Susanne Viktoria Haupt
3. Dezember 2012

Kindermund tut Wahrheit kund

Seitenansicht: „Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?“ von Jess Jochimsen

Eigenwillig und ein bisschen anarchisch: der sturköpfige Grundschüler Tom als liebenswerter Alltagsheld in Jens Jochimsens Erzählungen

Nach der großen Erziehungsrevolution der 1960er- und 1970er-Jahre ist das Spektrum der Kindererziehung im neuen Jahrtausend offensichtlich wieder viel konservativer geworden. Eltern schleifen ihren Nachwuchs an mindestens drei verschiedenen Tagen der Woche zu diversen voranbringenden Freizeit-Aktivitäten, das Turbo-Abitur lässt kaum Platz zum Atmen und nach einer von vorn bis hinten durchstrukturierten Kindheit und Jugend spuckt einen das Leben mit circa 22 Jahren samt Master von der Uni. Zumindest ist dies der Wunschtraum vieler Eltern. Aber was tut man, wenn das Kind seinen ganz eigenen Kopf hat und obendrein um kaum eine Dummheit und keinen Spruch verlegen ist? So jedenfalls ergeht es dem Protagonisten in Jess Jochimsens neuem Buch „Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?“, denn dessen Sohn Tom nimmt nicht nur gerne Dinge wörtlich, sondern zeigt den Erwachsenen auch mal ehrlich einen Vogel. Zum Beispiel zerbröselt er sein Schulbrot, um sich wie einst Hänsel und Gretel den Heimweg zu markieren, verschleudert gerne sein Taschengeld, um für Fremde deren Parkuhren nachzufüttern und möchte außerdem dringend zum katholischen Religionsunterricht wechseln, um endlich die Beichte abzulegen, denn so könnte er ja seine liebenswerten Dummheiten wiedergutmachen. Aber nicht nur die schrägen Anekdoten seines Sohnes versüßen Toms Vater den Tag, auch Gespräche mit anderen Eltern können ihn gehörig in den Wahnsinn treiben. Dazu kommt noch die eigene Mutter, die sich als Oma hier und da in den Vordergrund schiebt und energisch versucht, in das latent anarchische Verhalten des Grundschülers einzugreifen – jedoch stets ohne Erfolg…

„Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?“ ist das mittlerweile sechste Buch des Kabarettisten, Autoren und Fotografen Jess Jochimsen. Der 1970 in München geborene Bühnenkünstler hat schon früh seine Leidenschaft für humorvolle Auftritte entdeckt. Mittlerweile tourt er regelmäßig durch ganz Deutschland, arbeitet mit den unterschiedlichsten anderen Künstlern zusammen und ist im Fernsehen beim Quatsch Comedy Club zu sehen. Für sein Schaffen ist Jochimsen bereits mehrfach ausgezeichnet worden, so zum Beispiel unter anderem mit dem Passauer Scharfrichterbeil, dem Prix Pantheon, dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, dem Deutschen Kabarettpreis und dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2011. Nebenbei verfasst der Autor auch ab und an Textbeiträge für die taz, das SZ-Magazin und die Frankfurter Rundschau. Sein neuer Erzählband rund um den kleinen Tom und seinen Vater jedenfalls zeichnet sowohl Eltern als auch Kinderlosen leicht ein Lächeln auf die Lippen und macht Mut für mehr Freiheit im eigenen Denken. Das liebevolle Verhältnis zwischen Vater und Sohn stören die Eskapaden des neunmalklugen Toms jedenfalls nicht.

Jess Jochimsen: „Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst? Geschichten von einem chaotischen Grundschüler und seinem Rabenvater“, Erzählungen, 160 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN-13: 978-3423347150, 7,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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