Henning Chadde
15. Dezember 2012

„Für mich ist die Ausstellung wie eine Reise“

Martin C. Wolfstein zeigt beim Kulturkiosk von langeleine.de Bilder aus Südamerika. Ein Gespräch über lateinamerikanische Wurzeln, Filme, Musikinstrumente und Hannovers Kulturbetrieb

Fotograf, Dokumentarfilmer und Galerie-Betreiber: Martin C. Wolfstein

langeleine.de: Martin, fotografisch hast Du Deinen Schwerpunkt mit der Ausstellung „La Cara Doble“ auf Südamerika, speziell Argentinien und Uruguay gelegt. Wie kam es dazu und wann hast Du Deine Liebe zu Südamerika entdeckt?

Martin C. Wolfstein: Es gibt mehrere Gründe dafür, denn die Interessenlage ist recht vielschichtig, doch mündet sie in einem Thema. Die Geschichte beginnt schon in meiner Kindheit. In Momenten, als meine Oma uns Kinder darum bat, unsere Spielzeuge zusammenzuräumen, und wir nur zögerlich darauf reagierten, schimpfte sie uns auf Spanisch aus: „Mañana, si, si, como se dice en Chile!“ – Meine Großeltern lebten von 1930 bis 1932 in Südamerika. Sie sind dann aber nach Deutschland zurückgekehrt, um den elterlichen Hof zu übernehmen. Möglicherweise wurde durch diesen einen Satz meine Affinität für die spanische Sprache geboren. 1995/96 habe ich mich dann für ein Auslandsstudium nach Madrid aufgemacht, wodurch ich die Gelegenheit bekam, die Sprache richtig zu erlernen. In Madrid verbrachte ich eine aufregende und wilde Zeit. Leider erkrankte ich aber an Multipler Sklerose und kehrte nach Hannover zurück. Scheinbar war alles zuviel für mich gewesen. Als ich hier im Krankenhaus lag, schenkte mir ein sehr guter Freund, Nikolaus Woernle, eine Cassette mit einer Aufnahme von Gideon Kremer, „Hommage a Astor Piazolla“, einer unglaublich kontemplativen und entspannenden Musik, um wieder Ruhe zu finden. Doch zunächst galt es, mein Studium der Sozialwissenschaften zu beenden. Die letzten Scheine mussten gemacht werden und ich hatte ein Seminar über dokumentarisches Filmen belegt. Das Handwerkliche dabei fand ich so spannend, dass ich gleichfalls noch eine Ausbildung zum Mediengestalter begann. Für meine Diplomarbeit mit dem Titel „Kuba – Geburt einer Nation aus Musik und Tanz“ verbrachte ich dann längere Zeit in Habana und Santiago de Cuba. Schon damals dachte ich daran, falls ich einmal promovieren sollte, dann wird das Thema Argentinien, die Migration dorthin und den Tango betreffen.

Die Avenida de Mayo in Buenos Aires, Foto von Martin C. Wolfstein

Doch erst einmal wollte ich Geld verdienen, machte mich selbstständig und verdingte meinen Lebensunterhalt als Ton-Assistent, Kameramann und Bild-Regisseur. Ich kaufte mir deshalb eine Kamera für fernsehfähige Bilder. Dann brachen Junkies in unsere WG ein und stahlen die Kamera. Die Versicherung zahlte wegen meiner Wohnsituation nichts – „Da kann ja jeder kommen und gehen, wer will.“ Ich stand vor dem Nichts. Also griff ich auf meine alte Profession, das Studentendasein in Hannover, zurück. Mit Film und Fernsehen wollte ich nichts mehr zu tun haben! Eine längere Phase meines Lebens verbrachte ich auf diese Art ganz angenehm, denn der Messebau machte den Kühlschrank voll, doch irgendetwas fehlte und der Kopf wollte mehr. Ich beschloss mit einem Freund, Nils Schumacher, eine Art Schreibwerkstatt, zu eröffnen. Gleichzeitig leistete ich mir meine erste digitale Spiegelreflexkamera und war von diesem Gerät fasziniert. Daraufhin wandelte sich unser Plan und wir beschlossen, eine Galerie zu eröffnen. Das ist heute die Galeria Lunar in Linden, wo wir Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Film-Abende veranstalten. Die Eröffnung war 2009. Und dann war der Augenblick gekommen und ich machte meine erste Reise nach Argentinien und Uruguay. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten Fotografien, die in der Ausstellung „La Cara Doble“ zu sehen sind.

ll: Aktuell arbeitest Du an einer Film-Dokumentation über das Bandoneón, das maßgeblich für den Klang des argentinischen Tango verantwortlich zeichnet, ursprünglich aber aus dem Erzgebirge stammt. Wie ist der Stand der Dinge und was hat Dein Interesse an diesem Projekt geweckt?

Wolfstein: In der Tat, ich arbeite seit knapp über drei Jahren an dieser Doku. Woher das Interesse dafür stammt, berichtete ich ja schon. Es hat einerseits mit der Musik zu tun, andererseits mit der Auswanderung meiner Großeltern. Ein anderer Aspekt ist der Ursprung des Instrumentes. Der ist nämlich tatsächlich im Erzgebirge zu finden. Das Bandoneón ist dort von Bergleuten für Bergleute gespielt worden. Bevor das Instrument später nach Argentinien gekommen ist, kam es mit den Arbeitsmigranten aus dem Erzgebirge ins Ruhrgebiet – „vor Kohle“ sozusagen. Auf seinem Weg passierte es auch Schaumburg, wo ebenfalls fast 750 Jahre lang Steinkohle abgebaut wurde. Dort konnte ich drei Instrumente kaufen. Stell Dir vor, es hat sogar in Hannover, auf der Limmerstrasse, eine Manufaktur gegeben. Kürzlich habe ich ein Interview mit einem Bandoneónisten aus Hannover machen können, der den Instrumentenbauer, der übrigens in Stadthagen geboren ist, noch kannte.

Auf seiner Reise durch Südamerika sah der hannoversche Künstler das weltbekannte Tango-Orchester Ciudad Baigón und fotografierte deren Bandoneón

Das Interesse für das Thema hat sich im Laufe der Dreharbeiten sogar noch gesteigert, weil ich auf eine sehr abstruse Weise immer wieder alte Leute getroffen habe, die in diesen Kontext gehören. So ist es mir gelungen, mit der Tochter von Alfred Arnold, der mal die „Stradivari“ unter den Bandoneónes herstellte, ein Interview zu führen. Sie lebt noch und ist 104 Jahre alt! In Argentinien habe ich den Sohn des Stimm-Meisters der Firma Alfred Arnold getroffen. Der hat auch eine spannende Biografie vorzuweisen, denn er ist der letzte Überlebende von Hitlers Lieblingsspielzeug, der „Admiral Graf Spee“ und zählt heute 92 Jahre. Um diese Interviews zu bekommen, musste ich wirklich am Ball bleiben und hatte nicht die Zeit, Förderanträge zu schreiben, um dann ein Dreivierteljahr zu warten, um Fördergelder zu bekommen. Ich bin jetzt fast mit den Interviews durch. Einem der letzten meiner Protagonisten geht es gerade sehr schlecht und ich hoffe, ihn noch sprechen zu können. Das ist die Situation des Projektes. Meine persönliche Situation ist nicht viel besser, denn bedingt durch meine Erkrankung bin ich seit fast einem Jahr irgendwie aus dem Rennen. Und von meiner finanziellen Lage brauche ich gar nicht sprechen, wenn ich Dir sage, das meine Ernährung momentan hauptsächlich aus Tütensuppen, Marmelade aus Mamas Garten und – immerhin – Brot aus dem Bioladen besteht.

ll: Angenommen Geld würde ausnahmsweise einmal keine Rolle spielen: Was wäre Dein Traum-Projekt?

Wolfstein: Uff, ein Traum-Projekt? Ehrlich gesagt, habe ich gar keine Zeit für so etwas. Oder sagen wir mal, ich bin ja schon dabei. Das Thema ist so spannend und so weit verzweigt, dass mir ganz neue Perspektiven offenbar wurden. Spannend und nützlich für mich wäre da beispielsweise die Tango-Schule einer Freundin in Buenos Aires. Sie gibt Tangokurse, die eher als „Therapeutisches Tanzen“ zu sehen sind. Sie hatte sich mal bei einem Unfall die Wirbelsäule gebrochen. Dann hat sie angefangen, Tango-Unterricht zu geben, der physiotherapeutische Schwerpunkte beinhaltete. Daran könnte ich Gefallen finden.

ll: Über Deine Tätigkeiten als Fotograf und Galerie-Betreiber in Hannover haben wir schon gesprochen: Wie schätzt Du die gegenwärtige Kunst- beziehungsweise Kulturszene der Landeshauptstadt ein?

Wolfstein: Auf jeden Fall im Aufwind, wenngleich Hannover im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten durchaus mehr Kunstförderung von offizieller Seite vertragen könnte. Im Hinblick auf das Vorhaben der Stadt, ab 2013 als UNESCO City Of Music gelistet zu werden, wäre es wünschenswert, wenn dieses gezielte Engagement auch auf andere Kunst- und Kulturbereiche abfärben würde, um die bisher sehr engagierten, zumeist selbstverwalteten jungen Szenen in einen gebührenden Fokus zu stellen. Denn dieser Fokus zahlt sich nicht zuletzt auch tragend für die Stadt und ihre Kulturwirtschaft aus.

Arbeit aus Passion: Für Martin C. Wolfstein ist das aktuelle Projekt auch sein Traum-Projekt

ll: Stichwort Kunst und Professionalisierung: Was muss ein junger Künstler Deiner Meinung nach heute mitbringen, um sich nachhaltig einen Namen zu machen und auf dem Markt bestehen zu können?

Wolfstein: Zunächst einmal sollte einem Künstler klar sein, dass eine Ausstellung Kosten mit sich bringt und finanziert werden muss. Das setzt zuallererst eine professionelle Selbstwahrnehmung voraus, was beispielsweise das Marketing, die Öffentlichkeitsarbeit oder die Kontakt-Akquise und eine intensive Netzwerk-Pflege betrifft. Obendrein braucht es natürlich den Willen, seine Werke auch verkaufen zu wollen. Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Frage sollte eine Ausstellung bestenfalls ein kostendeckendes Zusammenspiel von Galerie und Künstler sein, mit dem Ziel, von den gegenseitigen Mehrwerten nachhaltig und beständig zu profitieren.

ll: Last but not least: Ein Besuch Deiner Ausstellung beim Kulturkiosk lohnt sich, weil…

Wolfstein: …Du eine Ahnung davon bekommst, welche Schönheit Dich erwartet, wenn Du irgendwann einmal Buenos Aires selbst besuchen solltest. Für mich ist die Ausstellung wie eine Reise.

ll: Vielen Dank für das Gespräch, Martin!

Nicht verpassen:

Martin C. Wolfstein eröffnet am Freitag, dem 21. Dezember, beim Kulturkiosk von langeleine.de seine neue Ausstellung „La Cara Doble – Impressionen vom Río de la Plata“. Die Ausstellung ist bis zum 3. Februar 2013 im Café Siesta zu sehen.

(Fotos: Martin C. Wolfstein, Henning Chadde)

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Kategorien: Kunst, Menschen

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