Jörg Smotlacha
8. Juli 2013

Gott ist tot

Das Verhör: „13“ von Black Sabbath

Wenn schon retro, dann richtig: Black Sabbath ziehen auf „13“ noch einmal alle Register

Es ist ja immer so eine Sache, wenn einst erfolgreiche Bands nach Jahren, in denen sie in der Versenkung verschwunden waren, ein Comeback ankündigen. Erst recht, wenn es sich um Bands handelt, deren Höhepunkt des Schaffens gleich mehrere Jahrzehnte zurückliegt. Muss das wirklich sein? Brauchen die Jungs wirklich das Geld? Und ist da nicht gerade eine musikalische Legende dabei, sich selbst zu demontieren? Nun ist das ewige Revival des Revivals ja durchaus eine Zeiterscheinung der Post-Postmoderne, und es gibt nichts, was nicht einer Zweit- oder gar Drittverwertung wert erschiene. 80er? 90er? Alles total hip. Eine Party wert. Nun also auch die 70er. Nun also auch Black Sabbath. So weit, so unglaublich.

Gegen das Leben, gegen die Welt

Black Sabbath, das waren anno 1970 vier junge, wütende Schulfreunde, die aus Birmingham stammten, vorher jazzigen Bluesrock machten, sich dann von Earth in Black Sabbath umbenannten, und beschlossen, eine Musik zu machen, die den Leuten Angst einjagen sollte. Fortan knallten sie der Welt unglaublich düstere, mal okkulte, mal politische, mal persönliche Songs entgegen, die den Punkrock vorwegnahmen, den Hardrock revolutionierten und die Musikszene so oder so beeindruckten. Anfangs mit Skepsis aufgenommen und von der Kritik fürchterlich unterschätzt, gebärten Ozzy Osbourne, Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward einen bluesigen Doom-Rock, der mit tiefer gestimmten Gitarren, Osbournes schneidendem und anklagendem Gesang, brillanten Drums, und einem wütenden, von der im Birmingham jener Tage vorherrschenden Arbeitslosigkeit geprägten Endzeit-Sound, unvergleichlich und originär war. In den Jahren bis 1978 entstanden insgesamt acht fulminante Alben in der Ur-Besetzung, und Black Sabbath hinterließen eine ganze Palette von Meilensteinen der Rock-Geschichte wie den Selbstmord-Quickie „Paranoid“, den Anti-Kriegs-Song „War Pigs“, die Drogen-Hymnen „Sweet Leaf“ und „Snowblind“, das düstere „Sabbath Bloody Sabbath“ oder den wüsten „Iron Man“, aber auch wunderschöne, traurige Balladen wie „Changes“ oder „Solitude“.

Abstieg

Danach war es mit der Herrlichkeit allerdings vorbei. Die Band trennte sich nicht zuletzt aufgrund von Osbournes fortwährenden Alkohol-Eskapaden und veröffentlichte in den Folgejahren unter der Regie von Gitarrist Iommi jede Menge durchschnittliche Alben, die inzwischen dem eher langweiligen Genre Heavy Metal zugeschrieben werden durften – einige wenige bemerkenswerte Highlights, insbesondere mit dem inzwischen verstorbenen Osbourne-Nachfolger Ronnie James Dio ausgenommen. Osbourne machte unterdessen in den USA Karriere, erarbeitete sich den Titel „Prince of the Darkness“, thematisierte seine eigenen Dämonen („Demon Alcohol“) und erregte schließlich zweifelhafte Aufmerksamkeit mit der MTV-Serie „The Osbournes“, bei der er ungewohnt tiefe Einblicke in sein zerrüttetes Privatleben gab.

Rückkehr

Und nun dies: Im Alter jenseits der Sechzig verkünden die Ur-Mitglieder von Black Sabbath ein Comeback in Originalbesetzung! Drummer Bill Ward einmal ausgenommen, der, gesundheitlich bedingt, dann doch passen musste, und – soviel sei vorweggenommen – durch Brad Wilk von Audioslave und Rage Against The Machine recht gut ersetzt wurde. „13“ heißt das neue Album, so schlicht wie passend, und es wurde von niemandem anders produziert als von Rick Rubin, dem Mann für alle Fälle, dem es ja zuletzt gelungen war, all jenen Musikern, deren Zeit irgendwie over the top war, neues Leben einzuhauchen – von Johnny Cash über Neil Diamond bis hin zu ZZ Top oder den Red Hot Chilli Peppers.

Niemand covert Black Sabbath so gut wie Black Sabbath

Und „13“ weiß von Anfang an zu überzeugen. Der Opener „End Of The Beginning“ klingt nach 1970, wütend wie damals, und die Single „Is God Really Dead?“ hat alles, was einen guten Sabbath-Song ausmacht: schleppende Rhythmen, tiefergestimmte Saiteninstrumenete, eine kritisch-böse Grund-Haltung und gewohnt atheistische bis witzige Lyrics („Give me more wine, I don’t need bread!“), vor allem aber schafft es der Song, über seine knapp neun Minuten die Spannung zu wahren. Nein, es ist eindeutig: Niemand hat es je vermocht, Black Sabbath besser zu covern als Black Sabbath nun imJahre 2013 – und das ist immerhin etwas, das zig Epigonen seit sage und schreibe 35 Jahren versucht haben. Und auch Osbournes Gesang klingt überraschenderweise so gut und unverfälscht wie lange nicht gehört, auch wenn ihm die jugendliche Wut ein wenig fehlt, und Iommis Gitarre schneidet wie eh und je. „Zeitgeist“ gibt dann noch einmal eine kluge Reminiszenz an den 1970er-Song „Planet Caravan“, Bongos inklusive, und auch „Live Forever“ und Dear Father“ können durchaus mit rhythmischen Wendungen positiv überraschen. „13“ wird die Musikwelt nicht mehr revolutionieren, aber da hat eine Band ihr Werk nach 35 Jahren tatsächlich noch einmal abgerundet. Respekt! Und danke dafür, Black Sabbath. Eine Reunion mit Sinn.

Black Sabbath: „13“, CD, 8 Songs, 53:29 min., Mercury (Universal)

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Kategorien: Musik

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