Marcel Seniw
8. Februar 2013

Von Frisuren und Bahnschranken

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim

Kuhdorf mit Europapokal-Ambitionen: Hoffenheim im Kraichgau

Was gibt es zu dem im baden-württembergischen Kraichgau gelegenen Dorf Hoffenheim zu sagen? Erstens: Das Dorf gehört zu der Stadt Sinsheim, die mit 35.000 Einwohnern selbst kaum mehr ist als ein Dorf. Zweitens: Hoffenheim hat mehr Tradition als Wolfsburg. Drittens: Es leben ungefähr 3.300 Einwohner dort. Viel mehr wäre über Hoffenheim nicht zu sagen. Wenn es da nicht Dietmar Hopp gäbe. Denn ohne Hopp würde kaum ein Mensch in Deutschland Hoffenheim kennen. Hopp ist Mitbegründer eines namhaften Software-Herstellers. Außerdem spielte er einmal Fußball bei einem unterklassigen Verein, der TSG Hoffenheim. Durch seine Computerfirma selbst steinreich geworden, dachte sich der Dietmar, er könne den Verein seines Herzens doch mal mit ein bisschen Geld vollpumpen. So stieg die TSG Hoffenheim, die in der Kreisliga spielte, fortan Jahr für Jahr auf und landete 2008 auf einmal in der Fußball-Bundesliga. Einfach stark, diese Retorten-Clubs. Doch dem Dietmar gefiel das. Er ließ eine neue Arena in Sinsheim bauen, in die jeder Bewohner Hoffenheims nun noch ungefähr neun Freunde mitbringen muss, damit das Stadion voll wird. Die Leute aus dem Kraichgau stört das alles wenig. Schließlich darf sich nun die ganze Region dank des großen Mäzens an schönem Bundesliga-Fußball ergötzen, auch wenn dieser in der Spielzeit 2012/2013 nur von den Gegnern gespielt wurde. Am Samstag aber steht die Rhein-Neckar-Arena leer. Denn 1899 Hoffenheim, wie der Verein inzwischen heißt, reist nach Hannover und wird dort von den einheimischen Fans mit dem sympathischen Gruß „Hurra, das ganze Dorf ist da!“, begrüßt.

Umsatz-Explosion im Kraichgauer Beauty-Tempel

Ganz besonders im Fokus der Medien steht in dieser Saison der ehemalige Nationaltorhüter Tim Wiese. Wechselte dieser doch zu 1899 Hoffenheim, um nach eigener Aussage auf lange Sicht um Titel zu spielen. Doch nun findet sich der stets wohlfrisierte Keeper im Abstiegskampf wieder. Eine Situation, die er nicht kannte. Abstiegskampf? Da steht ein Profi-Fußballer schon mächtig unter Druck. Die sportliche Leitung der Hoffenheimer hat sich daraufhin dazu entschlossen, ihrem Star-Torhüter diesen immensen Druck nicht anzutun. Der kam ja schließlich für den Titelkampf und nicht für den Abstiegskampf. Also verpflichtete man kurzerhand Heurelho Gomes, der zuletzt dritter Keeper der Tottenham Hotspurs war. Der in England liebevoll als „Bahnschranke“ bezeichnete Gomes soll nun also für Tim Wiese die Kohlen aus dem Feuer holen, während dieser seine Kohle in den ansässigen Friseursalons und Solarien verprassen muss. Pornomatte und Ludenbräune wollen gepflegt werden, denn sollte er irgendwann wieder in das Tor der Blau-Weißen zurückkehren, möchte er nicht auf das stets von den gegnerischen Fans angestimmte Lied „Du hast die Haare schön!“ verzichten. Vielleicht bekommt er ja auch irgendwann sein schickes pinkes Trikot wieder.

Neue Sportart für Tim Wiese? Beim Tischfußball kann man nicht hinfallen

UV-Leuchten und Schießpulver

In der Hinrunde der Bundesliga gab es schon ein Duell zwischen Hannover 96 und 1899 Hoffenheim. Leider war Hannover kein Sieg im Kraichgau vergönnt. Bei der 3:1-Niederlage in Sinsheim stand allerdings auch nicht der bisherige Schießbuden-Inhaber Tim Wiese zwischen den Pfosten. Der war unterm Solarium eingeschlafen, und so konnte sein Ersatzmann den Kasten ausnahmsweise einmal vergleichsweise sauber halten, nachdem Wiese in den drei Spielen zuvor elf Gegentore kassiert hatte, und sich jeder 96-Fan darauf freute, ihn beim Richten seiner Schmalzmatte nach einem Gegentor zu beobachten. Morgen allerdings steht nun Neuzugang Heurelho Gomes im Tor und die hannoverschen Stürmer müssen nun ihn mit Schüssen bombardieren. Dies sollte hoffentlich besser gelingen als letzte Woche in Bremen, als das hannoversche Schießpulver komplett in der Leine-Metropole vergessen wurde.

Es wird nichts anbrennen

Was erwartet uns also morgen Nachmittag in der AWD-Arena? Kraichgauer Tristesse oder aufopferungsvoller Kampfgeist? Ist mit einer offenen Partie zu rechnen, da zum einen Tim Wiese nicht mehr zwischen den Pfosten steht und zum anderen Dietmar Hopp in der Winterpause mal wieder den Klingelbeutel aufgemacht hat? Die Antwort lautet: Nein. Denn Christian Pander und Konstantin Rausch haben unter der Woche plötzlich das Verteidigen gelernt. Johan Djourou und Karim Haggui werden im Verbund mit Ron-Robert Zieler im Strafraum Beton anmischen. Einzig und allein auf die hannoversche Offensive wird es ankommen. Und wenn die Akteure um Jan Schlaudraff, Mame Diouf und Co. es schaffen, sich nach Heurelho Gomes erster Darbietung der Bahnschranke vor Lachen auf den Beinen zu halten, dann sollte nichts anbrennen. Außer natürlich der Haut von Tim Wiese, wenn der sich nach der Niederlage seiner Mannschaft zur Entspannung erst einmal eine Runde Münz-Mallorca gönnt.

Samstag, 9. Februar 2013, 15.30 Uhr
Hannover 96 – TSG 1899 Hoffenheim

(Fotos: Wikipedia/Marcel Seniw)

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Kategorien: Sports, Unrat

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