Susanne Viktoria Haupt
1. Juli 2013

Die dunkle Seite des Erwachsenwerdens

Seitenansicht: „Der Tod von Mister Sweet“ von Daniel Woodrell

Düstere Coming-of-age-Geschichte: Daniel Woodrells „Der Tod von Mister Sweet“, Buchcover

Shug Akins ist gerade einmal 13 Jahre alt und dennoch hat er schon mehr Dinge erlebt und erleiden müssen als manch andere in ihrem ganzen Leben. Shug, sein Vater Red – obgleich Zweifel an dessen Vaterschaft schon auf den ersten Seiten laut werden – und seine Mutter Glenda gehören zum sogenannten White Trash Amerikas. Ansässig im Süden Missouris, überleben sie mehr als sie leben. Sie wohnen in einer Arbeiter-Unterkunft auf einem Friedhof und halten sich mit Gaunereien, linken Tricks und jeder Menge Alkohol über Wasser. Shugs Mutter Glenda trinkt jeden Tag ihren „besonderen Tee“ und auch Red ist dem Promille-Saft nicht abgeneigt. Für seine Mutter ist Shug „Mister Sweet“, für seinen vermeintlichen Vater nur der „Fettsack“, den er versucht, zu einem seiner Meinung nach halbwegs respektablen Mann heranzuziehen. Dazu gehört auch, nachts in Häuser einzusteigen und diese bis auf die letzte Flasche auszurauben oder geklaute Fahrzeuge zu lackieren. Red neigt obendrein dazu, auf seinen „Sohn“ einzuprügeln, und nicht selten bietet die Mutter dem Vater ihren eigenen Körper, um ihrem „Mister Sweet“ die körperliche Züchtigung zu ersparen. Als irgendwann Jimmy Vin Pearce mit seinem grünen Ford Thunderbird auftaucht, wittert Shug erstmals so etwas wie Hoffnung. Doch so einfach hat der Verfasser des Romans „Der Tod von Mister Sweet“ es seinem einsamen Helden nicht gemacht, und erst jetzt scheint das wirkliche Märtyrium zu beginnen…

Der amerikanische Autor Daniel Woodrell, bekannt durch sein Buch „Winters Knochen“, das oscarnominiert verfilmt wurde, hat „Der Tod von Mister Sweet“ in den USA bereits vor zehn Jahren veröffentlicht, doch erst jetzt wurde der Roman ins Deutsche übersetzt. Anders als in „Winters Knochen“ sind die Geschehnisse düsterer, trostloser und vor allem auswegslos. Mit klarer Sprache erzählt Woodrell die Geschichte von Shug in der Ich-Form und gibt so tiefe Einblicke in das zerrüttete Seelenleben des Heranwachsenden. Und so zeichnen sich von der ersten Seite an messerscharfe Bilder in den Köpfen der Leser ab. Und so gerne man auch reisen möchte – im Süden Missouris möchte man nach diesem Roman sicherlich nicht mehr landen. Woodrell, geboren 1953 in Springfield, Missouri, gilt als der Begründer des „Country-Noir“-Krimis. Bereits 1999 bekam er für „Tomato Red“ den begehrten PEN West Award. Mit „Winters Knochen“ schaffte er den weltweiten Durchbruch und kam hierzulande dimmerhin auf Platz Fünf der Krimi-Zeit-Bestenliste 2012.

Daniel Woodrell: „Der Tod von Mister Sweet“, Roman, 192 Seiten, Liebeskind Verlag, ISBN-13: 978-3935890953, 16,90 Euro

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Kategorien: Literatur

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