Barbara Mürdter
21. März 2007

„Inspiration ist, wenn ich draußen bin“

Über stilistische Unberechenbarkeiten, Inspirationsquellen und Pointen – der hannoversche Autor Johannes Weigel im Gespräch

Häufig ist es ganz einfach die frische Luft, die Johannes Weigel inspiriert, um lustige und ernste Geschichten über Beziehungen und Menschen zu schreiben, die große Pläne haben und damit gründlich auf die Nase fallen. Weigels eigene literarische Karriere lässt sich dagegen gut an: Seit zwei Jahren ist er erfolgreich dabei, sich auf Hannovers Lesebühnen einen Namen zu machen – mit oft kuriosen und pointenreichen Geschichten, aber auch mit politischen Texten.

Johannes springt

Mit Karacho in die hannoversche Poetenszene: Autor Johannes Weigel

Literarischer Spätstarter

Erst mit Anfang Dreißig fing Johannes Weigel an, „richtig viel“ zu schreiben – als Literat ist der studierte Geograf ein Spätstarter. Dabei hat der heute 35-Jährige schon als Kind seine ersten Texte verfasst: „kleine Geschichten und Gedichte, eigentlich auch nichts anderes als heute.“ Der gebürtige Mittelfranke, der das „r“ rollt, wenn er redet, und gerne das eine oder andere für das norddeutsche Ohr putzig erscheinende Wort verwendet, lenkt ein: „Aber das war nichts Gescheites.“

Geschichten aus Hannover, in Hannover

Seit über 10 Jahren lebt Johannes Weigel nun schon – wenn auch mit einer Unterbrechung – in seiner neuen Wahlheimat. Und er mag Hannover: „Die Stadt ist ein klein bisschen besser als ihr Ruf, mehr als nur ein Bahnhof mit überteuertem Bier oder eine hässliche Innenstadt.“ Als Neuankömmling lernte er Linden und die Nordstadt kennen und wurde schnell heimisch. Neben dem Studium engagierte er sich politisch im AStA und organisierte Veranstaltungen. Heute blickt er allerdings weit über die studentische Partyszene hinaus – seine Geschichten spielen in den unterschiedlichsten Millieus. „Aber wenn sie geografisch verortet sind, dann meistens in Hannover – in der Eilenriede, in der Fußgängerzone oder an der Leine.“

Inspiration Natur

Am Fluss vor der Haustür in Limmer kommen Johannes Weigel die Ideen für seine Geschichten – wenn er draußen ist und allein Fahrrad fährt, spazieren geht oder von einer Party heimkommt: „So ein Zeitraum, der zu nichts anderem Nutze ist.“ Dann nehmen die Gedanken ihren freien Lauf, der Anfang für eine Geschichte nimmt Formen an, und Weigel muss sich schnell irgendwo hinsetzen, um die Inspiration aufzugreifen, und fängt an zu schreiben.

Johannes Weigel

Johannes Weigel fühlt sich wohl in Hannover

Kreatives Doppelleben

Zu Hause dagegen gibt es zu viele Dinge, die ablenken. „Sein Doppelleben“ nennt es Weigel. Das klingt geheimnisvoll, aber dahinter verbirgt sich die schnöde Tatsache, dass Weigel im „Hauptberuf“ Familienvater und selbständiger Software-Programmierer ist. „Aber inzwischen ist das Schreiben für mich eine Passion geworden.“ Am liebsten würde er davon leben können, „denn die beiden Berufe sind eigentlich unvereinbar.“

Stilistische Vielfalt

Mit spürbarer Freude probiert sich Johannes Weigel in seinem neuen Terrain aus. Er versuche erst gar nicht, eine Masche oder ein Schema zu entwickeln, sagt der Literat: „Meine Geschichten sind so unterschiedlich, dass man nicht unbedingt gleich merken würde, dass sie vom selben Autor sind.“ Auch wenn sich das vielleicht über die Jahre ändern könnte, sieht Weigel diese stilistische Vielfalt als produktiv und möchte vorerst seine „Unberechenbarkeit beibehalten.“

Pointenjagd und Ernsthaftigkeit

Es gibt Geschichten von Johannes Weigel, in denen eine Pointe die andere jagt. Andere wiederum sind alles andere als auf Pointen aus: Sie versuchen auf subtile und manchmal kuriose Art und Weise „etwas Ernsthaftes“ darzustellen oder driften ins explizit Politische. Der Kern sei meistens ein reales Erlebnis aus eigenen Erfahrungen, sagt Weigel, häufig stamme die Idee aber auch aus „Aufgeschnapptem“. „Dann spinne ich mir meine Geschichte drumrum. Zuerst nehme ich eine Situation, die im Vordergrund steht. Daraus entwickelt sich dann die Story. Wie sie ausgeht, ist oft noch nicht klar, das entwickelt sich beim Schreiben.“

Johannes Weigel zwischen den Bäumen

Liebt die Lyrik und die Natur – Johannes Weigel

Die Freiheit der Form

„Die Geschichten kommen, wie sie kommen“, sagt Weigel, der betont, dass er formal sehr frei arbeite. Manchmal haben seine Texte mit 35 Seiten Novellenlänge, manchmal haben sie aber auch den Charakter einer Miniatur und sind auf nicht mal einer Seite erzählt. In letzter Zeit schreibe er auch verstärkt Lyrik, gesteht der 35-Jährige. Früher habe er immer gedacht, wer wirklich einen schriftstellerischen Ehrgeiz habe, müsse „einen Roman im Sinn haben“. Doch dann entwickelten sich seine Versuche schon nach ein paar Seiten zu einer runden Geschichte oder verstaubten im Regal. An Kurzgeschichten schätzt der Autor vor allem die sich bietende Möglichkeit, stilistisch „zu jonglieren“.

Der Text steht im Vordergrund

Johannes Weigel, der im letzten Jahr seine Geschichtensammlung „Abnehmen und rangehen“ veröffentlicht hat, liest gerne vor Publikum – zuletzt unter anderem bei den „Fliegenköpfen“ in der Nordstadt, in der Reihe „Kellertoene“ am Küchengarten und beim Poetry Slam „Macht Worte!“ in der Faust. Ihm gefällt das Feedback von Mitstreitern und Kollegen. Im Vorfeld macht er sich Gedanken über die Erwartungshaltungen seines jeweiligen Publikums. Manchmal bedient er es, manchmal macht er aber auch bewusst das Gegenteil: „Auf jeden Fall steht bei mir immer der Text im Vordergrund, und nicht die Show.“

Nicht verpassen:

Johannes Weigel ist am 23. März zu Gast am KULTURKIOSK von langeleine.de. Er wird einen Querschnitt seiner kuriosesten Kurzgeschichten zum Besten geben.

mehr Infos zu Johannes Weigel:
www.jweigel.de

(Fotos: Barbara Mürdter)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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