Henning Chadde
17. Juni 2013

Im Feuer des Selbst und der eigenen Generation

Seitenansicht: „untalentiert & pietätlos“ von Elias

Einfach schwarz – mit Ein-und Ausblicken, lyrisch: „untalentiert & pietätlos“ von Elias, Buchcover

Mit Gedichten ist das ja immer so eine Sache. Literarisch stellen sie durchaus für den Autoren und Leser gleichermaßen eine echte Herausforderung dar, für den Verleger hingegen stehen Gedicht-Bände zumeist für eine atreine Absatz-Katastrophe, die er kaum – es sei denn mit ausgewiesenem, lyrischem Herzblut und bewusstem Mut zum Risiko – verlegerisch vertreten kann. Bewegen sich die Absatzzahlen doch auch bei den großen Verlagen (und Namen) nicht selten im unteren bis mittleren Hunderter-Bereich. Es ist eine eingeschworene Gemeinde, die sich verfassend und lesend der Lyrik verschrieben hat, nicht selten wirkt sie elitär und äußerst verschlossen und gibt dem Nachwuchs kaum eine Wahrnehmungs- und Berechtigungs-Chance. Und dass, wobei doch nicht nur der Nachwuchs, sondern auch die Lyrik als literarisache Gattung so einiges, nicht selten Hochinteressantes, zu bieten hat.

Auf ich und Du und wir im Spiegel…

Ein Mann, der sich nunmehr schon zum zweiten Mal – freilich im Selbstverlag – mit großer Neugier und der Selbstverständlichkeit und Angstfreiheit der Jugend an die Gedichtform heranwagt, ist der in Hannover aufgewachsene und nunmehr in Leipzig lebende Autor Elias, vollnamentlich Nils Elias Molle. In der hannoverschen und bundesweiten Poetry Slam- und Live-Literatur-Szene sicherlich kein Unbekannter, steht der 1992 in Hildesheim geborene Poet doch selbst deutschlandweit auf Slam- und Lese-Bühnen seinen Vortrags-Mann und initiert und moderiert in Hannover den U20-Schüler-Poetry Slam „SPAM“. Nach seinem Lyrik-Debüt „Sprengsätze“ aus dem Jahre 2011, legt Elias mit „untalentiert & pietätlos“ nun bereits seinen zweiten Gedichtband im Eigenverlag vor. Dabei vermag er es erneut äußerst trefflich seiner Generation eine zurückgenommene Stimme zu geben, die umfassend auf den berühmten Punkt zu kommen weiß, dabei sich aber nicht hinter Generations-Plattitüden versteckt, sondern immer auch messerscharf das eigene Selbst im Kontext zu beobachten (und nicht selten schmerzhaft zu sezieren) vermag. Gerade die entschiedene Wahl der Gedichtform schafft es dabei die Zerrissenheit einer jungen Generation und des Autoren selbst passgenau zu unterstützen und in Szene zu setzen. Dabei sei besonders positiv hervorzuheben, dass Elias seit seinen „Sprengsätzen“ anscheinend kontinuierlich an der verschriftlichen Form seiner Lyriken gearbeitet hat und nunmehr noch pointierter als bei seinem Erstlings-Werk mit Gedicht-Satz, Umbrüchen, Anordnungen und lyrischem Aufbau umzugehen weiß. Was gerade dem Inhalt nicht selten eine überraschende, zweite Dimension hinzufügt, besser: eröffnet. Hier merkt man, dass ein junger Autor bannig Spaß am Spiel mit der Sprache und ihrer – nicht nur lyrischen – Verfassbarkeit und Verschriftlichung hat. Und sich doch mutig mit einem kreativen Mittelfinger in Richtung aller tradierten Erwartungshaltungen nach dem eigenen Weg umschaut, auf die Suche begibt.

Vom Suchen, Fluchen und Finden

Gerade in der dringenden und drängenden Vermittlung der Suche des Autors auf verschiedenen Kreativ- und Lebens-Ebenen liegt der Reiz von „untalentiert & pietätlos“. Einer Suche, die sich eben nicht nur auf literarischer Ebene abspielt, sondern vielmehr die Rast- und nicht selten Ratlosigkeit des Autoren selbst und seiner Generation widerspiegelt. Flirrend, nicht selten vor die Wand laufend, zweifelnd und verzweifelnd (aber niemals restlos verzweifelt), von Herzen liebend, ohne jede Rücksicht plakativ bewertend und doch im nächsten Moment schon wieder nachdenklich beobachtend. Klar, dass es bei diesem Drängen im eigenen Herzen, zudem noch im Spiegel einer ganzen Generation und des eigenen literarischen Erwachens, qualitative Unterschiede in den einzelnen Gedichten gibt. Vermutlich sogar geben muss, bisweilen gar recht große. Fehl am Platze ist aber keines der Werke, denn in ihrer Gesamtheit offenbaren sie – zusammen mit ausgewählten Skizzen und Zeichnungen von Marie Bakemeier – die ungestüme Neugier eines jungen Poeten, der sich nicht fügen will, sondern vielmehr seine Existenzberechtigung im pointierten, teilweise wütenden Setzen von ausformulierten Frage- und Ausrufezeichen sucht. Und nicht selten sogar zu finden weiß. Und damit tatsächlich den Beweis antritt Talent zu besitzen, das sich literarisch durchaus zu beobachten lohnt. Und dass, wobei der Legende nach der Titel des Bandes doch einem wütenden Zitat einer Deutschlehrerin entlehnt ist, die den jungen Elias dereinst als absolut „untalentiert und pietätlos“ beschimpft haben soll. So kann man sich irren…

Elias: „untalentiert & pietätlos“, Gedichte, 62 Seiten, Selbstverlag, 8,95 Euro. Der Gedichtband ist erhältlich in der Literaturtankstelle der Buchhandlung Decius (Marktstraße) und auf Lesungen des Autoren

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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