Marcel Seniw
31. Januar 2013

Von hanseatischen Sitten und Gebräuchen

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Derby gegen Werder Bremen

Fast so lang im Amt wie Trainer Thomas Schaaf: der Bremer Roland

„Bremen ist ’ne große Stadt, da geben alle Leute was…“ Wer kennt diese Zeilen nicht? Sie stammen aus dem alljährlich am 11. November aus Kinderkehlen gekrächzten Liedgut „Matten Matten Mären“. Da stehen die Kiddies zum sogenannten Martinssingen mit großen, vorwurfsvollen Kulleraugen vor der Haustür und strecken ihre prall mit Süßigkeiten gefüllten Beutel vor Deine Nase, um noch weitere Leckereien zu bekommen. So oder so ähnlich verhält es sich derzeit auch mit dem SV Werder Bremen. Nur sind die im hannoverschen Volksmund liebevoll als „Fischköppe“ titulierten Nachbarn aus der Hansestadt in diesem Bild nicht die trällernden Kinder, sondern der Depp, der die Tür öffnet. Harter Tobak! Aber der örtliche Fußballverein aus Bremen hat in der Rückrunde der Bundesliga den Ball schon so oft im eigenen Kasten zappeln sehen, dass die milden Gaben des Martinstages dem gegenüber harmlos erscheinen. Als wäre der heilige Sankt Nikolaus auf Zugaben-Tour. Hannover 96 wird es in Anbetracht des zweiten Derbys innerhalb einer Woche recht sein. Holen wir uns doch auch ein paar milde Gaben – in Form von drei Punkten.

Schiedsrichter und Musik

Nach dem VFL Wolfsburg nun also der SV Werder Bremen. Sauber, denn diese Paarung steht seit Jahren für Tore, Spektakel und Kuriositäten. Denkt man an den glanzvollen 3:2-Siegtreffer von Szabolcs Huszti, der im letzten September erst in der Nachspielzeit fiel und alle Anwesenden dermaßen beeindruckte, dass Schiedsrichter Deniz Aytekin in der Folge aus Versehen die gelbe und rote Karte gleichzeitig aus der Tasche fiel. Aber Szabolsc, keine Bange, wir haben gerne Deinen nackten Oberkörper in der Kurve gefeiert. Und auch dieses Mal verspricht das Nord-Derby wieder große Emotionen, während Huszti nun Bescheid weiß, wie er am Freitagabend zu jubeln hat. Garantiert nicht mit dabei sein kann der Bremer Marko Arnautovic. Der Österreicher dachte am vergangenen Spieltag, er könne, um seinen Unmut über die gerade ausgeteilte Verwarnung auch ordentlich kundzutun, doch mal eben den Mann mit der Pfeife abschießen. Aber wie das bei einem Wiener nun einmal so ist, war er „a bissoal loangsam“ und so konnte der Mann in Schwarz den Spieler noch gerade rechtzeitig des Feldes verweisen, bevor dessen Gedanke vom Kopf im Bein angekommen war. Arnautovic hat jetzt jedenfalls genug Freizeit, sich anderweitig zu beschäftigen. Dubiose Quellen besagen, dass der Stürmer nun vor dem Bremer Rathaus steht, direkt neben den Bremer Stadtmusikanten, und als Esel verkleidet Falcos Klassiker „Egoist“ zum Besten gibt.

Auf den Esel gekommen: Die Bremer Stadtmusikanten zeigen den Spielern von Werder Bremen, wie eine perfekte Viererkette aussieht

Kohl und Pinkel

Aber sprechen wir noch einmal über die Bremer Defensive, denn dort scheint momentan Tag der offenen Tür zu sein. Acht Gegentore in den letzten beiden Spielen verblüffen selbst Hannoveraner, die bekanntlich in dieser Beziehung hart im Nehmen sind. Dass die Abwehrschwäche des SV Werder nun durch das Wahrzeichen der Hansestadt bedingt ist, den Bremer Roland, der seit Jahrhunderten für Freiheit steht, und dass diese Freiheit für die gegnerischen Stürmer gedacht ist, kann zwar weitestgehend ausgeschlossen werden. Doch liegt der Verdacht nahe, dass Bremens Probleme etwas mit einem stadteigenen Brauch zu tun haben. Zwischen Anfang Januar und Ende Februar nämlich gönnt sich der Bremer gern mal eine (oder auch mehrere) „Kohl- und Pinkelfahrt(en)“. Nein, hier pullert der Hanseat nicht dem Nebenmann ans Bein. Vielmehr wird ein traditionelles Kohlgericht mit Würsten zu sich genommen. Und hierbei wird natürlich auch der ein oder andere Liter Schnaps verklappt. Kein Wunder also, dass der Bremer an sich im Frühjahr Fußball spielt, als hätte er achteinhalb Atü auf dem Kessel.

Luftakrobatik und Farbenlehre

Was kann also morgen Abend für Hannover 96 überhaupt schiefgehen? Hannover hat grade erst ein Derby gewonnen. Bremen gerade erst eines verloren, und das auch noch gegen den kleinen HSV aus Hamburg. Und Hannover hat Szabolsc Huszti, der weiß, wie man gegen Bremen Tore erzielt. Notfalls wieder mit so einem schönen Seitfallzieher-Tor in der Nachspielzeit wie im Hinspiel. Das war übrigens nur möglich, da der Ungar zusammen mit Stürmer Mame Diouf, Experte in Sachen Fallrückzieher, Bodenturn-Stunden genommen hat. Vielleicht auch Ballett-Unterricht. Bei derartig filigraner Luftakrobatik im Team der Roten muss es einfach klappen gegen die schnapstrunkene Pinkelabwehr der Hanseaten. Und zur Not wäre da ja noch Moa Abdellaoue. Der trifft besonders gerne, wenn die Defensive grün-weiß aussieht.

Freitag, 1. Februar 2013, 20.30 Uhr
Werder Bremen – Hannover 96

(Fotos: Jörg Smotlacha)

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Kategorien: Sports, Unrat

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