oh my love don’t fade away“ – im Vergleich zu vielen anderen kitschigen Liebesliedern hat man bei Mumford & Sons das Gefühl, dass die Herren wussten, wovon sie schreiben und sich der Song deswegen ehrlich anfühlt. Das folgende „Hopeless Wanderer“ würde wiederum fast als klassische Mumford & Sons-Nummer durchrutschen, wenn die Band einen zwischendurch nicht instrumental und gesanglich so wahnsinnig aufwecken würde. Und zwar genau dann, wenn einem ziemlich unmissverständlich „Hold me fast, ‚cos I’m a hopeless wanderer“ entgegengesungen wird und das Tempo rasant in seiner Intensität angezogen wird. Mit „Broken Crown“ schließlich wird es emotional etwas bedrückender. Nicht nur textlich („I’ll never be your chosen one“), sondern auch vom Arrangement her wirkt das Lied weniger hoffnungsvoll, sondern vielmehr tendenziell anklagend, wütend und verletzt. „Below My Feet“ wiederum ist für mich eigentlich jetzt schon der perfekte Song, um mich in den nächstbesten Zug zu setzen und eine lange spannende Reise zu unternehmen. Das letzte Stück „Not With Haste“ klingt nach einer wunderbaren Liebeserklärung. „We will run and scream, you will dance with me, they’ll fulfill our dreams, and we’ll be free, and we will be who we are, and they’ll heal our scars, sadness will be far away“ heißt es, und genauso sollte sich Liebe und auch gleichermaßen Freundschaft in ihrer perfekten Form anfühlen. „Not With Haste“ distanziert sich von klassischen Love-Songs, in denen es eher darum geht, sich an jemanden zu binden und ohne diesen nicht mehr lebensfähig zu sein, sondern stellt ein Bild der Gemeinschaft und Freiheit her.

So hört sich Herbst an

An dieser Stelle wäre nun das eigentliche Album zu Ende, da ich aber nicht anders konnte, habe ich mich bei meiner Pre-Order für die Deluxe-Edition der CD entschieden, die neben dem Zugang zu einer Online-Dokumentation über die Touren der Band drei weitere Songs beinhaltet. „For Those Below“ erinnert stark an die folklastigen Simon & Garfunkel und deswegen wundert es nicht, dass darauf eine Version deren Hits „The Boxer“ folgt. Nahe am Original, aber dennoch mit eigener Note durch die mit starkem Wiederkennungswert versehende Stimme von Marcus Mumford, der seine emotionale Impulsivität zu Gunsten des Songs ein wenig zurückschraubt und das Stück als solches dadurch glänzen lässt. Mit dem Finale „Where Are You Know“ letztlich stellen Mumford & Sons die Frage „Do you ever think of me, in the quiet, in the crowd?“. Besser hätte man dieses Lied nicht platzieren können, denn es holt einen sanft von der emotionalen, energiegeladenen und turbulenten Reise durch die Welt von Mumford & Sons herunter. Genau wie beim Debüt-Album „Sigh No More“ brauchte ich auch bei „Babel“ einige Stunden Zeit, um mich gänzlich reinzuhören. Zwar gehen sofort ein paar markante Stücke ins Ohr – wie beispielsweise „I Will Wait“ -, aber der Langzeitgenuss des Albums stellte sich bei mir erst nach ein paar Hör-Durchgängen ein und vor allem nach genauerer Beleuchtung der Texte, die einen wesentlichen Bestandteil der Musik der britischen Band ausmachen. Nach dieser Erkenntnis wird das Album keinesfalls langweiliger, halten einen doch gerade die von vorneherein auffälligeren Songs locker bei der Stange. „Babel“ ist das perfekte Werk für den Herbst und all diejenigen, die das Herz voller Sehnsucht, Liebe, Freiheitsdrang und Folk haben. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Jungs bald einmal wieder nach Deutschland kommen und sich für ihr drittes Album erneut so ins Zeug legen.

Mumford & Sons: „Babel“, CD, 12 Songs (Deluxe-Version mit 15 Songs), 52 min. (Deluxe-Version 63 min.), Cooperative Music, Universal

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Kategorien: Musik

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