Kathrin Tegtmeier
12. März 2007

Vier Mal Leben hoch zehn

Der hannoversche Fotograf und Künstler Marc Seestaedt im Portrait

Eine Katze hat sieben Leben, heißt es im Volksmund. Nacheinander wohlgemerkt. Während die Stubentiger den größten Teil des Tages gemächlich schnurrend auf dem Sofa verbringen, geht es bei dem Multitalent Marc Seestaedt weniger geruhlich zu. Sein Tag ist nie lang genug – 72 Stunden wären besser. Kein Wunder, denn es wäre schön, wenn man „vier“ Leben gleichzeitig leben könnte, erklärt Seestaedt mit einem Augenzwinkern: „Das des Künstlers, der nur im Atelier steht und gute Kunst schafft, das des Otto-Normal-Verbrauchers, mit geregeltem Job und Familienleben, das des Mäzens, der die Leute zusammenbringt sowie das des Entwicklungshelfers, der in der Dritten Welt die Bevölkerung Englisch lehrt, damit sie sich eine Existenz aufbauen können“. Und man merkt sofort, dass Marc Seestaedts Tage zwar durchaus länger sein dürften, seine vielseitigen Projekte und Ambitionen ihm aber genau die Befriedigung verschaffen, die er zu einem erfüllten Leben braucht.

Marc Seestaedt

Hat sich Entspannung auf dem Sofa verdient: Marc Seestaedt

Von Küchenkunst und Netzwerkcharakter

Im Moment sieht sich der Lindener, der „in dem schönen Greifswald an der Ostsee“ geboren wurde, aber bereits seit neun Jahren in der Landeshauptstadt lebt, eher in der Rolle des Künstlers und Mäzens. Er ist ein Kopf des Projektes „artkitchen“, das er zusammen mit seinem Freund und Mitbewohner Felix Landerer Ende 2005, Anfang 2006 initiiert hat. Landerer tanzte im Ensemble der Staatsoper Hannover und arbeitet seit Sommer 2006 als freier Choreograph. Die Idee, eine Plattform mit Projekten verschiedener Künstler aufzubauen, schwirrte Seestaedt bereits seit mehreren Jahren im Kopf herum. In der gemeinsamen WG-Küche unterhielten sich die Freunde zunächst nur spielerisch über das Projekt. Allerdings wurde beiden schnell die Tragfähigkeit und Reichweite ihrer Ideen klar und es entstand ein handfestes Konzept. Was lag da also näher, als dem gemeinsamen Kind den Namen „artkitchen“ zu geben?

Marc Seestaedt live auf der Bühne mit seinem Midnight Radio-Projekt

Midnight Radio: Marc Seestaedt live

Die Öffentlichkeit selber schaffen

Nach Seestaedts Worten soll die Kunst- und Kulturplattform „artkitchen“ die Vernetzung von Kunst und Künstlern untereinander vereinfachen. „Ich will eine Szene aufbauen, weil ich der Meinung bin, dass es in Hannover keine übergreifende Kunstszene gibt. Entweder schmiert jeder seine eigenen Brötchen oder die Künstler brauchen kein Netzwerk mehr, weil sie bereits etabliert sind. Wir wollen die freie Kulturszene ansprechen und zeigen, wie vielseitig sie ist“, lautet Seestaedts erklärtes Ziel. Natürlich steckt auch eine subjektive Motivation dahinter. Denn als noch nicht gänzlich etablierter Künstler empfinde man es in der Regel als sehr mühsam, das Augenmerk der Presse auf sich zu ziehen und sie konstant für neue Blickwinkel der Berichterstattung zu begeistern. Man habe den Fokus in den Medien schlichtweg und ausschließlich auf die bekannten Kulturschaffenden gerichtet, so der 27-Jährige. Artkitchen begreift er denn auch als „ein persönliches Motivationsnetzwerk, um Chancen aufzuteilen und effektiver zu arbeiten“. Denn in der Partizipation von gemeinsamen Kompetenzen und Erfahrungen liegt für Seestaedt der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Man müsse sich seine Öffentlichkeit kompetent und selbstbewusst selber suchen beziehungsweise auch schaffen.

Fotoarbeit von Marc Seestaedt

Fotografische Natürlichkeit: Seestaedt fotografiert Menschen in Alltagssituationen

Wer aber darf sich nun in die Küche begeben und sein Süppchen mitkochen? Im Grunde jeder. „Felix und ich besprechen uns und lassen uns selbstverständlich auch Arbeiten zeigen. Die müssen einem gewissen Standard entsprechen, um das Level zu halten, welches wir uns als roten Faden für unsere Arbeit, aber auch für unsere Website gesetzt haben“, erklärt Seestaedt. „Kunstinteressierte haben ein Gespür, eine Emotion, ob ein Konzept schlüssig und gut ist“, führt er aus. Als Grundvoraussetzung für Kooperationen müsse aber natürlich vor allem ein gutes Gefühl bei den Leuten vorhanden sein, mit denen zusammengearbeitet wird. Dann sei es letztlich auch egal, ob sie aus Hannover, München oder Grönland kommen.

Soziales Engagement und multimediale Projektarbeit

Von Haus aus ist Marc Seestaedt Sozialpädagoge. Doch bereits während des Studiums hat er sich ausgiebig mit Fotografie, Tanz und Theater beschäftigt. Nach seinem Abschluss absolvierte Seestaedt zunächst für vier Monate ein soziales Freiwilligen-Engagement in Südostasien. Von dort zurückgekehrt, startete er umgehend in die Selbständigkeit: Seestaedt bietet Workshops in der Kinder- und Jugendarbeit an, leitet die Theater-AG für das Schauspielhaus Hannover und realisiert Kreativ-Projekte in den Bereichen Film und Fotografie. Als aktiver Künstler konzeptioniert er mit wechselnden Kolleginnen und Kollegen multimediale Kunstprojekte und mehrdimensionale Konzertabende wie zum Beispiel die Radio-Live-Show „Midnight Radio“. „Mich interessiert der Gedanke, Kunstformen und mediale Präsentationsformen zu mixen, zu ergänzen und sich gegenseitig befruchten lassen“, erzählt der sympathische Künstler. Das könnte dann im Ansatz beispielsweise wie folgt aussehen: Ein Konzert und eine Lesung werden soweit miteinander ergänzt und kombiniert, dass der Rezipient sich nicht im Klaren darüber ist, ob er sich nun auf einer klassischen Lesung befindet oder einem Konzert beiwohnt.

Fotoarbeit von Marc Seestaedt

Seestaedt hat außergewöhnliche Szenen im Blick

Fotografische Selbstinszenierung anhand von Bildergeschichten

Marc Seestaedts eigentliches Steckenpferd aber ist die Fotografie. Ihn faszinieren Menschen und die Vielschichtigkeit der Interaktion zwischen ihnen. Dabei umfasst sein Spektrum ebenso die Bereiche der Mode-, Band- und Portrait-Fotografie wie Bildstrecken von Tanz- und Theaterproben. Bei Seestaedts Vielseitigkeit und fotografischer Qualität ist es kaum zu glauben, dass er sich seine Fertigkeiten autodidaktisch angeeignet hat. „Ich habe lange beobachtend und mit möglichst wenig Einmischung in die Situation fotografiert und mich dann Ende 2004, Anfang 2005 der erzählenden und inszenierenden Fotografie zugewandt, weil ich das Medium mehr als Erzählmedium denn nur als Abbildungsmedium nutzen wollte. Ich wollte Geschichten entwickeln und autobiografischer arbeiten.“ Dabei herausgekommen sind unter anderem eindrucksvoll inszenierte und nachdenkliche Bildgeschichten, aber auch biografische Storys in fotografischer und überzeichneter Comic–Form. So unterschiedlich und vielseitig Seestaedts Arbeiten auch sind, eines haben sie alle gemeinsam: Ihnen ist anzusehen, dass sie eine absolute Herzensangelegenheit des Künstlers sind.

Foto-Comic von Marc Seestaedt

Verschwimmende Grenzen: Vom Foto zum Comic und wieder zurück

Reduktion auf das Essenzielle

Hinsichtlich der fotografischen Inszenierung mag es der Künstler, der Duane Michaels oder Henri-Cartier Bresson zu seinen Vorbildern und Inspirationsgebern zählt, einfach: „Sollte ich einen Leitspruch formulieren, wäre es wohl ‚keep things simple‘. Für die Fotografie heißt das, dass ich den Aufwand gern klein halte: Nicht zuviel technisches Drumherum und möglichst mit natürlichem Licht arbeiten. Aus Vereinfachung und Reduktion auf das Essenzielle geht eine eigene Schönheit und Qualität hervor, die ich mag.“ Und er formuliert einen Schlusssatz, der Gleichsam für seine künstlerische Arbeit wie auch für sein Leben gelten kann: „Wirf Dinge über Bord, die du nicht wirklich brauchst und du wirst dich leichter fühlen. Leichter, beweglicher, unabhängiger – offener für Neues und Abwegiges.“

Nicht verpassen:

Marc Seestaedt ist am 23. März mit einer Auswahl seiner besten Fotografien zu Gast am KULTURKIOSK von langeleine.de. Und auch hier wird der 27-Jährige mit der Inszenierung und Präsentation seiner Werke zu überraschen wissen.

„Midnight Radio“ mit Marc Seestaedt:
Kulturpalast Linden
Freitag, 30. März
Beginn: 20.30 Uhr
Achtung: Die Show fängt pünktlich an!

Weitere Infos zu Marc Seestaedt und seinen Arbeiten:
www.marcseestaedt.de
www.artkitchen.net

(Fotos: Marc Seestaedt, Foto Seestaedt: Henning Chadde)

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Kategorien: Kunst, Menschen

3 Kommentare

  1. Klaas sagt:

    dadada,

    messias Johanes eh jebus sabes. toller „artikel“, sehr aufschlussreich. Schön, dann ist hannover ja doch nicht im arsch, endlich jemand mit konzept und visionen sowie weltideen, besser geht nicht.

    dank auch an die langeleitung für gewohnt kritische selbstbefriedigung.

    machts euch weiter so

    gemütlich

    klaas

  2. Lukas peters sagt:

    lieber klaas, ich findees fragwürdig, dass du menschen, die etwas bewegenwollen so infarm an die wand stellst.
    marc seestaedt ist einer der schillerndsten künstler dieser stadt und die lange leine ist neben der np das einzige ernstzunehmende blatt.
    also lieber klaas, versuch doch selber fotos zu schissen, oder mal ein buch.

    ich hoffe wir sehen uns alle beim kulturkiosk,

    adieu marc,

    dein teddybär

  3. Pädda... sagt:

    …Einer der schillerndsten Künstler… WUHAHAHAHAHAR! oder… moment Ha ha ha ha ha! Der is noch besser: …Selber Fotos schissen! Muhahahaa… Ich schmeiß mich wech! Vielleicht sollte der Autor erst mal versuchen ein Buch zu lesen, kann unter umständen schon schwierig genug sein…

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