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Der Bad Boy schwelgt in Sound

Das Verhör: „Push The Sky Away“ von Nick Cave & The Bad Seeds

Nick Cave ist nicht allein zu Hause: Cover von „Push The Sky Away“

Nicholas Edward Cave ist 55 Jahre alt und lebt im beschaulichen englischen Seebad Brighton. Nach eigener Aussage geht der Musiker, Schauspieler und Schriftsteller jeden Morgen zur Arbeit in sein Studio und macht nachmittags Feierabend. Ein Nine-to-five-Job also. Dass der Australier eine äußerst bewegte Vergangenheit hat, mit The Birthday Party eine der wildesten, expressivsten und einflussreichsten Bands der Post-Punk-Historie gründete, in London und Berlin jahrelang dem Drogen-Exzess frönte, dabei zeitlos geniale Platten herausbrachte und ganz nebenbei auch noch als Schauspieler, Filmmusik-Komponist und Autor eines so wüsten Debüts wie „Und die Eselin sah den Engel“ verantwortlich zeichnete, ist Teil seiner Legende. Und natürlich weiß Cave um sein Image. Nach Brighton, wo er heute mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern lebt, sei er früher „höchstens zum Entzug“ gegangen, sagte der Altmeister jüngst in einem Interview und kokettierte dabei ganz offensichtlich mit seinem Ruf als Bad Boy.

Die Freiheit, die Nick Cave sich als Künstler erarbeitet hat, gab ihm die Gelegenheit, sich immer wieder neu zu erfinden. Und so nahm sein musikalisches Schaffen erstaunliche Wendungen: Nach dem Split der Birthday Party veröffentlichte Cave in den 1980er-Jahren eine Reihe von grandiosen Solo-Werken mit den Bad Seeds, zu denen lange Jahre neben Birthday Party-Mitbegründer Mick Harvey auch Nick Caves Kumpel aus Berliner Tagen, Neubauten-Sänger Blixa Bargeld, gehörte. Cave hatte sich in dieser Phase als großartiger Songwriter etabliert und durfte sich zu Recht in einer Riege mit Leonard Cohen und Johnny Cash sehen. In den Neunzigern tobte der Australier sich mit dem Album „Murder Ballads“ noch einmal so richtig aus, schrieb eine Reihe von düsteren Moritaten, Todes-Balladen und wilden Mörder-Storys und eroberte nebenbei im Duett mit Kylie Minogue die Charts. Doch besonders zu Beginn des neuen Jahrtausends folgten einige CDs mit in sich gekehrten Klavierstücken, die im besten Falle von seiner Stimme zehrten, aber oft auch hart an der religiös-kitschigen Demarkationslinie landeten.

Rückkehr zum Minimalismus

Nachdem Nick Cave zuletzt mit seinem Nebenprojekt Grinderman eine durchaus spannende neue Facette seines Könnens offenbarte und noch einmal richtig rockte, hat der Altmeister nun sein neunzehntes Album mit den Bad Seeds veröffentlicht. „Push The Sky Away“ ist die erste Platte überhaupt, die Cave ohne seinen alten Schulfreund Mick Harvey einspielte, und wird derzeit in den Feuilletons weltweit als würdiges „Alterswerk“ gefeiert. Und fraglos setzt das Album neue Maßstäbe in Caves Schaffen: Auf „Push The Sky Away“ dominiert der Sound, die Rhythmen treten in den Hintergrund und Nick Cave singt eindringlich wie eh und je. Diese Herangehensweise wird vielerorts als eine Rückkehr zum Minimalismus alter Tage interpretiert und mit Caves Frühwerk verglichen. Doch als Fan der ersten Stunde vermisst man hier unweigerlich den Ausbruch, beispielsweise in Person der infernalischen Gitarre eines Rowland S. Howard, die einem Album wie „Push The Sky Away“ gut zu Gesicht gestanden hätte, und so tröpfeln die durchaus guten Songs eben auch ein wenig vor sich hin.

Der zunächst sehr poppig klingende Opener „We No Who U R“ entpuppt sich nach mehrmaligem Hören immerhin als echter Ohrwurm und „Wide Lovely Eyes“ ist sehr elegisch. Der dritte Track des Albums, „Water’s Edge“ kommt leise, aber bedrohlich wie in Caves besten Tagen daher. Auch Brighton hat deutliche Spuren hinterlassen, denn Song Nummer vier, „Jubilee Street“ ist gleich in Gänze einer schmucklosen Einkaufsstraße in der Wahlheimat des Australiers gewidmet. „Mermaids“ wiederum ist Melancholie pur. In „We Real Cool“ grummelt dann der Bass. Das alles ist schön anzuhören, und hier und da läuft Warren Ellis mit seiner Violine zur Höchstform auf, doch auch der „Higgs Boson Blues“ erhöht das Tempo nicht mehr, obgleich er die Intensität erreicht, die Cave so unvergleichlich macht. Textlich ist Cave natürlich wie immer in Form, doch nach dem letzten Song, dem titelgebenden „Push The Sky Away“ ist der Verfasser dieser Zeilen genötigt, in seinem Plattenregal zu kramen – der Vergleich mit der einen oder anderen alten Scheibe muss heute Abend noch sein. Sorry, Nick! Und trotzdem danke für ein neues Album.

Nick Cave & The Bad Seeds: „Push The Sky Away“, CD, 9 Songs, 42:39 min., Bad Seed Ltd. (Rough Trade)

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