Matthias Rohl
30. Oktober 2012

Filmgeschichte(n): „Black Swan“

Skinema vérité: Darren Aronofsky und die Zukunft des globalen Körpers

Psychotischer Höllentanz zwischen Wahn und Wirklichkeit: „Black Swan“, Filmplakat

Für die besessene Ballettänzerin Nina Sayers (Natalie Portman) erfüllt sich der Traum ihrer jungen Karriere, als sie die Hauptrolle in Tschaikowskis „Schwanensee“ erobert. Doch die begehrte Doppelrolle entwickelt sich zum Albtraum: Während Nina die Unschuld des weißen Schwans perfekt verkörpert, stößt sie als verruchter schwarzer Schwan bald an die prüden Grenzen ihrer sexuellen Frustrationen. Getrimmt vom zwielichtigen Ballet-Direktor Thomas Leroy (Vincent Cassel), irritiert von ihrer freizügigen Rollen-Rivalin Lily (Mila Kunis), und vor allem bedrängt von ihrer zutiefst neurotischen Mutter (Barbara Hershey), der einst eine eigene Karriere als Tänzerin durch ihre Mutterschaft auf ewig versagt blieb, entdeckt Nina sukzessiv ihre dunklen Begierden, die bald bedrohlich Besitz von ihr ergreifen – und ein ödipal-psychotischer Höllentanz zwischen Wahn und Wirklichkeit beginnt…

Testet die Grenzen ihrer Rivalin gnadenlos aus: Lily (Mila Kunis)

Zufälligkeit im Exzess

In der Kulturgeschichte der Moderne hat man einen prominenten Platz reserviert für die kraftvolle Metapher des „schwarzen Schwans“, die in dreifacher Hinsicht Kontur gewinnt. Den Kern bildet hierbei die Deutung der Idee, es gebe erstens ein einzelnes Ereignis, das zweitens jenseits aller denkbaren Erwartungen liegt und höchste Wirkung entfaltet, und das „drittens eine manifeste Erklärungsnot provoziert, eine nachträgliche Suche nach Kohärenz, Zusammenhang und Plausbilität. Wie schwarze Schwäne im naturhistorischen Wissen der Neuzeit als schiere Unmöglichkeit erschienen und darum zum Emblem problematischer Induktionsschlüsse werden konnten, so bezeichnen sie hier einen Sprung, der die lineare Abfolge von Ereignissen unterbricht und ein ebenso insuläres wie unglaubliches und turbulentes Geschehen hinterlässt, eine Zufälligkeit im Exzess“, wie der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in seiner Studie über „Das Gespenst des Kapitals“ (2010) überzeugend darlegt.

In der Rolle ihres Lebens: Natalie Portman in „Black Swan“

Perfektion und Prothese

Im Horizont dieser Exzess-Metapher gelang Regisseur Darren Aronofsky mit „Black Swan“ (2010) eine existentielle Kunst/Körper-Phantasie höchster Konzentration, in der Natalie Portman oscargekrönt das vielschichtige Portrait einer sexuellen Initation vor Augen führt, deren Abgleiten in einen selbstzerstörerischen, psychotischen Perfektionismus zeitdiagnostische Brisanz gewinnt. Schon der Hyper-Naturalismus der Auftakt-Sequenzen mit auf der Tonspur bedrohlich krachenden Fußknochen beim morgendlichen Aufwärmtraining kündet vom künftigen Unheil halluzinierender Wandlungen, die Nina durchlaufen wird. Ihre autoagressiven Impulse in Form von Kratz- und Waschzwang-Attacken und ihre eingebildeten und realen Verletzungen lassen ihre Haut als mediale Membran zwischen Psychose und Performance erscheinen. In visuell bestechender Synthese aus experimentellen Bild-Kompositionen, dokumentarisch anmutenden Choreographien und tief durchdachten, anspielungsreichen Spiegel-Metaphern entfaltet Aronofsky eine kunstvolle Meditation über die Zukunft des globalen Körpers zwischen Perfektion und (psychischer) Prothese.

Mit „Black Swan“ für den Oscar 2011 nominiert: Regisseur Darren Aronofsky

Hybride Subjekte, emotionale Ökonomie

Auf dieser Linie liegen auch die Betrachtungen, die der Medienwissenschaftler Jörg Metelmann im Sammelband „Global Bodies. Mediale Repräsentationen des Körpers“ (2012) mit der treffsicheren Wortschöpfung „Skinema“ pointiert. Erzählt „Black Swan“ zunächst von der Entdeckung der dunkel dämonischen, masturbatorischen Seite des Selbst, so lauert unter der dräuenden Oberfläche nur schwer kontrollierbaren sexuellen Begehrens und autodestruktiver Zwangshandlungen eine zweite, tieferliegende Erzählung: „Im Film verbinden sich so Momente der spätromantischen Liebe als Entsagungsgeschichte im Plot von Schwanensee mit der Künstlerfabel des Selbstopfers im Namen der Perfektion mit der emotionalen Ökonomie des ’neuen‘ Kapitalismus in der Arbeitsrealität des Balletts (Nina als Perfektionistin in der Dopplung mit der Kreativarbeit probt bis spät in die Nacht, bis der Klavierspieler die Grenze zum alten Angestellten-Subjekt mit ‚ich habe ein Privatleben‘ einzieht) zu einer dramaturgischen Melange, die für das in diesen Subjektivierungsdiskursen gefangene Individuum letztlich nur Rausch (Lilys Rat, öfter etwas ‚einzuschmeißen‘) oder Krankheit (Schizo-Ich) als Lebensmöglichkeiten bereitzuhalten scheint.“ Das hybride Arbeits- und Künstler/Unternehmer-Subjekt fungiert als Prothesengott des digitalen Kapitalismus, sein Körper – im Geiste Schopenhauers – als Objektivität des Willens, dessen gefühlte Einheit sich jedoch nicht mehr dauerhaft einstellen will. In Darren Aronofskys Skinema vérité finden wir wuchtige Bilder dieser anthropotechnischen Spannungen der Körpererfahrungen unserer Gegenwart – Zukunft ungewiss.

nächste Folge:
„Cracker“ (1993-2006)
Schauspielkunst in Vollendung: Robbie Coltrane brilliert als manisch-depressiver Kriminal-Psychologe

(Fotos: Pressefotos Twentieth Century Fox (Filmszenen), Wikipedia/David Torcivia (Aronofsky))

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Kategorien: Film

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