Susanne Viktoria Haupt
17. Dezember 2012

Auf der Durchreise

Seitenansicht: „Kirgistan gibt es nicht“ von Jan Sprenger

Vom Reisen und Erwachsenwerden: „Kirgistan gibt es nicht“, Cover von Jan Sprengers Roman

Jonas wollte eigentlich nach China, aber da das Nichtzuhausesein, dieses faszinierende Unterwegssein, für ihn eine Passion darstellt, macht es ihm wenig aus, dass er zunächst einmal in Kirgistan sitzen blkeibt. „Zur Durchreise“, wie er es jedem Fragenden bekräftigt. Kirgistan, das ist jener kleine Fleck in Zentral-Asien, der gerade eine Art stillstehende Nach-Sowjet-Zeit erlebt. Jonas ist zwar irgendwie entspannt, weiß allerdings offensichtlich nicht genau, was er mit sich und seiner Zeit anfangen soll. Irgendwie ist es Suche, aber auch Flucht, und selbst zum Schwimmen ist er zu träge oder ihm das Wasser im See zu kalt. Seine selbstverfassten Reiseberichte zeigen jedenfalls eine schwer mitschwingende Melancholie, die sich zwischen der Beobachtung der Natur und Gesprächen mit den Einheimischen verbirgt. Auch die Frage, weshalb man überhaupt reist und welche typischen Touristen-Prozedere man dabei über sich ergehn lässt, lassen den jungen Deutschen nicht selten in trostlose poetische Gedanken verfallen. Aber dann trifft Jonas Olga, eine junge Frau aus der Ukraine, die irgendwie mit Fotografie zu tun hat, es aber auf dem einheimischen Markt als Frau schwer hat. Verschlossen und kühl präsentiert sie sich Jonas, der von ihr so fasziniert ist, dass er beschließt, ihr zu folgen. Allerdings werden bald nicht nur Jonas hochgesteckte Erwartungen an die eigene Rucksack-Tour enttäuscht, sondern auch seine Zuneigung zu Olga. Ganz offensichtlich hat die mysteriöse ukranische Frau ein Geheimnis zu verbergen. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass plötzlich auch noch Uta auftaucht, eine ehemalige Reisbekanntschaft, vor der Jonas geflüchtet ist…

Mit „Kirgistan gibt es nicht“ hat der 1978 geborene Autor Jan Sprenger einen Debüt-Roman vorgelegt, wie man ihn sich ansprechender kaum vorstellen könnte. Mit einer ausgereiften und sehr eigenen Sprache beschreibt Sprenger nicht nur die Reise von Jonas und die Abgründe von Olgas Seele, sondern auch die Menschen in Kirgistan, vor allem aber widmet sich der Autor dem Mysterium der Reise. In beinahe philosophischen Denkansätzen beleuchtet er die Motivation der jungen Backpacker und stellt die Frage, was die Welt einem Menschen überhaupt zur eigenen Entfaltung bieten kann. Dabei beschreibt er nicht ohne Ironie, wie romantisch verklärt die Vorstellungen der reisenden Protagonisten doch oftmals sind. In einer Zeit, in der es längst normal geworden ist, zur Erweiterung des eigenen Horizontes die eigenen Stadt- und Landesgrenzen hinter sich zu lassen und von der wunderschönen Frucht der Reisefreiheit zu kosten, bietet „Kirgistan gibt es nicht“ eine kontrastreiche Lektüre. Ein Coming-of-Age-Roman der ausgereiften Art.

Jan Sprenger: „Kirgistan gibt es nicht“, Roman, 240 Seiten, Rowohlt Berlin, ISBN-13: 978-3871347504, 18,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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