Henning Chadde
24. Dezember 2012

„Been away too long? Yes, definitely!“

Das Verhör: „King Animal“ von Soundgarden

Grandioses Comeback: Soundgarden, „King Animal“, CD-Cover

Mit Comebacks von großen Bands, lange nach ihrer Zeit, ist das ja immer so eine Sache. Selten bringen sie noch einmal den alten Kreativ-Pfeffer aufs Fan-Tablett, für die man sie dereinst innig liebte. Obendrein hängt ihnen nicht selten der fade Beigeschmack des „Noch-einmal-richtig-absahnen-Wollens“ an, ebenso häufig demontieren sich die “Übergötter” von gestern und fügen ihrem leuchtenden Rest-Image in der Jetzt-Zeit einen irreparablen Vollschaden zu. Tragisch fürwahr und zumeist als Fan absolut nicht zu gebrauchen. „So what?“, fragte sich dann auch der Verfasser dieser Zeilen, als sich eine seiner absoluten Lieblingsbands aus den guten alten Neunzigern im Jahr 2010 nach dreizehnjähriger Bühnen-Abstinenz anschickte, noch einmal in den gemeinsamen Kreativ-Ring zu steigen. Soundgarden, hell yeah, die waren mal eine Nummer. Und was für eine, aber was sollte man davon halten? Zumal den hier schreibenden Die-Hard-Fan alsbald die Angst vor dem breitspurig angekündigten, unvermeintlichen Comeback-Album ergriff. Was sollte da noch kommen, außer eine desaströse, musikgewordene Niederlage? Diese Vermutung lag mehr als nahe, denn der Back-Katalog der vier Vollphon-Rock-Heroen rund um den Ausnahme-Sänger Chris Cornell ist musikalisch dermaßen hochkarätig bestückt, dass es tatsächlich wie ein Wunder erschiene, sollten es Soundgarden sechzehn Jahre nach ihrem letzten Studio-Album auch nur ansatzweise zu irgendetwas Brauchbarem bringen.

Tja. Und nun ist es da, das Soundgarden-Comeback-Album. Im November ist es erschienen, es heißt schlank „King Animal“ und beherbergt dreizehn Songs. Dreizehn mal also die Fettnäpfchen-Chance, die ehemalige, eigene Kongenialität voll vor die Wand zu brettern. Denkt man so. Doch Pustekuchen, die Krach-Rammen aus Seattle erreichen genau das Gegenteil und das auf ganzer Linie. Erstaunlich, wie scheinbar leichtfüßig und selbstverständlich dieses Album daherkommt und ziemlich exakt dort anschließt, wo mit “Down on the Upside” 1996 die Veröffentlichungs-Karriere der Band abrupt endete. Umso erstaunlicher, weil Soundgarden obendrein vollkommen auf die Chart-Kompabilität, die sie 1994 mit der Single „Fell on Black Days“ und ihrem Durchbruchs-Album „Superunknown“ in den Stadion-Rock-Olymp katapiultierte, verzichten. Und sich stattdessen in Sound und Arrangement phasenweise vielmehr an ihrem wunderbar sperrigen Nackenbrecher-Album „Badmotorfinger“ aus dem Jahre 1991 orientieren. „Hut ab!“, möchte man da sagen, eine mutige Entscheidung, die sich definitiv eher dem Staub der Straße verpflichtet fühlt, denn auf einen neuerlichen Karriere-Durchmarsch zu schielen. Dabei ist das Album sperrig und räudig genug, die alten Fans durchaus headbangend abzuholen und potenziellen Neuzugängen dabei doch mit einem glasklaren Rock-Sound und vielschichtigen Arrangements zu zeigen, wo der Grunge dereinst seinen Most zu keltern wusste. Feiste Sache, tatsächlich. Und das war auf diesem hohen Niveau und mit dieser Spielfreude bestimmt nicht zu erwarten. Insofern darf man den Opener “Been Away Too Long” durchaus programmatisch verstehen, denn dieses Statement scheinen Soundgarden – um Gegensatz zu unzähligen ihrer wiedervereinigten Mitbewerber – tatsächlich ernst zu meinen. In diesem Sinne: „Hellcome back, Jungs!“

Ach ja: Anspieltipps? Als Fan kann ich tatsächlich alle Songs empfehlen, allen Neueinsteigern seien außdrücklich „Been Away Too Long“, „Non-State Actor“, „Blood on the Valley Floor“ sowie der für Soundgarden-Verhältnisse fast schon ungewöhnlich gradlinige Straight-Rocker „Attrition“ ans Herz gelegt. Falls Ihr also noch ein astrein rockendes Weihnachtsgeschenk für heute Abend benötigt: bitte zugreifen! Ansonsten nach Weihnachten einfach die ein oder andere, unliebsame CD, die man selbst unter dem Baume fand, in „King Animal” umtauschen!

Soundgarden: „King Animal“, CD, 13 Songs, 51:27 min., Vertigo

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Kategorien: Musik

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