Jörg Smotlacha
28. Januar 2013

Die Schönheit des Verfalls

Das Verhör: „Wie wir leben wollen“ von Tocotronic

Persönlich, dunkel und ruhiger als gewohnt: das Tocotronic-Album „Wie wir leben wollen“

20 Jahre ist es her, da trafen sich die drei Hamburger Studenten Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow und gründeten die Band Tocotronic, abgeleitet von einer japanischen Spielkonsole namens Tricotronic. Zwei Jahrzehnte später haben Müller, Zank, von Lowtzow und ihr 2004 zur Band gestoßener Kollege Rick Mc Phail längst Musikgeschichte geschrieben: Mit ihren frühen Alben „Digital ist besser“, „Nach der verlorenen Zeit“ und „Wir kommen um uns zu beschweren“ gehörten sie zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten Hamburger Schule und waren sowohl mit ihren parolenhaften und selbstironischen Songs („Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit) als auch durch ihre bewusst schräge Optik (Trainingsjacke, Cordhose und Seitenscheitel) eine der interessantesten deutschen Bands ihrer Zeit. Später folgten unter anderem das konzeptionellere und sperrigere Album „K.O.O.K.“ (1999) und die „Berlin-Trilogie“ „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005), „Kapitulation“ (2007) und „Schall und Wahn“ (2010), auf der Tocotronic so poetisch klangen wie nie zuvor und doch auch ordentlich gerockt haben.

Nun haben Tocotronic ihr zehntes Studioalbum veröffentlicht – und klingen noch poetischer. „Wie wir leben wollen“ nennen sie ihr neues Werk und meinen dies durchaus programmatisch. Um Letzteres zu untermauern, haben sie ihrer aktuellen Website denn auch 99 nicht ganz ernstgemeinte Thesen vorangestellt. „Wie wir leben wollen“ beginnt mit dem poppigen „Im Keller“, in dem Sänger Dirk von Lowtzow gleich vorgibt, wohin die Reise textlich geht. „Im Keller wartet schon, der Lohn. Ich war keiner von den Stars, ich war höchstens Mittelmaß. Doch schwere Arbeit war es nicht.“ Tocotronic sind noch erwachsener geworden, ihre Songs handeln nun vom Älterwerden und vom Tod, vom eigenen Körper und der Vergänglichkeit und sind lyrischer und verklausulierter zugleich. Die Single-Auskopplung „Pfad der Dämmerung“, zweiter Song des Albums, besticht noch einmal durch den bandtypischen Gitarrensound, und das ebenfalls poppige „Abschaffen“ ist auch noch im gewohnten Tocotronic-Kosmos zu verorten. Doch dann wird es experimenteller, origineller – und ruhiger. Während „Chloroform“ mit einer beschwingten Slide-Gitarre aufwartet, bezeichnet sich von Lowtzow in den nun folgenden Songs wahlweise als „Ding, das keinen Namen kennt“ („Neutrum“), „lebender Leichnam“ („Vulgäre Verse“) oder „Mensch ohne Eigenschaften“ („Eine Theorie“). Zwar wird es zum Ende des Albums auch wieder lauter und gitarrenbetonter („Die Revolte ist in mir“, „Höllenfahrt am Nachmittag“), doch eines wird deutlich: Diese Platte ist persönlicher, irgendwie auch dunkler und doch vielfältiger denn je und dabei voller popmusikalischer Zitate, zum Beispiel wenn aus dem legendären zehnten Rolling Stones-Album „Exile on Main Street“ bei Tocotronic das „Exil vom Malestream“ wird.

Es ist die Schönheit des Verfalls, die Tocotronic da besingen, und das machen sie wie niemand anderes in der deutschen Musik. Dass die Hamburger nun ihren Sound mit analogen Hilfsmitteln und einem teilweise mono aufgenommenen Schlagzeug veredelt haben, ist aller Ehren wert. Dass sie aber insgesamt die Handbremse gegenüber ihren letzten Alben so sehr angezogen haben und durch Instrumentierung und Texte nun hin und wieder auch an von Lowtzows Side-Projekt Phantom Ghost erinnern, dürfte für viele Fans der alten Stunde starker Tobak sein. Interessant zu hören ist es allemal. Dirk von Lowtzow möchte keine Parolen mehr singen, hat er kürzlich einmal gesagt. Wie gut, dass er seinen Songs dennoch weiterhin so schöne Titel gibt wie „Ich will für Dich nüchtern bleiben“ oder „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“. Es leben die Widersprüche. „Wie wir leben wollen“ gibt viele Antworten und lässt doch Fragen offen. An sich nicht die schlechtesten Voraussetzungen für große Kunst.

Tocotronic: „Wie wir leben wollen“, CD, 20 Songs (Deluxe Edition), 80:39 min., Vertigo

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Kategorien: Musik

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