Jörg Smotlacha
15. Juli 2013

Das letzte Geschenk

Seitenansicht: „Claraboia oder Wo das Licht einfällt“ von José Saramago

Ein Kaleidoskop der portugiesischen Gesellschaft unter Salazar: José Saramagos Debüt „Claraboia oder Wo das Licht einfällt“, Buchcover

Manchmal erzählt ein Buch mehr als nur eine Geschichte. Und manchmal ist auch die Entstehung eines Werkes eine Geschichte für sich. Bei dem jüngst im Hoffmann & Campe-Verlag erschienenen Roman des portugiesischen Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago, „Claraboia oder Wo das Licht einfällt“, ist neben seinem Inhalt aber auch insbesondere die Geschichte seiner Veröffentlichung bemerkenswert, handelt es sich doch um Saramagos Erstlingswerk. „Claraboia“ entstand Ende der 1940er- bis Anfang der 1950er-Jahre und galt jahrzehntelang als verschollen, bis der 77-jährige Nobelpreisträger im Jahre 1999, als er gerade an seinem Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“ arbeitete, einen Anruf eines Verlages erhielt. „Es wäre dem Verlag eine Ehre, das bei einem Umzug wiedergefundene Werk zu veröffentlichen“, so hieß es. „Nein danke, jetzt nicht“, lautete die lapidare Reaktion des Portugiesen, den es in den Fünfziger Jahren sehr verbittert hatte, dass man ihm auf ein Schreiben mit dem Manuskript seines literarischen Debuts nie eine Antwort gegeben hatte. So sehr verbittert, dass der junge Saramago, der nie studiert hatte, Sohn und Enkel von Analphabeten war und von Beruf Mechaniker, zwanzig Jahre benötigte, bis er es wagte, einen neuen Versuch zu starten und 1966 mit dem Lyrik-Band „Os Poemas Possíveis“ endlich eine Veröffentlichung hatte.

Bis dahin arbeitete Saramago als Übersetzer und Literaturkritiker, jobbte für mehrere Verlage und tat sich als Kritiker der Salazar-Diktatur hervor. 1969 schloss er sich, im Zusammenhang mit dem wachsenden Widerstand gegen den kolonialen Krieg in Angola der Kommunistischen Partei Portugals an, der er als überzeugter, aber unorthodoxer linker Provokateur bis zu seinem Tode im Jahre 2010 die Treue hielt. Heute gelten Saramagos Werke als Meilensteine der Weltliteratur, wie zum Beispiel „Das Todesjahr des Ricardo Reis“, eine Auseinandersetzung mit dem literarischen anderen Ich des berühmten portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, die „Geschichte der Belagerung von Lissabon“, „Die Stadt der Blinden“, die 2008 von Fernando Meirelles mit Juliane Moore in der Hauptrolle verfilmt wurde, „Der Doppelgänger“, „Die Reise der Elefanten“ oder zuletzt „Kain“, einer so satirischen wie brillanten Antwort auf das Alte Testament. Zeit seines Lebens bezog Saramago stets radikal politisch Stellung, blieb im Clinch mit seinem Heimatland Portugal, dessen Diktatur genauso wie dessen späterer Demokratie, und befand sich in einem Dauerkonflikt mit der mächtigen katholischen Kirche des Landes. 2010 verstarb José Saramago in seinem Wahl-Exil auf Lanzarote, ausgezeichnet mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen, seit 1998 obendrein mit dem Nobelpreis.

Nun also ist sein Debüt-Werk „Claraboia oder Wo das Licht einfällt“ endlich auf Deutsch erschienen und man mag vermuten, dass der große Dramatiker das genauso geplant hatte. Nein, zu Lebzeiten sollte „Claraboia“ nicht mehr veröffentlicht werden, denn wenn es schon in den Jahren seiner Jugend so verschmäht worden war, musste er es auch in seinen späten Lebensjahren nicht mehr irgendeinem Verlag schenken, und schon gar nicht dem, der ihm damals die Antwort schuldig geblieben war. Aber nach seinem Tod ist das zweifellos etwas Anderes, denn als postume Veröffentlichung schließt sich mit dem Erstling ein Kreis um Saramagos Lebenswerk, zumal in „Claraboia“ schon alle Talente, alle Ideen, ja sogar alle Figuren aus Saramagos Oeuvre irgendwie angelegt sind.

„Claraboia“ spielt fast komplett in einem Mietshaus im Lissabon der 1950er-Jahre. Die Leser treffen auf den Schuster Silvestre, der seine Werkstatt trotz angespannter wirtschaftlicher Situation mit viel Herzblut betreibt, und mit seiner Frau Mariana, die er sehr liebt, schließlich die folgenreiche Entscheidung trifft, einen Untermieter aufzunehmen, der beider Leben verändern wird. Weiter lernen die Leser Doña Carmen kennen, die sich mit ihrem Mann Emílio einen permanenten Kleinkrieg liefert, bis der seine Liebe zum gemeinsamen Sohn Henrique entdeckt, und Justina, die unter den Demütigungen ihres Mannes Caetano leiden muss. Oder auch Lídia, die sich durch ihren Geliebten, Senhor Morais, aushalten lässt, und von ihrer Mutter genervt ist, die sich gleich mitaushalten lässt. Und dann wäre da noch die Familie von Anselmo, dem es so wichtig ist, als männliches Oberhaupt stets die Macht über alle Vorgänge in der Familie zu behalten, was zwar seine Frau Rosália beeindruckt, nicht aber seine Tochter Claudia, die sich irgendwann vor die Frage gestellt sieht, ob sie als junges Mädchen der in die Jahre gekommenen Lídia ihren reichen Gönner ausspannen soll. Außerdem wird das Zusammenleben der beiden Schwestern Isaura und Adriana geschildert, die mit ihrer zaghaften Mutter Cândida und der dominanten Tante Amélia in einer Wohnung hausen. Während die fröhliche Adriana jeden Abend ihrem Tagebuch die unerfüllte Liebe zu einem Arbeitskollegen anvertraut, entdeckt die schüchterne Isaura, die sich stets hinter Büchern versteckt beim Lesen von Diderots „Die Nonne“ ihre Neigung zum eigenen Geschlecht.

Das alles wird von José Saramago, der beim Verfassen gerade einmal Ende Zwanzig war, so teilnahmsvoll wie kritisch-distanziert erzählt. Dabei geht es um große und kleine Geheimnisse und um die Sorgen und Nöte der Menschen. Und nicht zuletzt, weil der Autor die sympatischen Eigenschaften der Hausbewohner genauso scharf zeichnet wie deren unangenehme und böse Seiten, entwickelt „Claraboia“ einen unwiderstehlichen Sog bis zur letzten Seite. Die Kraft des Romanes und seiner in ihm verborgenen Geschichten liegt darin, dass sie ganz nebenbei und sehr spielerisch ein Kaleidoskop der portugiesischen Gesellschaft entwickeln und die Atmosphäre während der Salazar-Diktatur eindrucksvoll heraufbeschwören. So thematisiert „Claraboia“ scheinbar beiläufig sowohl die wirtschaftliche Not der Hausbewohner als auch zum Beispiel die Misshandlung von Frauen, die gleichgeschlechtliche Liebe und die Tatsache, dass die Familie kein sicherer Ort ist, sondern eine Hölle sein kann, und untergräbt so die geltenden Werte und Normen. Kein politisches Buch, abere eines der schönsten, weil zugänglichsten Werke Saramagos. Für Saramago-Neulinge ein perfekter Einstieg in dessen Oeuvre, für Anhänger ein letztes Geschenk des großen Literaten. Unbedingt lesenswert!

José Saramago: „Claraboia oder Wo das Licht einfällt“, Roman, 352 Seiten, Hoffmann & Campe, ISBN-13: 978-3455404395, 22,99 Euro

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Kategorien: Literatur

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