Barbara Mürdter
14. Juni 2007

“Kleine Dinge verändern die Welt ganz groß”

Zum Festivalstart der Theaterformen 2007 hat langeleine.de den künstlerischen Leiter Stefan Schmidtke interviewt

Theaterformen - das Logo

Das Theater liegt Stefan Schmidtke, Jahrgang 1968, am Herzen. Eineinhalb Jahre war der neue künstlerische Leiter der Theaterformen – mit Unterstützung seines Teams – damit beschäftigt, ein Programm für das wieder auferstandene Festival zu planen. 2004 schon totgesagt, haben die Stadt Braunschweig, das Land Niedersachsen und verschiedene Sponsoren nun doch einen Etat zusammengestellt – für einen neuen Versuch, eines der drei größten Theaterfestivals Deutschlands im Norden zu etablieren. Das Festival wird künftig im jährlichen Wechsel in Hannover und Braunschweig stattfinden.

Vier Jahre Gnadenfrist für die Neuetablierung des Festivals

Schmidtke hat nun für die nächsten vier Jahre Geld, viel Geld – und eine große Verantwortung. Wird er es schaffen, dem Festival auf Dauer neues Leben einzuhauchen? Die erste Hochspannung wird am letzten Sonntag erst einmal von ihm gewichen sein, als zur Eröffnungsvorstellung der französischen Wanderzirkus-Truppe Le Cirque désaccordé das Zelt auf dem Schützenplatz ausverkauft war und der Beifall von über 600 Menschen toste. Auch Bürgermeister Weil und Ex-Bürgermeister Schmalstieg folgten dem Geschehen mit erheiterter Miene und Regionspräsident Hauke Jagau äußerte sich begeistert über die skurrile, berührende Musik, die den Festivalauftakt geprägt hatte.

Theaterformen 2007

Buntes Programm: Die Theaterformen 2007

Vom Kammerspiel bis zum Theater im öffentlichen Raum

Bis zum 24. Juni wird es im Festivalprogramm Vorstellungen von Ensembles aus 14 Ländern geben, allesamt Deutschlandpremieren, zum Teil Europapremieren oder gar Uraufführungen. Große Namen sind dabei, wie etwa Frank Castorf mit seiner Inszenierung “Schwarzer Engel”, die brasilianische HipHop-Truppe AfroReggae, die schon mit den Stones und Yoko Ono zusammengearbeitet hat und in ihrem Heimatland Kultstatus besitzt, und Young Jean Lee, die mit ihrem Stück über kulturelle Hybridität den Renner der letzten Theatersaison in ihrer Heimatstadt New Yorker geliefert hat.

Theaterformen 2007: Castorfs "Schwarzer Engel" und die HipHop-Truppe AfroReggae

Festival-Highlights:
Castorfs "Schwarzer Engel" und die HipHop-Truppe AfroReggae

Schmidtke ging es bei der Auswahl des Programms vor allem um das Feinsinnigere, das genaue Hinschauen. Stilistische Vielfalt ist dabei ein Grundprinzip des Festivals: vom Kammerspiel im Ballhof über den Versuch eines Theaters im öffentlichen Raum (am Kröpcke) bis hin zur großen Show im Schauspielhaus. Zum Begleitprogramm gehören neben einem ambitionierten Theaterworkshop auch diverse Partys.

Interview mit Stefan Schmidtke

Stefan Schmidtke

Der künstlerische Leiter der Theaterformen, Stefan Schmidtke, steht vor der Herausforderung, das Festival neu zu etablieren

langeleine.de: Wie entsteht ein so ambitioniertes Programm wie das der Theaterformen 2007?

Schmidtke: Man fängt immer im Zentrum an, an dem Ort, an dem man ist. Ich mußte ein bisschen in Erfahrung bringen, was in Hannover los ist und was die Leute hier interessieren könnte. Ich bin in verschiedenen Jugendzentren unterwegs gewesen und habe die jungen Artisten von der Landesarbeitsgemeinschaft für Zirkuskünste und dem Zentrum “CirCo” kennengelernt. Dadurch entstand für mich ein großer Impuls, mich in Frankreich umzuschauen, beim “Neuen Zirkus”, der nicht Zirkus mit Tieren und Sägemehl ist, sondern Geschichten erzählt. So ein Programm zusammen zu stellen ist wie eine lange Reise, die man unternimmt: Man sieht auf verschiedenen Kontinenten Dinge – Künstler, die nichts von einander wissen. Schließlich entsteht ein Bild von dem, was im Moment los ist. Über die Kontinentgrenzen hinweg und über verschiedene Kontextgrenzen.

ll: Wie wird man konkret auf die unterschiedlichen Projekte aufmerksam?

Schmidtke: Ich habe über die letzten sechs Jahre bei den Wiener Festwochen gearbeitet und kuratiert. Das heißt, ich war sehr viel unterwegs auf der Welt, habe die verschiedensten Festivals und Theater gesehen. Da gibt es in dem Sinne kein Instrumentarium, man muss ein bisschen Spion sein, ein bisschen Reisender und vor allem neugierig auf verschiedene Dinge. Die Melodie des Programms wird dadurch geprägt, dass Inszenierungen von fremden Kontinenten nebeneinander stehen, sich ergänzen oder kontrapunktisch gegeneinander stehen.

ll: Welche inhaltlichen und formalen Ansprüche haben Sie an die Stücke gestellt?

Schmidtke: Ich komme aus einer, sagen wir mal, konservativen Richtung. Mich interessiert das Schauspieltheater und das Erzählen von Geschichten. Es geht also nicht nur um einen formalen Diskurs von Ästhetiken, sondern meine Idee war es, Geschichten aus aller Welt zu zeigen, die etwas vom Heute erzählen – in denen die Menschen von ihrer Beziehung zu ihrem Ort und ihrer Gesellschaft berichten.

ll: Sie wollen auch verändern. So haben Sie nicht nur Stücke ausgewählt, die nachdenken lassen, sondern auch einen großen Workshop im Begleitprogramm, an dem Hannoveraner beteiligt sind. Glauben Sie an Emazipation durch Theater?

Schmidtke: Jede Beschäftigung mit sich selbst, mit der Gesellschaft – und sei es über das Theater – ist für diejenigen, die es betreiben und die, die dem beiwohnen, ein Prozess des Lernens. Selbst kleine Dinge verändern die Welt ganz groß. Und das ist nicht unbedingt Idealismus, sondern Realismus. Ein Beispiel ist für mich AfroReggae aus Brasilien. Diese Gruppe verändert die Welt. Die haben eine ganz große Bewegung, inzwischen über 100 000 Menschen, in Fluss gebracht. Angefangen hat das in einer Favela, einem Armenviertel, mit einem Sozialarbeiter. Der hat dann eine kleine Künstlerwerkstatt gegründet und angefangen, junge Leute von der Straße zu holen. Das ist etwas, was man zur Kenntnis nehmen und zeigen muss. Vielleicht sind anschließend auch die jungen Menschen in Hannover anders unterwegs in ihrer Stadt. Vom Festival soll etwas hier bleiben, wenn es vorbei ist.

ausführliche Informationen zum Festival und das komplette Programm:
www.theaterformen.de

weiterlesen:
Ankündigung zur Eröffnung des Festivals Theaterformen -
Was für ein Zirkus!
Rezension zur Festivaleröffnung mit dem Cirque désaccordé -
Geschichten vom Heute

(Fotos: www.theaterformen.de / Barbara Mürdter (Schmidtke))

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Kategorien: Bühne, Lokales

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