Matthias Rohl
4. Dezember 2012

Filmgeschichte(n): „Cracker“ (1993-2006)

Schauspielkunst in Vollendung: Robbie Coltrane als manisch-depressiver Kriminal-Psychologe

Genialische Vorstufe heutiger Serien-Komplexität: „Cracker, Filmplakat

Machen Fernseh-Serien intelligenter? Torkel Klingberg, Professor für Kognitive Neurowissenschaft am Karolinska-Institut in Stockholm, resümiert in seinem entspannten Buch „Multitasking“ (2008) den prominenten Flynn-Effekt: „Der neuseeländische Wissenschaftler James Flynn konnte zeigen, dass die Leistung bei Intelligenztests im Laufe des 20. Jahrhunderts permanent und in einem beträchtlichen Ausmaß gestiegen ist.“ Und nicht nur das – zudem scheint sich seither die Steigerungsrate zu beschleunigen. Die kleine Revolution dieser Entdeckung lag in der Erkenntnis, dass Intelligenz nichts Konstantes ist, sondern hochgradig formbar. Vor allem unser Arbeitsgedächtnis erweist sich dabei als der Teil unseres geistigen Instrumentariums, der sich tatsächlich trainieren lässt. „Intelligenz“, so Klingberg, „ist kein bei der Geburt bereits fertig ausgereiftes mentales Werkzeug.“

Pro Folge eine Intrige: „Starsky & Hutch“, Filmplakat aus den 1970er-Jahren

Es lässt sich schwer verkennen, dass Film und Fernsehen in den letzten zwei Jahrzehnten visuell anspruchsvoller und narrativ komplexer geworden sind. Ein kulturgeschichtlicher Zeitvergleich illustriert dies sofort: Die lineare Dramaturgie der Fernsehserie „Starsky & Hutch“ (1975–1979) liefert pro Folge zwei Hauptfiguren und genau eine Intrige. Zwei Dekaden später bietet die legendäre HBO-Produktion „Die Sopranos“ (1999–2007) pro Folge bis zu zehn ineinander verflochtene Handlungsstränge und Sub-Plots sowie hochgradig lernfähige, komplexe Figuren-Arsenale. „Zur erhöhten Komplexität trägt weiterhin bei, dass der Zuschauer nicht mehr in jedem einzelnen Momment hinreichend mit Kontext-Informationen versorgt wird. Stattdessen ist er gehalten, die Zusammenhänge und das, worauf die Figuren sich in ihren Dialogen jeweils beziehen, nach und nach selbst herauszubekommen.“ Was der Zuschauer der Gegenwart also leistet, ist polykontexturales Problemlösen: “ Zu verstehen, wie das, was man gerade sieht, mit dem zusammenhängt, was man zuvor gesehen hat, ist eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe“, wie Klingberg bilanziert.

Von der Not der Notlosigkeit

Als genialische Vorstufe heutiger TV-Komplexität erweist sich die Serie „Cracker“ („Für alle Fälle Fitz“), die Jimmy McGovern für den britischen Sender ITV schrieb und die von 1993 bis 2006 zu sehen war. Im Zentrum steht der forensische Psychologe und Universitätsdozent Dr. Edward Fitzgerald, der sich in seinen Therapie-Sitzungen mit Privat-Klienten langweilt und erst zur Höchstform aufläuft, wenn die Greater Manchester Police auf seine kriminalistische Brillanz zur Aufklärung grausamer Morde nicht verzichten kann. „Fitz“, der sich wie niemand sonst in die dunklen Abgründe der Psyche von Gewalttätern vertiefen kann und durch seine höchst unkonventionellen Methoden bei seinen Vorgesetzten starken Widerstand auslöst, wurde zur fesselnden Paraderolle für Schauspiel-Schwergewicht Robbie Coltrane.

14 Jahre lang „Fitz“: der schottische Schauspieler Robbie Coltrane

Adipös, kettenrauchend, alkohol- und spielsüchtig, kennzeichnet der Psychologie-Professor seine manisch-depressive Lage mit den Worten: „I smoke too much, I drink too much, I gamble too much – I am too much!“ Was der Philosoph Martin Heidegger einst die „Not der Notlosigkeit“ nannte – eigentlich hat Fitz alles Erstrebenswerte in seinem Leben erreicht: Beruf, Familie, Reputation -, ist in dieser Charakterstudie monströser Genialität Gestalt geworden: Nicht nur, dass Fitz‘ desolates Familienleben mit seiner selbstbewusst-modernen Ehefrau Judith (Barbara Flynn), dem pubertierenden Sohn und der jungen Tochter in einer schweren Krise steckt – weder eine vorläufige Trennung, noch die (ungewollte) dritte Schwangerschaft, weder eine Affäre mit der Polizei-Kollegin Jane Penhaligon (Geraldine Somerville), noch sein exzessiver Lebensstil können die unüberwindlichen Gräben zwischen allen Beteiligten überbrücken. Die Bestie der Destruktion in Fitz lässt sich nie lange zähmen – wovon sein in Nuancen zynisch-asoziales Auftreten nicht selten Zeugnis ablegt. Nur in den brillant inszeniert und gespielten Verhör-Sequenzen mit den mutmaßlichen Tätern ist dieser Anti-Held ganz bei sich, hier lauert er auf jeden kleinsten Fehler und jede Mikro-Expression in Gesicht und Körper verrät ihm wichtige Details, die er sofort zu einem erstaunlich präzisen Psychogramm pointiert – und so seine Verhör-Gegner im unberechenbaren Wechsel, mal einfühlsam subtil, mal raubtierhaft brachial, zermürbt.

Zorn in der Post-Thatcher-Ära

Die Zuschauer belohnten diese außergewöhnliche Serienqualität in den 1990er-Jahren mit Einschaltquoten von über 15 Millionen Zuschauern pro Folge – und erfreuten sich an authentischen Milieu- und Figuren-Porträts. Vor allem aber an der moralischen Komplexität, denn die Welt in „Cracker“ ist aus den Fugen: In ihr werden nicht selten Menschen jenseits des Rubikons von Gut und Böse zu Tätern, die im Grunde danach streben, eine verloren geglaubte Ordnung wieder herstellen oder eine Sünde bestrafen zu müssen – Embleme des Katholizismus sind ein evidentes Leitmotiv der Serie. Doch Fitz hat längst mit jeder Religion gebrochen – ihn bannt die Welt der pathologischen Exzesse. Einmal erklärt er seinen Studenten, was für ihn Mord darstellt: „healthy aggression, taken a little to excess“. Fitz durchlebt in seiner Arbeit immer wieder eine bedrohliche Gratwanderung: „Einerseits ist ihm seine Familie extrem wichtig, andererseits verteidigt er den Lebensstil des hartgesottenen einsamen Wolfs, wozu sein Zynismus gehört, der Alkohol und die Obsessivität, mit der er seine berufliche Profession verfolgt“, wie Felicitas Kleiner im Sammelband „Klassiker der Fernsehserie“ (2012) treffend bemerkt.

Zynismus, Alkohol und manische Obsessivität: Robbie Coltrane läuft in der Rolle des Dr. Edward Fitzgerald zur Form seines Lebens auf

Kleiner beobachtet weiter, dass „Cracker“ in ihrem Selbstbild verunsicherte Männer umkreise, deren Minderwertigkeitsgefühle sich in Aggressionen entladen: Zur Sprache komme eine umfassende Krise des Mittelschicht- und Working-Class-Mannes – „im Verhältnis zu Frauen, zur eigenen Sexualität, vor allem aber in Hinsicht auf seine Rolle im sich wandelnden politisch-ökonomischen Gefüge Großbritanniens der Post-Thatcher-Ära, in der die Arbeiterschicht zunehmend sozial abzurutschen droht. Was Fitz, was die Serie antreibt und ihr emotionales Zentrum ausmacht, ist eine große Frustration über die Marginalisierung dieser Männer – und das kluge, selbstkritisch-schonungslose Offenlegen des destruktiven Potenzials, das die Wut darüber freisetzt.“ Mit ironischer Note könnte man also die Eingangsfrage so beantworten: Fernsehen kann durchaus intelligenzsteigernd wirken – wenn die Auswahl stimmt. Bei der enormen Qualitätsdichte der TV- und DVD-Gegenwart keine schwere Aufgabe: Nicht nur HBO sticht immer wieder mit anspruchvollem „Quality TV“ hervor. Wer seine mediale Serien-Archäologie indes mit „Cracker“ beginnt, ist ohnehin auf der richtigen Spur.

nächste Folge:
„Dexter“, „Heroes“, „Lost“ und Co.
Von der Kunst des Erzählens in US-amerikanischen Serien (Teil 1)

(Fotos: Wikipedia, Pressefoto)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel