Henning Chadde
11. März 2013

Zweiter Frühling, Phase III

Das Verhör: „I Bet On Sky“ von Dinosaur jr.

Comic drauf, Indie-Rock-Paraderitt drin: „I Bet On Sky“ von Dinosaur jr., CD-Cover

Zugegebenermaßen, das neue, beziehungsweise aktuelle Dinosaur jr.-Album hat das Licht der Öffentlichkeit bereits Mitte September letzten Jahres erblickt. Dennoch liegt es den langeleine-Redakteuren Eures Vertrauens immer mal wieder am Herzen, an dieser Stelle auch auf Outputs ihrer uneingeschränkten Lieblinge hinzuweisen – seien dies nun Klassiker, die erneut in das geneigte Hör-Bewußtsein gerückt gehören, neue Veröffentlichungen oder Alben, deren Release zwar schon eine Weile her ist, die aber dennoch nachhaltige Relevanz besitzen und abermals eine Hörempfehlung wert sind. In letztere Kategorie fällt auch das aktuelle Dinosaur jr.-Werk „I Bet On Sky“.

Erstaunliches Spätwerk

Mit Dinosaur jr. ist das so eine Sache. Denn die kommerzielle Karriere des noiserockenden Dreiergestirns rund um den Gitarristen und Sänger J. Mascis ist eine mit derartig vielen Ecken, Kanten und Unterbrechungen, dass es fast an ein Wunder grenzt, die Band in diesen Tagen lebendiger und ideenreicher denn je aufspielen zu hören. Und das auch noch in Originalbesetzung, haben sie es im ersten Teil ihrer Karriere doch in jener zusammen nur schlanke vier Jahre ausgehalten. Zwar hatten sie es in dieser Zeit mit drei Alben, allen voran dem 1988er „Bug“, auch zu absolutem Indie-Rock-Kultstatus gebracht, doch nach und nach zerbrach die Band, nicht zuletzt an der introvertierten und kreativ überaus gebieterischen Art des als Gitarren-Genie in der Tradition eines jungen Neil Young gefeierten Mascis. Ein Vergleich, der nicht ausschließlich der durchaus beeindruckenden Gitarrenarbeit geschuldet sein dürfte, sondern ebenso dem nasalen, hohen Gesang, welcher nicht selten an genannten Großmeister zu erinnern weiß.

Wie auch immer, in Originalbesetzung mit Bassist Lou Barlow und Drummer Murph spielte J. Mascis lediglich bis 1988 auf, dannach firmierte er unter gleichem Namen in wechselnden Konstellationen, veröffentlichte vier weitere, hochgelobte Alben, bevor er schließlich unter dem Namen „J. Mascis & The Fog“ seiner „Solo-Kariere“ beachtlichen Schub verlieh, freilich stets in Dinosaur-verwandten Sound- und Song-Gefilden und auf ähnlich überzeugendem hohen Niveau. Spätestens dadurch unterstrich er deutlich seinen Status als Dinosaur jr.-Mastermind. Umso erstaunlicher also, dass die drei Gründungsmitglieder nach jahrelangen Streitigkeiten im Jahre 2005 aller Unkenrufe zum Trotz wieder zusammengefunden haben und nunmehr seit sage und schreibe acht Jahren ihren bis heute anhaltenden zweiten Frühling feiern. Jahre, in denen sie mit „Beyond“ (2007), „Farm“ (2009) und nun eben „I Bet On Sky“ (2012) drei Alben herausgebracht haben, die den Vergleich mit der kongenialen Spielfreude und Explosivkraft ihres ungestümen Frühwerkes in den Achtzigern kaum zu scheuen brauchen.

Alles auf den Himmel setzen

Auf „I Bet On Sky“ holen Mascis und seine Burschen auf verdammt hohem Niveau zu einem bemerkenswert lässigen Schlag aus, vor dem sich so manche gegenwärtig abgefeierte junge Indie-Rock-Kapelle verstecken dürfte. Oder sagen wir es milde: verneigen. Denn ihre unüberhörbaren Einflüsse haben Dinosaur jr. seit jeher in unzähligen neuen Krach-Bands und Indie-Gitarren-Trends als Trademark hinterlassen. Vielleicht liegt genau in dieser anerkennenden Gewissheit auch die beinahe unbeschreibliche Lockerheit des aktuellen Outputs begründet: Mascis und seine altverdienten Weggefährten haben es hörbar kaum mehr nötig, irgendjemandem irgendetwas beweisen zu müssen. Geschweige denn zu wollen. Außer sich selbst. Und das tun sie wie gewohnt mit allen ihren bekannten Ingredienzien – von ausufernden Gitarren-Soli-Eskapaden über stoisch treibende Drums und Bass-Linien, jede Menge Noise-Ausbrüche und Big Muff-Sounds bis hin zu beinahe hymnengleichen, fast federleichten Melodie- und Rhythmus-Bögen und der ein oder anderen Beinahe-Ballade.

Dabei gehen sie dermaßen relaxed zu Werke, dass man kaum glauben mag, dass sich die drei Alt-Dinosaurier lange Zeit ihres Lebens nicht mit dem Allerwertesten angeguckt haben. Allein der Opener „Don’t Pretend You Didn’t Know“ macht diese Wohlfühl-Bandbreite vom Start weg klar, wartet beinahe ungewohnt mit versteckt tragendem Banjo auf und schleudert fast beiläufig eine Singalong-Melodie in den Raum, die einfach nur breit grinsen macht. Das folgende „Watch The Corners“ legt einen kantigen Zacken zu und liefert dezent gesetzte, beinahe metallische Einsprengsel, die sich schließlich kongenial wohltemperiert durch das gesamte Album ziehen. Bevor sich mit „Stick A Toe In“ an Platz vier der erste Ruhepol einschleicht, entführt „Watch The Corners“ komplett groovy und überaus tiefenentspannt in das Reich des Kopfnicker-Rocks, bis die erste Hälfte mit „Rude“ beinahe punkrockig stompend zu schließen weiß. Und so eröffnen die ersten fünf Tracks bereits die gesamte Bandbreite von „I Bet On Sky“ in einer beindruckenden Vielseitigkeit, die nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass auch der alte Mit-Songschreiber Lou Barlow, der die Band 1988 als erster verließ, um mit Sebadoh seine eigene Indie-Karriere zu starten, erneut maßgeblich an den Kompositionen – und zwei komplett eigenen Songs – verantwortlich zeichnete. Und dann doch noch einer: die magische Sechs! Wer erinnert sich aus alten LP-Zeiten noch daran? So oft war Track Nummer sechs der Opener von Seite zwei und der eigentliche Hit vergangener Alben und Tage. So auch hier, ganz alte Schule eben: „I Know It Oh So Well“. Ach, und dann kommt „Pierce The Morning Rain“. Was für ein Ritt! Aber nun genug der Anspieltipps…

Manch ein Muckerpolizist wird trotzdem vermutlich sagen, „So what? Ist doch alles beim Alten bei Dinosaur!“ Und hat natürlich Recht, denn fürwahr mag zeitgenössische Indie-Innovation in diesen Tagen anders klingen – wenn es sie denn überhaupt noch gibt. Aber tatsächlich: „So what?!“ Mit einem Achselzucken. Und einem Ausrufezeichen. Dinosaur jr. ziehen einfach ihren Stiefel durch. Und das auf einem derart hohen, entspannten und eigenen Niveau, das geneigte Neuzugänge definitiv dort abholen kann, überrascht und begeistert, wo es die alten Wegefährten selig glücklich grinsen lässt. Allen anderen sei gesagt: „Those where the days, my friends!“ Und das Beste: Diese Tage sind genau jetzt. Ohne Ausrufezeichen. Ganz relaxed…

Dinosaur jr.: „I Bet On Sky“, CD, 10 Songs, 47 min., Play It Again Sam

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Kategorien: Musik

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