Susanne Viktoria Haupt
7. Januar 2013

Vielschichtige Spiegelungen

Seitenansicht: „Open City“ von Teju Cole

Sensibler Blick auf das Zeitgeschehen: Teju Coles Roman „Open City“

Die Story von „Open City“ klingt auf den ersten Blick simpel. Ein junger farbiger Mann namens Julius arbeitet in New York als Psychiater. Er befasst sich eingängig mit Depressionen, besonders mit denen im hohen Alter, und um seinen Klinik-Trott etwas auszugleichen, flaniert er abends durch die Straßen des Big Apple. Flanieren – eine Tätigkeit, die schon der Kultursoziologe Walter Benjamin als faszinierend und äußerst wohltuend empfand. Denn beim Flanieren läuft man ohne jegliches Ziel durch die Gegend und beobachtet oder lässt sich treiben. Julius tut beides. Er beobachtet die Menschen um sich herum, trifft hier und da bekannte Gesichter, geht seinen alten gebrechlichen Professor für englische Literatur besuchen und versinkt in seiner ganz eigenen Melancholie. Das alles beschreibt der Schriftsteller Teju Cole in „Open City“ präzise, gepaart mit kulturwissenschaftlichen Überlegungen und Vergleichen zu bekannten Romanen, Kompositionen oder Werken der bildenen Kunst. Denn Julius Wissen ist enorm und sein Blick stets unmedizinisch, wenn er so durch sein Leben wandert. Nur am Rande macht er sich Gedanken über psychiatrische Fälle, nie beäugt er einen Menschen rein medizinisch, sondern immer menschlich. In Nigeria aufgewachsen fühlt Julius sich irgendwie nirgends dazugehörig, weder bei den Schwarzen noch bei den Weißen. Und neben diesem stetigen Gefühl des Nichtdazugehörens gibt es noch seine Familie, die die innere Zersplitterung verstärkt. Julius Vater ist verstorben und die damit verbundene Trauer keinesfalls bewältigt, zur Mutter besteht nur ein sehr loser Kontakt und die Oma befindet sich irgendwo – hoffentlich noch lebend – in Brüssel. Und auch New York, die Stadt in der Julius lebt und arbeitet, befindet sich noch immer in einem Zustand zwischen Trauer und Schock, denn „Open City“ schreibt etwa das Jahr 2006, also nicht allzu lange nach 9/11 und noch vor Obama. Eine Stadt, die voller markanter Persönlichkeiten ist, und dann wiederum in der Masse verschwindenen Nebendarstellern, mit einer ebenso tiefen Melancholie wie auch der Psychiater sie in sich trägt. Mit all diesen vielschichtigen Eindrücken und Emotionen macht Julius sich schließlich auf den Weg nach Brüssel und erlebt dort Erstaunliches.

„Open City“ ist für mich eines der spektakulärsten Debüt-Werke der vergangenen Jahre. Denn der Amerikaner Teju Cole, selbst Sohn nigerianischer Einwanderer, schafft mit seinem Roman das, was sich heute kaum noch ein Schriftsteller zutraut: einen literarischen Spiegel des Zeitgeschehens zu entwerfen und seine Leser instinktiv herauszufordern. Cole wurde 1975 geboren und sein Erstling mag – wie auch häufig in Interviews angesprochen wurde – etwas verspätet kommen, allerdings hatte der Autor wohl auch nie die Absicht, einen Roman mit solch einer Durchschlagskraft zu schreiben. Nachdem Cole im Alter von 17 Jahren gemeinsam mit seiner Familie nach New York kam, studierte er sowohl Medizin als auch Kunstgeschichte und begann ausschließlich aus purer Lust am Schreiben mit der Arbeit an „Open City“. Coles kulturelles Interesse und seine Kenntnisse werden in seinem Debüt deutlich spürbar, sein medizinisches Wissen ist zwar präsent, rückt aber angenehmerweise hinter die kulturellen, politischen und auch soziologischen Betrachtungen. „Open City“ wurde häufig mit Vorbildern aus der Weltliteratur wie beispielsweise „Der Fremde“ von Albert Camus verglichen, doch es ist vor allem ein Werk, das sich auf kein eindeutiges Oberthema runterbrechen lässt und genau deswegen und aufgrund seiner Vielschichtigkeit in Amerika gefeiert wurde. Mit einer eindringlichen und stringent eigenen Sprache legt Cole sowohl die seelischen Untiefen von New Yorks Einwohnern als auch die seines Protagonisten selbst offen, der keinesfalls frei von Lastern und Schuldgefühlen ist. Die mittlerweile große Fangemeinschaft von Teju Cole darf sich bereits auf mehr Lesestoff freuen, denn Cole arbeitet zurzeit an einem neuen Roman über seine Heimatstadt Lagos.

Teju Cole: „Open City“, Roman, 333 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518423318, 22,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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