Jörg Smotlacha
15. Oktober 2012

Eine Verstörung

Seitenansicht: „Die Versehrten“ von Gonçalo M. Tavarez

„Die Versehrten“ von Gonçalo M. Tavarez, Buchcover

Vier Uhr morgens in irgendeiner Stadt in Europa. Es ist finster, und mehrere Menschen irren durch dunkle Gassen. Mylia, die Schmerzen im Unterleib hat, da sie in einer psychiatrischen Klinik unsachgemäß sterilisiert worden ist, nachdem sie von einem Mitpatienten schwanger geworden ist. Theodor, ein renommierter Arzt und Historiker, der einmal Mylias Ehemann war, und besessen ist von der Idee, eine Theorie des Schreckens zu entwickeln, die all das Übel in unserer Welt erfasst, und nun auf der Suche nach einer Prostituierten ist. Ernst, ein Schizophrener, der Mylia geliebt hat und ihr ein Kind gemacht hat, sich eigentlich gerade aus dem Fenster stürzen wollte und dann doch einem Hilferuf Mylias erlag, die gerade in Ohnmacht zu fallen droht. Hinnerk, ein Krigesversehrter, der immer Waffen bei sich trägt und sich Begegnungen mit Menschen nur als Akt der Aggression vorstellen kann. Und außerdem Hannah, die mit Hinnerk befreundet ist, sich mit Freiern abgibt und ihm ihr Geld abliefert. Nun will sie Theodor treffen. Doch da ist auch noch der zwölfjährige Kaas, Sohn von Mylia und Ernst, der bei Theodor aufwächst und nun auf die Straßen der düsteren Stadt rennt, da sein Vater nicht zuhause ist. In dem Moment, in dem all diese Menschen aufeinandertreffen, ist die Gewalt nicht mehr abzuwenden…

Der portugiesische Autor Gonçalo M. Tavarez hat ein schwer beunruhigendes Buch geschrieben, doch „Die Versehrten“ ist auch ein Werk, das seine unglaubliche Intensität durch die Schönheit der Sprache erreicht und in jedem Moment fesselt. Theodor, Hinnerk, Ernst und Mylia, Hannah und selbst Kaas – sie alle sind „Versehrte“. Ob es um große Schmerzen, Kriegserfahrung, geistige Verwirrung oder Behinderung geht – alle beteiligten Protagonisten tragen ein schweres Los mit sich. Doch sie können auch voller Liebe sein. Und Tavarez hat großartige literarische Ideen: Etwa, wenn Theodor, der Arzt, Fotos von Leichenbergen aus den Konzentrationslagern betrachtet, worauf er Forschungen anstellt, um Aussagen über die zeitliche Verteilung des Grauens über die Jahrhunderte zu erhalten. Groß geraten ist auch die Frauenfigur Mylia, die voller Schmerzen ist, sich scheinbar absurd ins Religiöse flüchtet, plötzlich einfach nur pinkeln muss und am Ende doch die Starke ist. Tavarez‘ schriftstellerische Größe äußert sich zum Beispiel auch, wenn er die Beobachtungen des kleine Kaas einstreut.

„Die Versehrten“ ist ein böses Buch, doch unbedingt auch ein wichtiges. Denn es handelt von uns Menschen. Von Europa. Von unserer Seele. Und vom Zusammenleben. Und wenn Tavarez nun in eimem Atemzug mit den portugiesischen Star-Autoren José Saramago und António Lobo Antunes genannt wird, ist dies kein Wunder: Dieses Buch glänzt. Und verstört.

Gonçalo M. Tavarez: „Die Versehrten“, Roman, 240 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN-13: 978-3421045027, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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