Marc Mrosk
10. Oktober 2012

Roter Oktober

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 22: Im Stadion

Der Bolzplatz am Messespielplatz. Wo Träume entstanden und zerstört wurden

Es gibt einige Gründe dafür, warum Milan den Oktober als den „roten Oktober“ bezeichnet. Zum einen liegt es daran, dass er sein erstes Live-Spiel von Hannover 96 im Oktober in der Abstiegssaison 1995/96 mitverfolgt hat. Der Gegner hieß VfL Wolfsburg und das Spiel ging 0:1 verloren. Torschütze war ein gewisser Piotr Tyszkiewicz. Zum anderen bestritt Milan sein ersten Spiel für die Amateure im Oktober 1999 – und jener Tag, an dem er sich dazu breitschlagen ließ, auf dem Bolzplatz am Messe-Spielplatz mit den Freunden zu kicken, war ebenfalls im Oktober, ein Jahr später. Bei diesem Gekicke blieb er mit seinem rechten Fuß in einem Hasenbau stecken und riss sich das Kreuzband. Acht Monate lang gab es für ihn keinen Fußball mehr, außer wenn er sich die Spiele von Hannover 96 im Fernsehen anschaute. Eher wehleidig verfolgte er die Saison 2000/01 in der Zweiten Liga. Zu diesem Zeitpunkt schwante ihm bereits Böses. Sein Trainer war außer sich vor Wut gewesen, seinen besten zentralen Mittelfeldmann wegen eines blöden Spiels auf einem Bolzplatz für den Rest der Amateurliga-Saison zu verlieren.

Milans zweites Zuhause: An der Schützenallee

Milan plagten Gewissensbisse, und als er nach acht Monaten genesen war, musste er feststellen, dass er auf kuriose Weise den Großteil seines Talents eingebüßt hatte. Drei Spiele verbrachte er noch auf der Bank und einmal wurde er eingewechselt. Milan fand überhaupt nicht mehr in sein Spiel zurück. Sein Frust steigerte sich natürlich immer mehr. Er fing an, das Training zu vernachlässigen, zog öfter, als ihm gut tat, nachts um die Häuser, um dann stark angetrunken morgens um sechs nach Hause zu kommen. Für den Sport hielt er sich so gut wie gar nicht mehr fit. Seine Kraft und seine Ausdauer, die geblieben waren, widmete er nächtlichen Saufgelagen. Er nannte es einen „Teufelskreis“. Angeichts des Frustes ließ er sich fallen, und so verlor er stetig mehr an Motivation, es noch einmal zu versuchen. Schließlich wurde er aus der Mannschaft geschmissen, verlor seine Freundin und sein Selbstbewusstsein. Seine Freizeitaktivitäten beschränkten sich nun nur noch aufs Kiffen und Saufen. Im zweiten Lehrjahr schmiss er die Ausbildung als Speditionskaufmann und lebte von da an nur noch in den Tag hinein. Es folgten Besuche beim Sozialamt und zahlreiche Vorstellungsgespräche für unterbezahlte, wie er es nannte, „Jobs für Idioten“. Die meisten dieser Jobs behielt er nicht länger als zwei oder drei Monate. Er hatte den Tiefpunkt erreicht.

Mit viel Ehrfurcht und Melancholie wird das Tor zum Profi-Sport begutachtet

Wenn wir die alten Wirkungsstätten seiner verschluderten Fußballer-Karriere besuchten, schwelgte er in Erinnerungen. „Du kannst so etwas nicht einfach vergessen und sagen: „‚Ach schade, aber sollte es wohl halt nicht sein.'“ Milans Enttäuschung war für mich nachvollziehbar. Manche Rückschläge kommen für einen Menschen einfach in zu jungen Jahren, wenn man auf die Härte des Lebens noch nicht gut genug vorbereitet ist. Denn Milan gehörte zum Besten, was der niedersächsische Fußball um die Jahrtausendwende vorzubringen hatte. Ein Sprung in die Profimannschaft von Hannover 96 war nur noch eine Frage der Zeit. Spiele machen und Tore schießen vor über 20.000 Zuschauern oder später auch vielleicht einmal vor knapp 50.000 war immer sein großer Traum. Der Teil einer Mannschaft zu sein und mit ihnen Erfolge zu feiern, wäre das Größte für ihn gewesen.

An der Schützenallee in Döhren Richtung Maschsee machten Milan und ich Halt und verbrachten ein paar Minuten auf dem eingezäunten Bolzplatz kurz vor der Bezirks-Sportanlage von Niedersachsen Döhren. Hier hatte er als kleiner Junge auch hin und wieder gespielt. Vielleicht wäre er einer der letzten Straßen-Fußballer geworden, die es in die Bundesliga geschafft hätten. Sein Enthusiasmus verleitete ihn damals gar dazu, Videos von seinen Spielen und von Schuss-Übungen auf dem Bolzplatz aufzunehmen und bis nach Argentinien zu den Boca Juniors Buenos Aires zu schicken, wo Mitte der Neunziger sein großes Idol Maradona spielte. Auch wenn Milan nie eine Antwort bekam – er war imer der festen Überzeugung, dass sie ihn irgendwann genommen hätten und nicht nur das. Er strotzte zu seiner aktiven Zeit so vor Selbstbewusstsein und widmete jede freie Minute dem Fußball, dass er sich definitiv schon bei einem der großen europäischen Klubs gesehen hat. Tja, wenn es gut läuft, dann sieht man nur die guten Dinge, die demnächst noch besser werden – aber dann kommt es ganz anders. Der Erfolg blendet einen manchmal und man erwartet einfach keine Rückschläge, schon gar nicht in jungen Jahren.

Seit 12 Jahren endlich wieder im Stadion, und natürlich ist es Oktober

Auf dem Trainingsgelände von Hannover 96 blieb Milan vor dem Eingangstor stehen und blickte über den feingemähten grünen Platz. „Wenn du es erstmal zu den Profis geschafft hast und Dich nicht zu blöd oder überheblich anstellst, dann hast Du ausgesorgt. Nicht nur, was das Finanzielle betrifft, sondern vielmehr geht es darum, ein Ziel im Leben erreicht zu haben, dass nur ganz wenigen Menschen vergönnt ist. Es gibt viele Talente da draußen, aber nicht jedes bekommt eine Chance, und einige hatten einfach Pech, verbunden mit viel Leichtsinn, wie es bei mir der Fall war. Ich glaube auf jeden Marco Reus kommen drei oder vier von meiner Sorte.“ In der AWD-Arena, die für Milan immer noch das Niedersachsenstadion ist, kamen ihm Erinnerungen an alte 96er-Tage. Der Absturz bis in die Regionalliga, der Aufstieg bis hin in die Bundesliga, dann das Jahr, als Enke sich das Leben nahm und man um den Klassenerhalt spielte. Heute spielt Hannover in der Europa League, und das mit einer Tendenz nach oben. „Wenn die Roten dieses Jahr so weiter machen und sich immer ein bisschen steigern können, dann ist vielleicht sogar die Qualifikation für die Champions League drin.“ Am letzten Wochenende kam der Deutsche Meister aus Dortmund. Es war das erste Spiel seit knapp 12 Jahren, das Milan live im Stadion sah. Natürlich war es Oktober. Beim Führungstreffer von Lewandowski bekam ich eine SMS: „Wäre ich bloß nicht hergekommen. Das bringt Unglück.“ Beim Ausgleich von Mame Diouf bekam ich die zweite: „Man soll doch nie die Hoffnung aufgeben.“

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur

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