Jörg Smotlacha
15. April 2013

Die falsche Frage

Seitenansicht: „Frühling der Barbaren“ von Jonas Lüscher

Von der dünnen Decke der Zivilisation: „Frühling der Barbaren“, Buchcover

Prolog. Zwei Insassen einer Schweizer Nervenheilanstalt unternehmen einen Spaziergang zwischen hohen gelben Mauern. Preising, ein Fabrikantensohn, der die Firma seines Vaters geerbt hat, erzählt seinem Gesprächspartner eine Geschichte, mit der er beweisen möchte, dass dieser immer „die falschen Fragen“ stelle. Mittelpunkt der folgenden Handlung ist ein Touristen-Resort mitten in der tunesischen Wüste, in das Preising, der längst nicht mehr die operativen Geschäfte seines Elektronik-Unternehmens leitet, von den Drahtziehern lukrativer Geschäftsbeziehungen mit arabischen Zuliefererfirmen geschickt wird. Dort angekommen, wird Preising Zeuge einer Hochzeitsfeier, an der vorwiegend junge reiche Engländer teilnehmen. Er freundet sich ein wenig mit der Mutter des Bräutigams an, fremdelt gegenüber der jungen Schickeria, die bereits vor der eigentlichen Hochzeit ausschweifend feiert, und mag sich auch nicht so recht um seinen eigentlichen Auftrag kümmern – die Verhandlungen mit den tunesischen Geschäftspartnern, die sich ganz offensichtlich durch Kinderarbeit gegenseitig unterbieten. Kurz: Preising mag nicht handeln und bleibt lieber passiv.

Dann folgt der Wendepunkt der Geschichte, denn „während Presing schlief, ging England unter“. Der britische Premier verkündet den Staatsbankrott, das Pfund stürzt ab und die vorher allzu smarten jungen Hochzeitsgäste müssen erleben, dass sie über Nacht pleite gegangen sind. Sie erhalten per SMS ihre Kündigungen, statt des gewohnten opulenten Frühstücksbuffets nur noch einen Korb Fladenbrot und ein wenig Kichererbsen-Paste, und schließlich von der Hotelmanagerin die Ansage, dass sie ihre Zimmer bis Mittag geräumt haben müssen. Schließlich eskaliert die Situation, denn die Decke der Zivilisation ist dünn, und einige der britischen Hotelgäste, noch angetrunken von den vergangenen Feierlichkeiten, begehren auf. Sie besetzen den Swimmingpool, plündern die Getränkevorräte, töten den einheimischen Poolwächter und versuchen, ein geschlachtetes Kamel zu einem „beduinischen Festmahl“ herzurichten, wobei letztlich die ganze Touristen-Anlage in Flammen aufgeht. Der Katastrophe um Haaresbreite entkommen, muss Preising, der als Schweizer von der Pleite verschont geblieben ist und als einziger den Luxus des üppigen Frühstücksbuffets genießen durfte, miterleben, dass auch seine Firma nicht ungeschoren davonkommen wird…

Eine Novelle habe immer „eine unerhörte Begebenheit“ als wesentliches Merkmal, formulierte Goethe einst. Und im besten Sinne dieses klassischen Zitates ist Jonas Lüschers 125 Seiten starkes Debüt „Frühling der Barbaren“ eine packende Novelle, denn sie erzählt anhand einer eigentlich alltäglichen Situation vor dem Hintergrund der sehr real anmutenden Finanzkrise von nicht weniger als dem Abgleiten der Zivilisation in die Barbarei. Die Bilder die der in München lebende Schweizer Philosoph dabei wählt, sind stark: Beispielsweise wie Preisings britische Bekanntschaft Pippa bei ihrer Hochzeitsrede ins Bodenlose fällt, als sie die Selbstsicherheit verliert, die ihre jungen Zuhörer, konditioniert durch Ansprachen von Investmentbankern, Unternehmensberatern und Fitness-Trainern, erwartet haben. Oder wie die Hochzeitsgäste, von der arabischen Hotelmanagerin ihrer Herberge beraubt, mit ihren Rollkoffern durch die Wüste irren.

Tobias Lüschers Werk verdeutlicht auf überzeugende Art und Weise, dass nicht die unglaublichen Ereignisse an sich – die Börsenspekulation, die Tatsache, dass eine ganze Generation junger Aufsteiger sich nur noch über ihren gesellschaftlichen Status definiert, der Crash und das folgende Chaos – der eigentliche Skandal sind, sondern die Tatsache, dass niemand handelt. „Frühling der Barbaren“ hält uns auf seinen kurzweiligen 125 Seiten den Spiegel vor: „Wenn wir uns selber nicht als Handelnde verstehen, wird auch kein gesellschaftliches Handeln möglich sein.“ Aber – und auch das ist gut gelöst – Lüscher belässt es hierbei nicht bei den klassischen Zutaten einer Novelle. Stattdessen erlaubt sich der Autor einige Abschweifungen, etwa wenn er die Lebensgeschichte des arabischen Poolwächters erzählt, und er bedient sich häufig einer abgehobenen Sprache, durch die er Distanz zu den Geschehnissen herstellt. Eine Distanz, die durch die Rahmenhandlung – den kurzen Spaziergang der beiden Insassen einer Heil- und Pflegeanstalt – noch verstärkt wird. Was haben wir mit all dem zu tun, suggeriert diese Ausgangsposition. „Du stellst die falschen Fragen“, sagt Preising auch am Ende der Geschichte zu seinem namenlosen Gesprächspartner, „in dem so wenig Leben steckt“.

Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“, Novelle, 125 Seiten, Beck, ISBN-13: 978-3406646942, 14,90 Euro

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Kategorien: Literatur

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