Susanne Viktoria Haupt
20. Mai 2013

Die Globalisierung und ihre Verlierer

Seitenansicht: „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers

Beweist mal wieder sein schriftstellerisches Talent: Dave Eggers aktuelles Buch „Ein Hologramm für den König“, Cover

Ein Szenario, das sich in den vergangenen Jahren fast als Paradigma manifestiert hat: Clay ist ein Mann in den Fünfzigern und steht kurz vor dem finanziellen Ruin, seine Träume vom Erfolg sind ausgeblieben, er ist hoch verschuldet und kann nicht einmal mehr die Studiengebühren für seine Tochter bezahlen. Trotz aller Schwierigkeiten versteift er sich auf ein naives Traumprojekt im Millionärs-Mekka Dubai. Hier will er Fuß fassen, einen Teil des großen Kuchens erwischen. Sein Plan ist es, ein Nobel-Resort mit Meerblick für wohlhabende Touristen und Einheimische zu bauen – eine Idee, die er vom König der Arabischen Emirate übernommen hatte, der jedoch schon bald nichts mehr von seinen Schwärmereien von gestern wissen mag. Clay jedoch legt sich weiterhin ins Zeug, und lässt einen Kollegen aus London bei der Präsentation als Hologramm vorsprechen. Dumm nur, dass das keinen interessiert. Und Clay ist nicht nur im Hinblick auf seine Karriere gescheitert, sondern ihn verlässt auch noch die Manneskraft. Frei nach dem Motto: Die Ohren sind das einzige, was er noch steif halten kann. Clays körperlicher Verfall im geht einher mit seiner auseinanderfallenden Lebenssituation.

Mit seinem neuen Roman „Ein Hologramm für den König“ beweist der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers nicht nur erneut seine schriftstellerischen Fähigkeiten, sondern auch sein Talent, Menschen und ihre Emotionen sowohl sozial zu erfassen als auch politisch einzuordnen und in seine Geschichten einzubinden. So finden wir in ihm einen Verlierer der Globalisierung, in der ein Mann über 50 keine akurate Arbeitskraft mehr darstellt, und auch der letzte Winkel der Welt Teil des globalen Netzes geworden ist. Ein Mann, der neben allen anderen Widrigkeiten seines Daseins nicht einmal mehr am sexuellen Leben teilhaben kann. Eine Reportage über unsere Verhältnisse, herzerwärmend erzählt mit emotionaler Tiefe.

Dave Eggers wurde durch seinen Debütroman „Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ schnell zum literarischen Wunderkind deklariert. Und auch seine nachfolgenden Werke „Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind“ und „Zeitoun“ bestachen durch sein herausragendes Erzähltalent. Gemeinsam mit Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss hat Eggers 2004 unter dem Titel „The Future Dictionary of America“ eine Sammlung politischer Aufsätze von Autoren wie Paul Auster herausgegeben und gemeinsam mit Michael Goldenberg das Drehbuch für die 2009 veröffentlichte Literaturverfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“ geschrieben. Für seinen Debütroman kam er sogar in die Endauswahl für den begehrten Pulitzer-Preis. Eggers ist definitiv ein Schriftsteller, dessen Werke in keinem gutsortierten Bücherregal fehlen dürfen.

Dave Eggers: „Ein Hologramm für den König“, Roman, 352 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462045185, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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