Susanne Viktoria Haupt
6. Mai 2013

„Mich interessiert es auch nicht…“

Seitenansicht: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ von Frank Spilker

Wenn Protagonisten mit dem Gesicht zur Inhalts-Wand stehen: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“, Buchcover

Die meisten kennen Frank Spilker als Sänger und Songschreiber der Hamburger Band „Die Sterne“. Und wie so einige Musiker, deren Erfolg sich nach einem gewissen Zeitraum einstellt – wir wissen: die Tage der Hamburger Schule sind schon lange vorbei -, versuchte auch Frank Spilker seinem Dasein als Künstler einen neuen Aufschwung zu geben. Allerdings leider in Form eines Romans. Auch wenn Spilkers Texte für die Sterne seit vielen Jahren junge Menschen begeistern – und die ehemaligen Anhänger der Szene stets bei „Universal Tellerwäscher“ anfangen zu singen und zu tanzen – heißt das nicht, dass in ihm auch ein Schriftstellerherz schlummert. Und sein Debüt „Es interessiert mich nicht, aber ich kann es nicht beweisen“, ist leider ein Paradebeispiel für einen missglückten Sprung von einer künstlerischen Ausdrucksweise in die andere. Wenn Deutschland nämlich von einer Sache in puncto Literatur tatsächlich genug hat, dann sind es inhaltlose und langweilige Romane über Dinge, deren Alltäglichkeit einen fast den Latte Macchiato hochwürgen lassen.

Wenn das Leben so dahin „troppelt“…

In Frank Spilkers Roman geht es um Thomas Troppelmann, Inhaber der Grafikagentur „Tropical Design“, die allerdings in keiner Weise so läuft, wie er es sich erhofft hatte. Mal abgesehen davon, dass die Büroräumlichkeiten marode sind, fehlt es an bezahlten Aufträgen und dem richtigen Händchen um in dieser Branche zu überleben. Und neben seinem beruflichen Niedergang hat ihn natürlich – das muss einfach sein – seine Freundin für einen anderen verlassen. Selbstverständlich interessiert ihn das Alles gar nicht. Klar, denn so legt es ja schon der Romantitel nahe. Und so schwadroniert Ich-Erzähler Thomas vielmehr im lakonischen Tonfall über den Zerfall seiner nahezu gesamten Existenz. Mit diesem Paket an vermeintlicher Krise besteigt er schließlich – genauso wie schon etliche Roman-Protagonisten vor ihm – einfach einen Zug und fährt quer durch die Bundesrepublik. Erst zu einer Geliebten in Hildesheim, danach zu seinen Eltern in den Pott und anschließend in den Schwarzwald, wo er als kleiner Junge mal eine zeitlang einen Kuraufenthalt in einem Heim überstehen musste. Dieses vermeintliche Trauma muss natürlich im Zuge des Romans kursiv dargestellt und verarbeitet werden. Was als Road-Trip bei Jack Kerouac klappte, funktioniert in der deutschen Literaturgeschichte selten. Zu banal klingen die Schauplätze, zuviel Befindlichkeitsliteratur mit Luxusproblemen, zuviel Rumgejammere. Und so lässt auch Spilker einen unweigerlich an Klupps „Paradiso“, Krachts „Faserland“ und – im gleichen Atemzug durch die gescheiterte berufliche Existenz – auch an Hanekamps „Sowas von da“ denken. Bei Letzterem diente wenigstens der Titel noch als Grundlage für sarkastische Äußerungen über seinen literarischen Spaziergang. Kurz: In den vergangenen Jahren hat es einzig und allein Wolfgang Herrndorf mit „Tschick“ geschafft einen herausragenden deutschen Roman zu verfassen, der einen wirklich guten Road-Trip beinhaltet.

„Nice try, but…“

Wer jetzt meinen möge, dass eventuell Spilkers herausragende lyrische Fähigkeit (mit denen er durchaus eine ganze Generation Cordhose tragender junger Menschen zu begeistern wusste) die Defizite der an Gewöhnlichkeit erstickenden Story wieder ausbügelt, liegt leider falsch. Schon auf den ersten Seiten überzeugt der Autor einen höchstens davon, dass er irgendwo zwischen Popkultur-Roman und Gymnasial-Lyrik hängen geblieben ist: „Klick. Ich habe es mir abgewöhnt, sinnlos im Internet herumzuklicken, wenn ich mich geistig verabschieden will. Seit einiger Zeit benutze ich dafür einen Kuli, den ich an mein Ohr halte, um das Geräusch ganz nah bei mir zu haben. So wie den Zipfel der Bettdecke, das Stofftier oder das Halstuch, das nach Mutti riecht, irgendetwas Vertrautes, das beruhigend wirkt. Klick. Klick“. Was vielleicht nach ein paar Flaschen Rotwein für den Roman-Verfasser selbst stark nach Manns „Tonio Kröger“ und dessen geistigen Eingebungen klingen mag, ist nichts weiter als ein belangloses Aneinanderreihen von Worten, deren inhaltlicher Sinn dem Rezipienten entweder verschlossen bleibt oder ihn einfach nicht interessiert. Aber auch im Laufe des Romans steigern sich seine sprachlichen Fähigkeiten nicht: „Ich gleite durch das Grün und Grau wie ein Taschenmesser durch einen Käse, der zu lange in der Sonne gelegen hat. Irgendwann finde ich es sogar schön und komme auf diese Weise nach einer unbestimmten Zeit am Bahnhof an“. Deutschland, Du Land der Dichter und Denker, kann es denn das gewesen sein? Das Schöne ist: Nach halbwegs schlanken 158 Seiten ist diese literarische Quälerei schließlich relativ schnell vorbei, und man kann sich wieder guter Literatur zuwenden. Mit der Erkenntnis auf den Lippen: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich in diesem Lese-Fall beweisen.“ Schade um die Neugier.

Frank Spilker: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“, Roman, 158 Seiten, Hoffmann und Campe, ISBN-13: 978-3455403664, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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