Jörg Smotlacha
18. März 2013

„Ein aberwitziges Verwirrspiel, das niemand durchschaut“

Seitenansicht: „Die Nöte des wahren Polizisten“ von Roberto Bolaño

Von der Liebe und der Literatur: Roberto Bolaño, „Die Nöte des wahren Polizisten“, Buchcover

Das literarische Werk von Roberto Bolaño ist einfach unglaublich. Und bleibt es. Das beweisen gerade all diejenigen Veröffentlichungen, die – zumindest auf dem deutschen Markt – posthum überraschen. Der chilenische Autor, der noch zu Lebzeiten sein brillantes, böses Kleinod „Lumpenroman“ als letztes Buch herausgebracht hatte, verwirrte und begeisterte das literarische Universum noch nach seinem Tod mit dem unglaublichen Epos „2666“, das weltweit für Furor sorgte und in seinem Sprachwitz, seiner überbordenden Fantasie und seiner literarischen Komplexität wohl nur mit David Foster Wallace‘ „Ein unendlicher Spass“ vergleichbar ist, einem 1500-seitigem Monsterwerk, mit dem der Autor dieser Zeilen noch immer kämpft. Als einer der begabtesten zeitgenössischen Schriftsteller Lateinamerikas galt der in seiner Jugend an Legasthenie leidende Bolaño fortan, nur um 2011 in Deutschland, immerhin acht Jahre nach seinem tragischen Tod im Alter von nur 50 Jahren, der ihn ereilte, als er gerade auf eine Leber-Transplantation wartete, mit dem für seine Verhältnisse beinahe geradlinigen nachträglich publizierten Debüt-Roman „Das Dritte Reich“ erneut für Aufsehen zu sorgen.

Und nun, 2013, erscheint in Deutschland mit „Die Nöte des wahren Polizisten“ ein neuerliches Vermächtnis des sich als Hilfsarbeiter, Tellerwäscher, Kellner, Nachtwächter und Hafenarbeiter verdingenden Autors, der nach dem Allende-Putsch aus seiner chilenischen Heimat floh, im spanischen Exil lebte und sich zunächst als surrealistischer Lyriker verdingte. Und um eines vorwegzunehmen: Das Buch ist sperrig wie all die Literatur Bolaños und doch so reich an Ausdrucksstärke und Ideenreichtum, dass es einem glatt die Sprache verschlägt. Dabei bleibt es eine Unvollendete, eine Ansammlung von losen Motiven und Erzählsträngen, die mitunter gar ins Leere laufen, und an denen Roberto Bolaño, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre, auch sicherlich noch den Rest des seinen gearbeitet hätte.

Die Handlung ist auf den ersten Blick überschaubar: Oscar Amalfitano ist ein an Depressionen leidender linker Literaturwissenschaftler, der aus Chile geflohen, nach dem Tod seiner Frau mit seiner Tochter Rosa in Spanien lebt und sein Coming Out als Homosexueller hat. Er liebt den jungen Dichter Padilla, der an seinem Opus Magnum „Der Gott der Homosexuellen“ arbeitet, und gerät schließlich in die Bredouille, nachdem er durch seine Affäre einen mittelschweren Skandal an der Universität ausgelöst hat, an der er unterrichtet. Amalfitano, der vorher in der ganzen Welt gelebt und gelehrt hat, findet nun nur noch einen letzten Ausweg durch eine Stelle im mexikanischen Wüstenstädtchen Santa Teresa – einem Kaff am Rande des Nichts, beschattet vom allmächtigen Polizeichef Negrete. Er widemt sich der Literatur des bizzaren Schriftstellers Arcimboldi, schreibt Liebesbriefe an den inzwischen AIDS-kranken Padilla und findet einen neuen Liebhaber, der Kunst fälscht. Doch seiner Liebe zur Literatur bleibt Amalfitano treu, wohlwissend, dass Lesen und Reisen wichtiger sind als alles andere auf dieser Welt.

Natürlich ist auch dieser Plot autobiografisch geprägt, er ist aber dennoch immer wieder wunderbarste Fiktion, dabei mal Gesellschaftsroman – etwa, wenn Bolaño das Leben seiner Hauptfigur in Barcelona beschreibt und Amalfitanos seltsames Verhältnis zu dem befreundeten Ehepaar Antoni und Anna Carrera im Mittelpunkt steht oder das Aufwachsen seiner Tochter Rosa – und mal pure Satire, denn immer wieder untergräbt der Autor die zweifellos großen Nöte seiner Protagonisten durch scheinbar banale Beobachtungen, die vom großen Humor des Chilenen zeugen. Dann plötzlich wird „Die Nöte des wahren Polizisten“ überaus surreal und Bolaño ergeht sich ein ganzes Kapitel lang in Beschreibungen der Werke des völlig absurden fiktiven Schriftstellers J.M.G. Arcimboldi und seziert genüsslich dessen Inhalte, nur um ein paar Seiten weiter ganz in Manier von Jonathan Safran Foer die über Generationen reichende Vorgeschichte des Polizeibüttels Francisco Pancho Monje aufzurollen. Schließlich mündet der Roman in einer klaustrophoben Detektivgeschichte („Sonoras Tod“), dessen Erzählstränge freilich nur noch angedeutet werden.

Was bleibt ist ein Werk, das sich mit den großen Themen der Menschheit befasst – der Liebe, der Literatur, Gewalt, Sex, Missverständnis, Entfremdung und Krankheit -, und das vom Autor eindeutig als Roman seines Lebens, als immerwährendes Fragment angelegt worden ist, „achthunderttausend Seiten, ein aberwitziges Verwirrspiel, das niemand durchschaut“. In Bolaños Literatur geht es längst nicht mehr nur um die Aufhebung der linearen Erzählstruktur, sondern um den Akt des Schreibens selbst, der erst mit dem eigenen Tod beendet sein kann. Offen bleibt Amalfitanos Schicksal in Mexiko, offen wie die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen. Und so konnte „Die Nöte des wahren Polizisten“ zu Roberto Bolaños Lebzeiten auch kein Ende mehr finden, denn Schreiben ist nun mal ein Akt des Lebens und „der wahre Polizist ist der Leser, der vergeblich versucht, Ordnung in diesen vermaledeiten Roman zu bringen.“

„Und was lernten Amalfitanos Studenten? … Sie begriffen, dass ein Buch ein Labyrinth und eine Wüste war. Dass Lesen und Reisen wichtiger war als alles andere auf der Welt, vielleicht sogar ein und dasselbe, und man nie damit aufhören durfte. … Dass Lesen nicht bequemer war als Schreiben. Das man durch Lesen zweifeln und erinnern lernt. Dass die Erinnerung die Liebe war.“

Roberto Bolaño: „Die Nöte des wahren Polizisten“, Roman, 272 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446239739, 21,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel