Susanne Viktoria Haupt
19. November 2012

Auf der Flucht

Seitenansicht: „Sunset Park“ von Paul Auster

Gescheiterte, Flüchtende und Amerika in der Krise – Paul Austers „Sunset Park“, Buchcover

Seit etwa 2007 befindet sich die Welt in einer finanziellen Krisenblase. Nicht wenige Menschen – gerade in Amerika – verdienen ihr Geld damit, Häuser zu entrümpeln, und das ist auch einer von Miles gelegentlichen Jobs. Dabei sah doch seine Zukunft so rosig aus und ihr Scheitern hatte nicht einmal etwas mit der Finanzkrise zu tun, sondern mit dem Unfalltod seines älteren Stiefbruders Bobby, für den Miles sich selbst die Schuld gibt. Drei Jahre lang studierte Miles an einer Elite-Universität, bevor er wirklich alles hinter sich ließ und schließlich abbrach: sein Studium, den Kontakt zur Familie und überhaupt sämtliche Verbindungen zu seinem früheren Leben.

Miles flüchtet vor den Schuldgefühlen einmal quer durch das ganze Land, bis er in Florida sesshaft wird und dort die 17-jährige Pilar kennen und lieben lernt. Eine unheilvolle Beziehung aus Sicht der Leser, eine nachvollziehbare Begebenheit für Miles und selbst für seine Familie. Denn mit der muss er sich erneut konfrontieren, nachdem Pilars Schwester ihn wegen seiner Beziehung zur minderjährigen Geliebten erpresst, und er daraufhin mit ihr zusammen nach Brooklyn flüchten muss. In New York lebt nämlich auch Bing, der einzige Freund aus Miles‘ Vergangenheit, mit dem er stets Kontakt hielt – freilich ohne zu wissen, dass Bing ebenfalls Kontakt zu Miles‘ Eltern hielt und sie über seine Aufenthalte unterrichtete. So ziehen Pilar und Miles nach New York, in ein leerstehendes Haus im Viertel Sunset Park in Brooklyn zusammen mit der Doktorandin Alice und der Immoblilienmaklerin Ellen, die doch eigentlich Künstlerin ist. Aber die Polizei geht überhaupt nicht konform mit der Wohngemeinschaft in dem leerstehenden Haus, und Miles weiß, dass es früher oder später zu Konflikten kommen wird. Bleibt nur die Frage, ob er weiter weglaufen möchte oder sich endlich einmal stellen wird…

Paul Auster gehört definitiv zu den wichtigsten und beeindruckensten Gegenwartsautoren, die sich auf dem Literaturmarkt dieser Welt tummeln. 1947 geboren, fand er schon früh seine Liebe zur Literatur und zum Schreiben. Den Durchbruch erreichte Auster aber erst 1987 durch die Veröffentlichung seiner New York-Trilogie. In seinen Romanen geht es häufig um Menschen, die ihre eigenen Wurzeln und Identitäten verloren zu haben scheinen. Aber Auster dokumentiert auch und gerade mit seinem neuen Roman „Sunset Park“ nicht nur den Fluchtgedanken und die Konfrontationsangst seines Protagonisten Miles mit sich selbst, sondern auch die amerikanische Gesellschaft inmitten der Finanzkrise und ihre darin gescheiterte Existenz, die Ruhm und Glanz und oft auch ihr ganzes Hab und Gut aufgeben muss. Ein Gegenwartsroman, der durch Austers brillianten Erzählstil beeindruckt und an seine bisherigen Erfolge nahtlos anknüpft.

Paul Auster: „Sunset Park“, Roman, 320 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN-13: 978-3498000820, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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