Susanne Viktoria Haupt
3. Juni 2013

Authentisch und ehrlich

Seitenansicht: „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“ von Luc Spada

Unrasiert, mit Kippe: Luc Spadas „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“, Buchcover

Es ist ja immer so eine Sache mit den jungen Autoren, zumindest mit den deutschsprachigen. Eigentlich kann man sie in zwei Lager unterteilen: Diejenigen, die die gesamte Welt in einem besorgniserregenden Maße lieben und Seifenblasen durch die Seiten pusten und diejenigen, die die Welt in einem genauso besorgniserregenden Ausmaße und einem langweilig lamentierenden Tonfall ohne wirkliche Begründung hassen. Gute neue Literatur muss irgendwie anders aussehen. Luc Spada gehört glücklicherweise zu keinem der beiden Lager. Weder verpackt er die Welt in unnatürliche und vor schmerzender Naivität berstende Liebe, noch spuckt und kotzt er auf alles, was seinen Weg kreuzt. Zumindest nicht in seinem zweiten Werk „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“. Aufgeteilt ist dieses Werk in vier Teile: „Nichts“, „Hier darf man noch rauchen“, „Wenn nicht ich, wer denn sonst?“ und „Kreisverkehrte Verwesung (yeah)“. Zwar unterscheiden sich diese vier Storys sowohl in ihrer Form als auch in ihrem inhaltlichen Verlauf, jedoch haben sie eine Sache gemeinsam: ein Gefühl von Wahrhaftigkeit. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Autoren fehlt Spada nämlich zum Glück eines: das Bedürfnis, so zu tun als ob, den Intellektuellen raushängen zu lassen, das Talent, bedeutungslose Phrasen in bedeutungslose Satzhüllen zu verpacken. Wenn etwas bedeutungslos ist, dann markiert er es auch so.

Nichts

In „Nichts“ laufen die Leserinnen und Leser durch eine wirre, aber dennoch nachvollziehbare Welt voller Gedankenfetzen und Gesprächsteile. Wie ein Fragment wirkt die Geschichte dennoch nicht, sind doch gerade die unausgesprochenen Gedanken oft bis zum Schluss ausformuliert, eckig und häufig genauso ungelenk wie in unserer aller Köpfe. Wir folgen hier einem Menschen, der umherschwankt zwischen dem Alleineseinwollen und dem Nichtalleineseinkönnen – einem, der sich noch entscheiden muss, ob er den Weg der gängigen menschlichen Verhaltensweisen einschlägt, oder ob er sich von alldem abkehrt. Ein kühner Blick auf die arbeitende Masse, die dem Erfolg hinterherläuft, sich Tofu zwischen die Zähne schiebt und sich um die Sicherheit im Leben sorgt. Eine Welt voller Banalitäten. Und dazwischen die Liebe, der Schmerz und das Leid, das Lebendigkeit verspricht und selbige aber nicht einhält: eine Endzwanziger-Philosophie, die mal nicht zuviel nachdenkt, sondern stattdessen spricht. Antworten auf die großen Fragen über das Leben und die Welt gibt es natürlich nicht und am Ende mag der eine oder andere Leser vielleicht etwas unbefriedigt zurückgelassen werden. Ein Schriftsteller ist aber kein Welt-Erklärer und nicht jedes Buch ein Sachbuch – denken müssen wir immer noch selbst.

Hier darf man noch rauchen

Die zweite Story, „Hier darf man noch rauchen“, handelt von einer Kneipe respektive einem Café namens „Der grünen Neun“, in der tatsächlich noch geraucht werden darf. Hier sitzen sie meist zusammen, der Protagonist und sein Freund, der gleichzeitig Besitzer der Bar ist – Leo, der so ungelenk ist mit der Damen-Welt. Hier beobachten sie die Stammkundschaft und das wechselnde Volk. Zum Beispiel den Typen, der dienstags nie da ist und der immer draußen raucht, der „Gelegenheits-Wilde“. Oder die lauten und schrillen Engländer, die sich einfach nicht benehmen können und keinen Alkohol vertragen. Sie reden über den klassischen Rosenverkäufer mit dem Arm voller unduftender Langstieliger und über fußballzeigende Flatscreens. Und es geht um die Mama, die alt und krank war und deren Tod der Erzähler miterlebte. Das alles erzählt Spada ohne zu rührselig zu werden und das Authentische zu verlieren, und selbst bei heiklen Themen wie Tod und Verlust lehnt er sich nicht zu weit aus dem Fenster und sagt nicht: „So Leute, genau so fühlt es sich an“. Diese Bar-Impressionen, von denen es hätten ruhig mehr sein können, wirken durch den geschilderten Alkoholkonsum und die vielen Zigaretten ein wenig wie Kaurusmäkis „La Vie de Bohème“. Und davon kann man bekanntermaßen nie genug bekommen.

Wenn nicht ich, wer denn sonst?

„Wenn nicht ich, wer denn sonst?“ ist eine Art Gespräch, eine Dokumentation über eine junge Frau namens Sophie, die irgendwo zwischen Depressionen, Psychosen, Medikamenten und sich selbst gefangen ist. Sophie spricht schonungslos offen über ihre Empfindungen und gibt einen Einblick in eine Welt, in der das innere Gleichgewicht eine sehr kurzlebige Angelegenheit ist und auch das Rauchen als Akt einen wichtigen Platz einnimmt. Die Ursachen für ihren Zustand werden nur wage angedeutet. Ein Dozent, der sie physisch und psychisch misshandelt hat, kommt vor, monotone Langeweile, auffressende und die Kreativität erstickende Routine, und am Ende steht wieder das Leben und die Welt als solche, die krank macht, die verrückt macht. Und zwar diejenigen, die irgendwie nicht so ganz hineinpassen wollen und es auch nicht können. Anders als die Menschen, die einem Leid hinterherjagen, um etwas Besonderes zu sein, und denen Depressionen als Identifikationsfläche dienen. Am Ende steht ein Kampf zwischen Sophie und ihren Krankheiten, der mit einer einzelnen bedeutenden Aussage endet: „Ich liebe“.

Kreisverkehrte Verwesung (yeah)

Der vierte und letzte Teil von Spadas Buch, „Kreisverkehrte Verwesung (yeah)“, gleicht ein wenig einer Abrechnung und besticht durch die Intensität und Authentizität der Sätze, wobei die Leser nicht zwischen Fiktion und Non-Fiktion zu unterscheiden vermögen. Abermals geht es um die Sicht auf die Welt, auf die Dinge, die beklemmen und betrüben können, die wütend machen. Dabei konzentriert Spada sich nicht auf den Hunger, die Finanzkrise oder andere weltpolitische Lagen, sondern auf Alltäglicheres wie Schönheitsideale, Anerkennung, die Erwartungshaltung anderer, unerfüllte Erwartungen und das eigene Versagen, das einen Menschen um den Verstand bringen kann. „Meine Briefmarken sind viel schöner als deine Briefmarken“: Während viele Autoren das Unverständnis gegenüber einer solchen Aussage hervorkehren, kauft man Spada die Beobachtung ohne Weiteres ab. Hier verharrt der Protagonist nicht in der Position des Zornigen, der keinen Weg aus der Maschinerie herausfindet, sondern er entwickelt sich stattdessen zu einer Persönlichkeit, der es egal ist, wie die vorgefertigten Normen aussehen, und ob er sich mit ihnen arrangieren kann. Es wird geliebt und gespuckt auf die Meinungen anderer, es wird das gelebt, was man leben möchte. Was bleibt, ist am Ende die Erkenntnis des Autors über die bisher erlebten und gefühlten Dinge und die Flucht zu sich selbst.

Ein literarisches Ganzes

Luc Spada, geboren 1985 in Luxemburg, ist Initiator des einzigen luxemburgischen Poetry Slams, lebt mittlerweile in Berlin und ist neben seiner Tätigkeit als Autor auch als Schauspieler tätig. Außerdem leitet er Schreib- und Theater-Workshops für Kinder und Jugendliche. 2010 wurde er mit dem Künstler-Stipendium der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in Berlin ausgezeichnet und tourte mit unterschiedlichen Bühnenprogrammen durch Luxemburg, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Sein erstes Werk „So sehr du mich auch willst, du wirst mich immer mehr wollen“ ist ein Lyrik-Band und erschien 2010. Das Besondere an seinem zweiten Werk „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“ ist die größtenteils szenische Schreibweise, die zwar an Poetry Slam erinnert, aber doch viel mehr ist. Denn dieses Buch gehört keinesfalls zu den Werken, die man liest und dann in das Regal stellt, sondern es ist eines, das man sich immer mal wieder herausnimmt und nachliest – ein Buch, in dem man Lieblingssätze und Lieblingspassagen findet, und bei dessen Lektüre man gerne mit dem Autor mal ein Bier trinken möchte. Über die Inhalte lohnt es sich nachzudenken. „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“ ist alles andere als Befindlichkeits-Lyrik oder Seifenblasen-Philosophie, sondern vielmehr ein literarisches Ganzes, das durch Ehrlichkeit und authentische Beobachtungsgabe besticht. Nur hätten es ruhig noch mehr sein können als nur 128 Seiten.

Luc Spada: „Abführung der lebenswichtigen Mittelmäßigkeit – ein Remix“, Roman, 128 Seiten, Editions Guy Binsfeld, ISBN-13: 978-2879542652, 18,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel