Susanne Viktoria Haupt
21. Januar 2013

Der Platz an der Sonne

Seitenansicht: „Kings of Cool“ von Don Winslow

Von Drogenkartellen und Generationskriegen: „Kings of Cool“ von Don Winslow

Amerika. Wir schreiben das Jahr 2005 und befinden uns direkt im wunderschönen kalifornischen und daher sonnigen Laguna Beach. Der Irak-Krieg läuft, George W. Bush ist noch an der Macht und die Regierung steckt ihre Energie neben dem Krieg gegen den Terrorismus auch in den Kampf gegen Drogen. Das Ganze nennt sich „War on drugs“ und wurde bereits 1972 vom damaligen President Richard Nixon als Begriff geprägt. Zuständig als Exekutive ist die DEA (Drug Enforcement Administration), um die Gesellschaft vor Drogen-Bossen und ihren Kartellen zu schützen. Eigentlich sind das Zustände, die Chon (eigentlich John), Ben und O (kurz für Ophelia) bewusst sind, denn wirklich neu sind sie im Drogen-Geschäft nicht mehr. Nachdem Chon von seinem ersten Irak-Einsatz einen wundersamen und ganz prächtigen Hanf-Samen mitgebracht hat, baut er mit Ben ein ganzes Hydro-Gras-Imperium auf, mietet Häuser als Gewächshäuser an und greift sich hier und da ein paar Jungs zum Dealen. Chon, Ben und O sind gerade mal um die zwanzig, aber ihr Ruf schlägt schon große Wellen. Und zwar so große, dass Ben eines Tages von den Alteingesessenen des Geschäftes heimgesucht wird. Die sehen es nämlich gar nicht gerne, dass jemand ihnen ihr Handelsgebiet streitig macht. Mit allen Mitteln – auch mit Mord und Korruption – versuchen sie nun, Ben einzuschüchtern und ihn zu einer Gewinnbeteiligung zu zwingen. Während Ben zunächst noch versucht, die Sache während Chons Abwesenheit pazifistisch zu regeln, lässt dieser nach seiner Rückkehr aus dem Irak nicht nur Fäuste, sondern auch Kugeln sprechen. Sein schönes und finanziell sorgenfreies Leben will er sich nicht so leicht aus der Hand nehmen lassen…

Gegen jede Regel

Was auf den ersten Blick wie eine mittelklassige Drogenmafia-Geschichte klingt, ist weitaus mehr. Der Neu-Meister des amerikanischen Krimi- und Thriller-Genres Don Winslow erzählt nämlich nicht nur die Geschichte von Ben, Chon, O und ihrem Kampf um einen Platz an der vermeintlichen Sonne, sondern auch von einer Generation, die den Drogenhandel in Kalifornien erst so richtig groß gemacht hat. Und das war die Generation der Eltern der Protagonisten. Winslow katapultiert seine Leser zunächst in das Laguna Beach der 1960er-Jahre, um dann die Handlungs- und Wirkungsstränge bis in die 1980er-Jahre lückenlos weiterzuführen. Erst waren sie nur Hippies auf der Suche nach freier Liebe, Gras und später LSD. Dann kam das Koks und mit dem Koks wurden aus den alten Blumenkindern und den Surfern knallharte Drogenhändler, die sich für nichts mehr zu schade waren und auch die Moral weit hinter sich ließen. Während viele Zeiterscheinungen schnell von der Bildfläche verschwinden, bleiben die Ex-Hippies präsent und beherrschen weiterhin den Markt. Es beginnt ein eiskalter Krieg gegen die eigene Blutsfamilie und auch gegen die Mexikaner, die ebenfalls ihr Stück vom Kuchen haben wollen. Immer mit dabei: jede Menge korrupte Polizisten, zwielichte DEA-Agenten und Anwälte und Richter, die sich nur zu gerne für eine neue Marmor-Arbeitsplatte schmieren lassen.

Harte Sprache und harter Inhalt

Mit harter, manchmal abgehackter Sprache und phasenweise drehbuchartigen Dialogen und Szenerien entzaubert Don Winslow nicht nur die kalifornische Küste, sondern auch das Leben und Denken seiner Protagonisten. Bereits 2005 katapultierte sich der Schriftsteller mit „Tage der Toten“ in die Liga der Großen. 2010 folgte „Zeiten des Zorns“, eine Story, die sich ebenfalls um das Dreiergespann Chon, Ben und O drehte und vielen in der Verfilmung von Oliver Stone als „Savages“ bekannt sein dürfte. „Kings of Cool“ ist ein absolut ebenbürtiges Prequel geworden und die Lese-Reihenfolge spielt glücklicherweise keine Rolle. 1953 in New York geboren, studierte Winslow Militär-Geschichte, und sein umfangreiches Wissen und die Leidenschaft für Geschichte und Politik machen „Kings of Cool“ zu einer durch und durch gelungenen Story, die einen nicht mehr loslassen will. Und weil so ein Buch nicht nur innen düster und voller böser Dinge sein sollte, macht auch die Aufmachung einiges her: Mit weichem schwarzem Einband, großen weißen Lettern und schwarzen Seitenrändern ist „Kings of Cool“ schon rein optisch ein Buch, das fesselt.

Don Winslow: „Kings of Cool“, Thriller, 351 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518464007, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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