Susanne Viktoria Haupt
28. März 2013

„Immer mehr Menschen haben Vorurteile gegenüber der Wissenschaft“

Gestern war der Wissenschaftsautor Florian Freistetter zu Gast im Literaturhaus Hannover. Vorab beantwortete er einige Fragen zu seinem neuen Buch und seinem Schaffen

Führte mit Witz und Wissen an die Alltäglichkeit der Astronomie heran: Florian Freistetter

langeleine.de: Du hast Dich nach der akademischen Karriere für die Arbeit als freier Wissenschaftsautor entschieden. Wodurch kam diese Entscheidung zustande und worin siehst Du Deinen Auftrag?

Florian Freistetter: Die Entscheidung war eine kontinuierliche. Ich habe 2008 mit dem Bloggen angefangen, als ich gerade arbeitslos war, mich aber weiter mit Wissenschaft beschäftigen wollte. Dann habe ich eine Zeit lang neben meiner wissenschaftlichen Arbeit gebloggt, und gemerkt, dass es immer besser lief und ich immer mehr Leser hatte. Gleichzeitig verlor ich ein wenig Spaß an der Arbeit als Wissenschaftler. Nicht wegen der Wissenschaft, sondern wegen der Bedingungen im Forschungsbetrieb. Es gibt fast immer nur befristete Verträge, oft nur für ein Jahr oder sechs Monate. Man muss ständig den Wohnort wechseln, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf dieses Hin und Her und die fehlende Möglichkeit der Zukunftsplanung. Als mein letzter Vertrag mit der Uni Heidelberg Ende 2010 auslief, habe ich mich entschieden, mich selbständig zu machen und es als Wissenschaftsautor zu probieren. Bis jetzt läuft es recht gut. Einen „Auftrag“ habe ich nicht wirklich. Aber ich habe Öffentlichkeitsarbeit immer schon als fundamentalen Teil der Wissenschaft angesehen. Das wird leider sehr vernachlässigt – für viele ist Wissenschaft die reine Forschung und sonst nichts. Es ist aber wichtig, dass auch die Öffentlichkeit über den wissenschaftlichen Fortschritt informiert wird. Wir leben in einer Welt, die von Wissenschaft geprägt wird. Und wenn man informiert mitreden will und auch bei politischen Entscheidungen – Atomkraft, Stammzellen, Gentechnik und so weiter – eine Basis für die Meinungsbildung haben will, dann muss man Ahnung von Wissenschaft haben. Ansonsten läuft man Gefahr, von den verschiedensten Lobbys manipuliert werden. Abgesehen davon ist Wissenschaft einfach cool und es lohnt sich, darüber Bescheid zu wissen!

ll: Durch Deine beiden Bücher „Kawumm! – Ein Plädoyer für den Weltuntergang“ und „2012 – Keine Panik“, die sich mit dem Weltuntergangs-Rummel des vergangenen Jahres beschäftigen, bist Du in den medialen Fokus gerückt. Berichte doch einmal, was im Zuge dessen auf Dich zukam!

Freistetter: Naja, „Krawumm“ trägt zwar den Weltuntergang im Titel, hat aber mit dem 2012er-Rummel nichts zu tun. In dem Buch geht es ganz allgemein um diverse kosmische Katastrophen und deren Bedeutung für unser Leben. Aber natürlich hat der 2012-Hype mir viel Aufmerksamkeit beschert. Das war so eigentlich nicht geplant – aber es gab sehr wenig andere Astronomen in Deutschland, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben bezeihungsweise von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen sind. Wenn also jemand zu diesem Thema recherchiert hat, dann ist man zwangsläufig auf mich und meine Blog-Artikel zu 2012 gestoßen. Das hat mir viele Auftritte in den Medien beschert, zu denen ich sonst wohl nicht gekommen wäre. Ich fand das recht gut, denn so konnte ich auch viele Leute, die vielleicht sonst eher kein Interesse für Astronomie haben, für dieses Thema interessieren.

„Ich konnte mit meinen Lesern mitwachsen“

ll: Hattest Du nach dem ganzen Trubel um den Weltuntergang Sorge, mit Deinem neuen Buch „Der Komet im Cocktailglas – Wie Astronomie unseren Alltag bestimmt“ nicht mehr soviel Aufmerksamkeit zu erlangen?

Freistetter: Eigentlich nicht. Natürlich sind kontroverse und spektakuläre Themen immer spannender als die normale Wissenschaft. Aber ich hoffe, auch diese Themen einigermaßen interessant vermitteln zu können.

ll: In Deinem Blog „Astrodicticum Simplex“ hast Du mittlerweile einen großen Leserstamm. Hat Dich das überrascht?

Freistetter: Naja, es ging ja langsam. Als ich anfing, hatte ich 20 Leser am Tag. Es dauerte fast zwei Jahre, bevor ich das erste Mal mehr als 100.000 Seitenaufrufe pro Monat hatte und noch länger, bis ich auf dem aktuellen Level von knapp 500.000 angekommen war. Ich konnte also mit den Lesern mitwachsen. Aber es freut mich natürlich sehr, das so viele Leute meine Arbeit gut und die Wissenschaft interesant finden.

ll: Du beschäftigt Dich in Deinen Beiträgen auch immer wieder mit den Pseudo-Wissenschaften. Siehst Du eine steigende Begeisterung für „Esoterik“ innerhalb der Gesellschaft? Und wenn ja, welche Ursachen und Problematiken stecken dahinter?

Freistetter: Wer Wissenschaft vermitteln will, der muss meiner Meinung nach eben immer auch das behandeln, was so tut, als wäre es Wissenschaft, auch wenn es keine ist. Also Astrologie, Homöopathie und all der andere Kram. Und ich denke es ist enorm wichtig, sich damit zu beschäftigen. Denn gerade weil so viele Menschen so wenig über Wissenschaft wissen, laufen sie Gefahr, von Esoterik und Pseudo-Wissenschaft abgezockt zu werden. Eine aufgeklärte und informierte Gesellschaft ist wichtig. Wenn jemand privat ein Horoskop liest oder bei Schnupfen Globuli schluckt, dann ist das kein Drama. Wenn aber Banken bei ihren finanziellen Entscheidungen Astrologen befragen – und das tun sie erschreckend oft – oder Personalchefs Bewerber anhand ihres Sternzeichens auswählen oder Eltern mit kranken Kindern nicht zum Arzt gehen, sondern sie homöopathisch „behandeln“, dann sind das Dinge, über die wir uns als Gesellschaft Sorgen machen sollten. Wir Menschen haben einen tief sitzenden Drang, die Welt zu erforschen und zu verstehen. Diese Neugier wird aber oft fehlgeleitet, und man probiert dann die Antwort auf die großen Fragen in Horoskopen oder der telepathischen Unterhaltung mit Außerirdischen zu finden. Leider haben immer mehr Menschen Vorurteile gegenüber der Wissenschaft und suchen „alternative“ Antworten. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Wissenschaft heute so enorm alltäglich und allumfassend ist, dass sie uns gar nicht mehr auffällt. Man kann problemlos durchs Leben gehen und von all den wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben. Und dann kann man sich eben zum Beispiel auch an einen Computer setzen, der ohne jahrzehntelange Forschung in Physik und Quantenmechanik gar nicht existieren würde, und im Internet auf die böse Wissenschaft schimpfen. Oder sich beim Heilpratiker Wohlstandskrankheiten behandeln lassen, im sicheren Wissen, dass bei ernsten Krankheiten die gesamte Macht der modernen Medizin bereit steht. Deswegen ist wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit so wichtig. Die Menschen sollten wissen, wie sehr ihr Leben und ihr Alltag von der Wissenschaft bestimmt wird.

„Am Ende zählt, dass man seine Leser von der Wissenschaft begeistern kann“

ll: Vergangenes Jahr hast Du den Deutschen IQ-Preis gewonnen. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung?

Freistetter: Das hat mich sehr gefreut. Es ist ein Preis mit einem sehr beeindrucken klingenden Titel und das macht sich natürlich immer gut. Aber man darf Preise auch nicht überbewerten. Bei einem Verein wie „Mensa“, der den Preis verliehen hat und in dem sich die Menschen sowieso schon für Wissenschaft interessieren, hat man natürlich als Wissenschaftsautor eine gewissen Vorsprung. Am Ende zählt bei meinem Job, dass man seine Leser von der Wissenschaft begeistern kann – alle Menschen und vor allem die, die bis jetzt noch wenig Kontakt zu ihr haben.

ll: Hast Du schon einen Plan, wo es Dich beruflich weiter hinführen soll, und gibt es explizite Themen, mit denen Du dich in Zukunft auseinandersetzen möchtest?

Freistetter: Nein, konkrete Pläne habe ich noch nicht. Ich möchte weiter probieren, möglichst viele Menschen an meiner Begeisterung für die Wissenschaft teilhaben lassen. Langfristig würde ich aber auch gerne mal probieren, wie andere Medien funktionieren, und zum Beispiel auch mal etwas im Radio oder im Fernsehen machen.

ll: Vielen Dank für das Gespräch!

weiterlesen:
„Spaziergang durch das Wissen“
Rezension zu Florian Freistetters Buch „Der Komet im Cocktailglas: Wie Astronomie unseren Alltag bestimmt“

(Foto: Susanne Haupt)

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Kategorien: Medien, Menschen

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