Susanne Viktoria Haupt
4. März 2013

Licht und Schatten

Seitenansicht: „Sein oder Nichtsein“ von Alexander Maksik

Vom trügerischen Schein: Buchcover zu Alexander Maksiks „Sein oder Nichtsein“

Die ISF, eine internationale Schule in Paris, beherbergt hinter großen und gut gesicherten Zäunen Kinder von Diplomaten und international arbeitenden Geschäftsleuten. Viele von ihnen sind mehr in der Welt zu Hause als in der französischen Hauptstadt, sehen ihre Eltern eher sporadisch und bewegen sich wie haltlose und ungeordnete Teilchen durch ihr eigenes Leben. So auch die Schülerinnen und Schüler, die im Literatur-Seminar von Will Silver Platz nehmen. Durch seinen Charme und seine Direktheit und hochgesteckte Lernziele motiviert Silver seine Schüler zu Bestleistungen und zu Verränderungen in ihrem eigenen Leben. Männliche Schüler verehren ihn, wollen so sein wie er und suchen seine Nähe. Schülerinnen verlieben sich in ihn, schwärmen davon, wie er über Shakespeare redet und wählen seine Seminare aus, um sich dann kokett in den vordersten Reihen niederzulassen. Dass Will Silver der Star unter den Lehrern der ISF ist, weiß er, auch wenn er davon angeblich selbst völlig unberührt bleibt. Er ist Idol und Sexsymbol in einem, für manch einen die fehlende Vaterfigur, für andere der erste, der überhaupt Anleitungen zum Leben präsentiert. Seine größten Waffen sind seine rhetorische Begabung und die Literatur.

Verhängnisvolle Feier

Zum Abschluss des Schuljahres wird Silver von einem seiner Zöglinge zu einer Party eingeladen, wo auch die beiden Party-Girls Ariel und Marie zugegen sind. Ariel, die lange schwarzen Haare und ein perfekte Figur hat, kompensiert die fehlende elterliche Fürsorge durch promiskuitives Verhalten. Die etwas schüchterne Marie, die immerhin für ihre wohlgeformten Brüste schulbekannt ist, fühlt sich dennoch dauernd im Schatten von Ariel und bekommt die eigene Unzulänglichkeit von der eigenen Mutter stets zum Frühstück serviert. Ariel aber hat es sich währenddessen zum Vorsatz gemacht, den heißumworbenen Lehrer mit ihren Avancen zu einem One-Night-Stand zu verleiten. Jedoch ist es Marie, die Silver auf der Party und auch anschließend viel zu nahe kommt und ein sexuelles Verhältnis mit ihm beginnt. Zeitgleich zieht der junge Gilad in den Sommerferien nach Paris und besucht anschließend den Oberstufenkurs von Silver. Der intelligente Einzelgänger hat es Silver angetan und wird von ihm besonders gefördert. Durch diese Zuwendung idealisiert Gilad seinen Lehrer und verfällt schließlich in eine jugendliche Obsession gegenüber Silver. Er will ihm nahe sein, so sein wie das Vorbild und jede nur mögliche Situation ergreifen, um einen stolzerfüllenden Blick seines Lieblingslehrers zu ergattern. Ganz besonders imponiert Silver den Pubertierenden durch seine Abhandlungen über den Existentialismus und die Forderung, für ihre Ideale und Träume jederzeit einzustehen.

Der Leser als Voyeur

Ebenso wie seine Hauptfigur Will Silver hat „Sein oder Nichtsein“, das Debütwerk des New Yorker Autoren Alexander Maksik, Licht- und Schattenseiten. Die unsittliche Schüler-Lehrer-Beziehung, die der Roman thematisiert, ist nichts Neues, aber die Offenheit, mit der Maksik über die sexuellen Begierden seiner Protagonisten schreibt, macht aus den Lesern seines Buches nahezu begeisterte Voyeure, die sich durch die Seiten graben, um endlich lesen zu können, wie Silver leidenschaftlichen Sex mit Marie hat. Von den ersten Seiten an ist „Sein oder Nichtsein“ sexuell aufgeladen, was der Story definitiv zu Gute kommt. Auch die weiteren, zum Teil obsessiv gezeichneten Charaktere wie beispielsweise Gilad verleihen dem Roman etwas Diabolisches, Düsteres und Unzurechenbares. Die leicht zu beeinflussenden jungen Persönlichkeiten geben den idealen Rahmen für einen Lehrer wie Silver. Allerdings hat sich Alexander Maksik mit seiner komplexen Geschichte gleichzeitig zuviel aufgeladen. Wie schon etliche andere Schriftsteller vor ihm hat er das Stilmittel der Multiperspektivität gewählt und beschreibt die Vorgänge ausführlich von mehreren Seiten. So gelingt es ihm zwar, die einzelnen Geschehnisse ohne langweilige Doppelung mehrfach zu erzählen, jedoch öffnet der Autor leider auch zuviele inhaltliche Fässer, die in ihrer Bedeutung einfach zu wichtig sind, um nicht gefüllt zu werden.

Etwas sein und irgendwie doch nicht

So erfahren wir zwar, dass Gilads Mutter von seinem Vater geschlagen wird und er sich durch den neu errungenen Mut gegen diesen stellt, aber nicht, was schlussendlich passiert. Wir erfahren zwar, dass Will Silver ein sehr einsamer Mensch ist, der seine Frau verlassen hat, aber nicht, warum, und woher die bohrende Einsamkeit herrührt. Wir bekommen mit, wie Ariels Vater sich sexuell an Marie heranmacht, aber diese Tatsache wird wie im Roman ganz beiläufig platziert. Die einzelnen Charaktere der Schüler zeigen Bilder von einer priviligierten, aber völlig züggellosen Jugend. Gründe dafür werden hier und dort angekratzt, jedoch bleiben sie Beiwerk und fügen sich ohne weitere Ausführung nicht wirklich in die Geschichte ein. Auch, warum Will Silver sich in den Armen von Marie verliert, bleibt völlig unklar. Man kann nur mutmaßen, doch selbst in den Kapiteln, die aus Silvers Sicht verfasst wurden, lässt sich eine Erklärung hierfür mit der Lupe suchen.

Ein Hauch von Krimi

Insgesamt hinterlässt „Sein oder Nichtsein“ ein Gefühl der Unbefriedigung. Für ein Werk, welches sich sowohl der Multiperspektivität bedient als auch verschiedene komplexe Themen vereinen möchte, ist es einfach nicht ausgereift genug. Der journalistischen Ton und die chronologische Story-Führung von Maksik geben dem Roman zwar einen interessanten Hauch von Krimi, dessen Kapitel häufig einer Art Verhör gleichen, jedoch verlieren sich genau diese narrativen Techniken im Strudel der Ereignisse und dem häufig plakativ eingesetzten Wissen über Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Alexander Maksiks erster Roman hat auf jeden Fall die Gabe, seine Leser auch nach seinem Ende noch länger als drei Stunden zu beschäftigen, jedoch beschäftigt einen das Gefühl der Unvollständigkeit des Werkes wesentlich länger. Alexander Maksik hat bereits für das New York Magazin, Harpers und den Harvard Review geschrieben und hat am angesehenen Iowa Writers‘ Workshop teilgenommen. Nach einiger Zeit in Paris ist er nun wieder in New York wohnhaft. Im Juni soll sein zweiter Roman mit dem Titel „A Marker to Measure Drift“ erscheinen.

Alexander Maksik: „Sein oder Nichtsein“, Roman, 304 Seiten, Droemer Verlag, ISBN-13: 978-3426199589, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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