Kathrin Tegtmeier
28. Mai 2007

„Schreiben ist etwas ganz Reiches und Schönes“

Von Erdmännchen und Kokosnüssen: Ein Portrait des hannoverschen Kinderbuchautoren Ingo Siegner

Wassergläser, Pinsel, ein Kasten mit Aquarellfarben und Bücher – platziert auf einem im wahrsten Sinne des Wortes kleinen Tisch vor einem Fenster. Das ist der Arbeitsplatz von Ingo Siegner. Der Hannoveraner ist Kinderbuchautor und schreibt sehr erfolgreich über drei Erdmännchen, die im Zoo leben oder über einen kleinen Drachen namens Kokosnuss. Rund 250.000 Exemplare hat er bereits verkauft und vor allem die Drachengeschichten machten ihn bundesweit bekannt.

Ingo Siegner bei der Arbeit

Ingo Siegner arbeitet fleißig an seinem nächsten Buch

Kinder machten Siegner zum Autor

Zum Schreiben kam Ingo Siegner eher durch Zufall. Kein Zufall dagegen ist seine Affinität zu Kindern. Der 41-Jährige hat jüngere Halbgeschwister und betreute zwischen 1994 und 1997 im Rahmen von Eltern-Kind-Reisen Kinder. „Irgendwann begann ich mit einer Kollegin, den Kindern abends Geschichten zu erzählen“, berichtet Siegner. „Wir waren zum Beispiel im Winterurlaub. Da haben wir eine Geschichte über einen Zwerg gesponnen, der in den Bergen wohnt. Die Kinder fanden das toll und haben gesagt: ‚Das musst du aufschreiben'“, erzählt er weiter. Weil Siegner, der in frühester Jugend bereits die Römer aus den Asterix-Heften nachzeichnete, aber fand, dass Kinderbücher mit Bildern schöner aussehen, begann er nicht nur zu schreiben, sondern seine Geschichten zusätzlich zu illustrieren. Diese Geschichten waren aber zunächst nur Kindern aus dem Bekanntenkreis als Geschenk vorbehalten. Unter anderem den Kindern von Siegners Cousin, der schlichtweg begeistert war. Dieser brachte den Autor mit einem Literatur-Agenten zusammen, dem die kleinen Geschichten auch sehr gut gefielen. Ein Verlag war schnell gefunden und so erschien im Jahr 2002 „Der kleine Drache Kokosnuss“.

Ideenmangel ist ein Fremdwort

Endlich hatte Ingo Siegner seine Passion gefunden: das Schreiben. 13 Bücher hat er inzwischen veröffentlicht und ist bei drei Verlagen unter Vertrag. „Schreiben ist, was mir am meisten Spaß macht. Die Bilder sind für mich eher das Handwerkliche, die etwas mühsame Arbeit, während das Schreiben und das Dichten für mich etwas ganz Reiches und Schönes ist.“ An Ideen dafür mangelt es Siegner in keinster Weise. Sie entstehen aus einer Mischung aus Talent, Übung, Phantasie und Inspiration. „Am Anfang steht immer etwas, das mich fasziniert, zum Beispiel ein riesiger Meeresdrache, ein Ungeheuer in einer Höhle oder ein U-Boot. Darum herum zimmere ich eine Geschichte zusammen. Dabei entstehen dann wieder ganz neue Ideen“, erklärt der Hannoveraner. So kann sich der sympathische Autor, der am liebsten Ringelpullis trägt, auch gut vorstellen, ein Buch für Erwachsene zu schreiben und darin von seinen Lesereisen zu berichten – gespickt mit liebevollen Charakterisierungen der besuchten Orte.

Besondere Lesungen für besondere Gäste

Siegners Lesungen sind etwas Besonderes: quasi ein kleines Live-Kino. Während der ersten halben Stunde erzählt er seinem kleinen Publikum, wie ein Buch oder eine Figur entsteht und zeichnet am Flipchart. Dabei erfüllt er auch die Wünsche der Kinder. „Türkische Jungs möchten immer, dass ich Rennautos zeichne. Doch vor allem finden die Kinder cool, wie blitzschnell und gestochen scharf ein Drache oder ein Erdmännchen entsteht.“ Anfangs hatte er Bedenken, ob das mit dem Malen überhaupt klappt. Mittlerweile ist er sich sicher: „Du musst eine Figur richtig üben und dann kannst du sie auch zeichnen.“ Manchmal rufen die Kleinen dem Autoren auch Begriffe zu, „Spongebob“ zum Beispiel. Dann muss Siegner passen: „Das kann ich nicht!“ In so einem Fall müssen die Kinder selbst die Hand an den Stift legen. Bei manchen klappt das gut, bei anderen weniger. Aber alle haben ihren Spaß dabei und darauf kommt es schließlich an. Danach wird es dunkel und der Diaprojektor eingeschaltet. Siegner liest vor oder erzählt frei. Manchmal macht er auch Pantomime. „Das ist dann, als ob ich das Buch als Film ablaufen lasse. Dann gucken die Kinder mal auf mich und mal auf die Leinwand. Die Lesung wird so zu einem leibhaftigen Erlebnis.“ Das macht nicht nur Spaß, sondern die Kinder bekommen auch noch spielerisch Wissen vermittelt.

Ingo Siegner

Sein Markenzeichen ist der Ringelpulli: Ingo Siegner

Keine Angst vor dem leeren Blatt

Bis zu vier Monate kann es dauern, bis ein neues Buch fertig ist. Siegners Arbeit besteht aus zwei Phasen: dem Schreiben und dem Illustrieren. Die ersten vier Wochen sind so, wie man sich das bei einem Schriftsteller vorstellt. Kaffee trinken, spazieren gehen oder die Wohnung aufräumen und sich dabei die Geschichten ausdenken. „Das ist mit Abstand die schönste Zeit“, erzählt der Autor. Seine Gedanken kreisen dann permanent um das eine Thema. Da Siegner nicht die ganze Zeit hinter dem Schreibtisch sitzt, ist ihm die Angst vor dem berühmten leeren Blatt fremd. Zuerst wird das Konzept erstellt und danach geschrieben. Nach dem Text kommen die Illustrationen an die Reihe und wenn beides fertig ist, wird das Buch an den Verlag geschickt.

Zufällige Namensgebung

Vier Jahre wird Siegners Leben noch so weiter gehen. Mindestens. Denn so lange laufen die Verträge für die Erdmännchen- und Kokosnuss-Geschichten. Deshalb können sich die Kinder auch in diesem Jahr freuen: Die Erdmännchen erleben ein Fußballabenteuer, und der Drache unternimmt eine Reise um die Welt. Das Cover dazu, der fliegende Drache über der Weltkugel, liegt bereits auf Siegners Schreibtisch und wartet darauf, zu Ende gestaltet zu werden. Der Kinderbuchautor weiß noch ganz genau, wie der Drache Kokosnuss entstanden ist: „Ich habe in Linden gewohnt und hatte eine Schublade voller Ideen. Dann kam die Zeit, in der die Kinder Dinos ganz toll fanden und da kam mir die Idee, eine Drachengeschichte zu erfinden.“ Zu seinem Namen kam der Drache zufällig. Siegner schaute aus seiner Erdgeschoss-Wohnung auf die vorbeigehenden Menschen und sinnierte vor sich hin. Plötzlich hatte er die Eingebung: „Den nenn ich Kokosnuss.“ Einfach, weil er den Namen witzig fand.

Auf dem Teppich geblieben

Wenn Ingo Siegner nicht am Schreibtisch sitzt oder sich auf Lesereisen befindet, schwimmt er, liest, joggt oder fährt Fahrrad. Dass seine Geschichten so erfolgreich werden würden, hätte der Autor nicht gedacht. „Ich hatte zwar die Hoffnung, davon leben zu können, aber bekannt werden wollte ich nicht unbedingt. Ich hab’s einfach gemacht“, erzählt er weiter. Und er schreibt vor allem nicht, um Preise einzuheimsen. Obwohl er sich durchaus über den Jugendliteraturpreis der Stadt Bad Iburg gefreut hat. „Aber Jury-Urteile sind immer relativ.“ Er will einfach schöne Geschichten schreiben, die den Kindern Spaß und Spannung bringen, die witzig sind und bei denen auch die Erwachsenen beim Vorlesen durchaus schmunzeln können. Wenn dabei noch eine sinnvolle Botschaft vermittelt wird, ist das umso besser. Aber auch das ist sekundär. „Ich freue mich am meisten, wenn die Geschichten gelesen werden.“

(Fotos: Kathrin Tegtmeier)

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Kategorien: Literatur, Menschen

Ein Kommentar

  1. Maier Maria sagt:

    Schade, dass Sie in Hannover leben und ich in einem Ort an der bayrischen Grenze unterrichte, sonst wäre vielleicht eine Lesung an unserer Volksschule möglich gewesen. Meine Schüler sind von den „Kokusnussbüchern“ nämlich total begeistert.
    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß beim Schreiben und meinen Schülern viel Spaß beim Lesen.
    Schöne Weihnachten! Maria Maier

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