Susanne Viktoria Haupt
18. Februar 2013

Miami Heat

Seitenansicht: „Back to Blood“ von Tom Wolfe

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Tom Wolfes neuer Roman „Back to Blood“

In „Back to Blood“ dreht sich alles um drei Dinge im Leben, über welche die meisten Menschen nicht gerne reden wollen: Sex, Geld und Rasse. Doch wenn man Romanautor Tom Wolfe glauben schenken darf, dann kann man die amerikanische Gesellschaft locker auf diese soziale Dreifaltigkeit herunterbrechen. Es geht um den 25-jährigen Latino Nestor Camacho, der seit kurzem einen Probelauf als Polizist bei der Marine Patrol in Miami absolviert. Als in Amerika lebender Kubaner der zweiten Generation muss er einen flüchtigen Kubaner von einem Mast holen, damit dieser verhaftet und nach Kuba zurückgeschickt werden kann. Durch diesen Einsatz wird er zum Helden der weißen Amerikaner und gleichermaßen zum Hass-Objekt der Latinos, die ihm vorwerfen, seine eigenen Landsleute verraten zu haben. Auch bei seiner eigenen Familie stößt er auf Unverständnis, und sein Großvater möchte ihm nicht einmal mehr die Hand geben. Gleichzeitig wird er von seiner Freundin verlassen, die mit einen auf Porno-Sucht spezialisierten Psychiater durchbrennt.

Tom Wolfe zeichnet das Bild einer durch das Streben nach Macht und Status zerrütteten Gesellschaft, Liebe wird in den einzelnen Handlungssträngen nur als bloßer Deckmantel für egoistische Begierde benutzt. „Back to Blood“ handelt von der Distinktion innerhalb unserer Gesellschaft. Sei es in Bezug auf Rasse, Geschlecht oder aber natürlich auch den Beruf – in Zeiten des absoluten Konsums und Medienwahns zelebrieren die Menschen ihre animalischen Seiten noch stärker als je zuvor. Mag man den knallharten Worten von Wolfe glauben, so ist der gesellschaftliche Zustand durch die Subtilität, mit der vorgegangen wird, noch wesentlich schlimmer geworden. Aber das ist nun mal ohnehin ein Thema, auf das Wolfe stets allergisch reagiert: subtiles Verhalten, das Lesen zwischen den Zeilen, komplexe Einstellungen und Tatsachen – das alles gehört nicht zu einem, der den Vorschlaghammer präferiert.

Mit 81 Jahren hat Tom Wolfe sein viertes fiktionales Werk vorgelegt. Einige Leser mögen sich an seinen Roman „Fegefeuer der Eitelkeit“ („The Bonfire of the Vanities“) von 1987 erinnern, in dem Wolfe die New Yorker Gesellschaft auf besonders zynische Weise darstellt und entblößt. Und hieran schließt auch irgendwie „Back to Blood“ an, nur das die Handlung eben in Miami stattfindet – neben Hollywood der zweite Hauptspielort der amerikanischen Plastikwelt. „Back to Blood“ möchte ein Spiegelbild der Gegenwart sein, aber im selben Atemzug auch unterhalten. Und das schafft Das Werk, wenn seine Leser bereit sind, die eigenen Seifenblasen im Kopf zu verbannen und der ungeschminkten Wolfe-Welt den Teppich auszurollen. Literarisch Ist „Back to Blood“ allerdings nicht das beste Werk des amerikanischen Autoren. Zu sehr fühlt man sich beim Lesen an Schubladen und damit verbundene Denkweise gebunden, den Protagonisten wird kein Raum zum Atmen gelassen und einige Szenerien kommen zu plakativ daher. Es ist nun mal ein ein schmaler Grad zwischen Provokation und Nerverei, und auf 768 Seiten wünscht man sich dann schon hier und da eine kleine Verschnaufspause. Aber für die, die sich mit amerikanischer Gegenwartsliteratur beschäftigen oder durch „Fegefeuer der Eitelkeit“ oder „The Electric Kool-Aid Acid Test“ Fans von Tom Wolfe sind, ist das Buch ein Muss.

Tom Wolfe: „Back to Blood“, Roman, 768 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN-13: 978-3896674890, 24,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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