Henning Chadde
24. Juni 2013

Wut zur Veränderung…

Das Verhör: „Ultraviolet“ von Kylesa

Schritt für Schritt der Genre-Offenheit entgegen: das Kylesa-Album „Ultraviolet“

Gemeinhin werden Kylesa dem Sluge-Metal-Genre zugeschlagen. Freilich mit einem kraftigen Doom- und Stoner-Einschlag, der definitiv stets auf ihren Werken vordergründig nachzuvollziehen ist und der mit seiner wuchtig-epischen Bandbreite nicht wenige Bands dieses Genres in den letzten Jahren maßgeblich beeinflusst hat. Dennoch wird dabei zumeist die Entwicklung der Band aus Savannah (Georgia) rund um die beiden Masterminds Phillip Cope und Laura Pleasants übersehen. Gestartet als ultraschwere Sluge-Noise-Doom-Core-Dampframme, die dem Hörer auf ihren ersten drei Alben noch sprichwörtlich erruptiv-brüllend und gezielt tödlich in die Magengrube tiefschlug (nachzuhören auf dem selbstbetitelten „Kylesa“ aus dem Jahre 2002, dem 2005 folgenden „To Walk A Middle Course“ und dem ein Jahr später erschienenen „Time Will Fuse It’s Worth“), gehen Kylesa heutzutage einen denkbar anderen Weg. Ein Weg, der bereits auf ihrem 2009er Album „Static Tensions“ erste Veränderungs-Schatten in den Sound-Ring warf und mit „Spiral Shadow“ aus dem Jahre 2010 seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat und weit über die Szene-Grenzen anerkennend zu punkten wusste. Nach einer im letzten Jahr erschienenen Interims-Platte namens „From The Vaults Vol. 1“, die zumeist bisher unveröffentlichte Songs und Raritäten aus dem Back-Katalog der Band enthielt, heißt es nun auf voller Spiellänge dem neuen Kylesa-Longplayer „Ulraviolet“ zu folgen.

Um es vorwegzunehem: freilich sind auf „Ultraviolet“ immer noch alle vorgenannten Wut- und Lautstärke-Merkmale vorhanden, wenngleich sie im Vergleich zu den früheren Werken deutlich in den zweckdienlichen, kompositorischen Hintergrund treten. Dennoch werden sie nach wie vor durchweg allen Musik-Freundinnen und -Freunden, die mit dieser kompromisslosen Spielart lauter Gitarren-Musik wenig bis gar nichts anzufangen wissen, als eine pure, geisteskranke Ausgeburt der Hölle vorkommen. Ungeachtet eines sehr hohen und extremst zugänglichen Dark-Wave-Anteiles, der sich bereits auf dem Vorgänger „Spiral Shadow“ deutlich ankündigte, beinahe poppiger Refrain- und Melodie-Bögen, treibendener, doppelter Drumbesetzung und sich kongenial ergänzenden weiblichen und männlichen Gesangs-Parts. Wobei sich die Sängerin und Zweit-Gitarristin Laura Pleasants zunehmend als heimliche Kylesa-Frontfrau zu entpuppen weiß. Hinzu kommen zwischen den Soundzeilen dezente elektronische Einschübe, die teilweise durchaus als zeitaktuell durchzugehen wissen. Allein: wer Kylesa ob ihrer Brachialität und ihrem ständigen Willen zum Wandel bisher nicht zu schätzen wusste, dem bleibt der Zugang zu ihrem Düster-Universum auch auf „Ultraviolet“ weiterhin fest verschlossen. Und ja, sicher, auch viele Kylesa-Die-Hard-Fans der ersten Stunde werden ob der bedingungslosen Wandlungsfähigkeit ihrer Dust-Lieblinge vermutlich kopfschüttelnd die Folge-Karten streichen und ihre Liebe aufkündigen. Klar, es ist halt immer eine Frage des persönlichen Geschmacks und der eigenen Toleranz, ob und in welche Richtungen sich Lieblingsbands und -Genres weiter entwickeln dürfen beziehungsweise weiterzuentwickeln haben.

Kylesa haben sich weiterentwickelt. Stoisch und unbeirrbar. Den größten Sprung haben sie dabei sicherlich mit dem Ultraviolet-Vorgänger „Spiral Shadow“ hingelegt, mit dem sie unmissverständlich deutlich machten, dass sie sich fürderhin keinen Szene- und Sound-Grenzen und Erwartungshaltungen mehr unterwerfen werden, sondern ausschließlich ihren eigenen Weg gehen. Dass „Ultraviolet“ dabei die neuerfinderische und überaus kompakte Kongenialität seines Vorgängers nicht zur Gänze zu erreichen weiß, mag nun manch einer mit Stagnation gleichsetzen und mit dem Ausruf quittieren „wären sie mal von Anfang an bei ihren Leisten geblieben!“. Vielmehr zeigen Kylesa allerdings, dass es ihnen deutlich mehr wert ist an den Nuancen ihrer Songs zu arbeiten und sich einer stetigen Experimentierfreude zu öffnen, anstatt stumpf ein erwartbares „Hammer!“-Album nach dem nächsten zu produzieren um möglichst alle vorangegangenen zu toppen. Wie gesagt: bei der durchschlagenden Qualität von „Spiral Shadow“ ist dieses auch kaum möglich. Und so hält „Ultraviolet“ diesem Vergleich zumindest auf Augenhöhe stand. Wenn es nicht gar seine abweichenden Stärken fokussierter und unerwartbarer zwischen den berühmten Zeilen auszuspielen weiß. Nicht zuletzt durch den Gesang von Laura Pleasants und auf Songs, wie „Unspoken“, „We’re Taking This“, „Quicksand“ und dem albumschließenden Slow-Downer „Drifting“ eindringlich nachzuhören.

Kylesa: „Ultraviolet“, CD, 11 Songs, 38:53 min., Season Of Mist

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel