Jörg Smotlacha
26. November 2012

Raus aus der Hamburger Schule

Das Verhör: „Pardon My English“ von Phantom Ghost

Anspielungen auf die Psychoanalyse: Phantom Ghost, „Pardon My English“, CD-Cover

Phantom Ghost gehört zu den erstaunlichsten Phänomen des zeitgenössischen deutschen Indie-Pop: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der die Hamburger Schule längst weit hinter sich gelassen hat, und Pianist Thies Myner, der früher bereits durch sein Mitwirken in Bands wie Die Regierung, Die Allwissende Billardkugel, Das Bierbeben oder Superpunk auffiel, überraschen mit äußerst erwachsenen, literarisch anspruchsvollen und gefühlvollen Songs, die eher auf die Theaterbühnen dieser Republik gehören als in kleine verschwitzte Clubs. Wer aber nun denkt, dass Phantom Ghost ihr Zielpublikum bestimmt nur in eingefleischten Fan-Kreisen oder einer äußerst abgehobenen Intellektuellen-Gruppe finden dürften, der irrt, denn die Hamburger beweisen nicht nur viel Humor, sondern zitieren lustig und munter querbeet durch die Kulturgeschichte und unterhalten beispielsweise mit Anspielungen auf die Psychoanalyse, die Mode-Szene oder die Vogelkunde. Das Ergebnis ist großer Pop.

„Pardon My English“ ist nun bereits der fünfte Longplayer dieser Band und wurde von Spiegel Online jüngst einfach mal so eben zur „Platte des Jahres“ erklärt. Überraschten von Lowtzow und Mynther bereits auf den Vorgängern „Phantom Ghost“, „To Damascus“, „Three“ und „Thrown Out Of Drama School“ mit kammermusikalischen Ausflügen, die mal an Chansons erinnerten und mal an Nick Caves Klavierballaden, gehen sie auf ihrer neuen CD noch einen Schritt weiter: Songs wie „Dr. Schaden Freud“, „Smashing New York Times“, „Three Limericks for Liberty“ oder das titelgebende „Pardon My English“ sind so ambitioniert und selbstreflektiert wie parodistisch. Tocotronic-Mastermind von Lowtzow klingt auf Englisch wie ein Opernsänger, und das Klavierspiel von Mynther ist so einfühlsam wie variantenreich. Man hört Phantom Ghost in jedem Fall an, dass das Projekt keine einmalige Schnapsidee ist, sondern seit mittlerweile zwölf Jahren mit viel Herzblut betrieben wird. Ein ungewöhnliches Werk und für Rockmusik-Freunde bestimmt nicht die Platte des Jahres, für alle interessierten Zuhörer aber ein Beweis dafür, was deutsche Musik kann, wenn sie so frei ist, keine Szene und kein Format bedienen zu müssen.

Phantom Ghost: „Pardon My English“, CD, 10 Songs, 36:54 min., Dial (Rough Trade)

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Kategorien: Musik

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