Henning Chadde
5. August 2013

Es ist Krieg

Seitenansicht: „Die Sonne war der ganze Himmel“ von Kevin Powers

Schmerzvolle Innenansichten eines 21-jährigen amerikanischen Irak-Krieg-Teilnehmers: Kevin Powers‘ Debüt „Die Sonne war der ganze Himmel“, Buchcover

Kriegsromane und -reportagen gibt es bekanntlich eine ganze Menge. Und nicht selten haftet vielen von ihnen durchaus zu Recht das Stigma der verklärten Männerbündigkeit, undifferenzierten Gewaltverherrlichung oder eines aus dem historischen Kontext herausgerissenen Betrachtungswinkels beziehungsweise Hintergrundes an. Zum Glück gibt es Ausnahmen. Man erinnere in diesem Zusammenhang beispielsweise nur an Erich Maria Remarques Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“, zu dessen logischer Fortfolge auch „Der Weg zurück“ gezählt werden sollte, Theodor Pleviers „Stalingrad“ über den Untergang der 6. Armee oder aber Michael Herrs eindringlich-schonungslose Abrechnung mit seiner Zeit als Kriegsberichterstatter im Vietnam-Krieg, „An die Hölle verraten“. Zuletzt ließen in diesem Zusammenhang Alexis Jennis Roman „Die französische Kunst des Krieges“ und das autobiografische Vietnam-Kriegsepos „Matterhorn“ von Karl Marlantes deutlich aufhorchen. Komplettiert nicht zuletzt durch Sebastian Jungers schonungslos nahes, analytisches Reportage-Werk „War – ein Jahr im Krieg“ über seine Zeit als Korrespondent und journalistisch beobachtender – und emotional nicht minder beteiligter – Teil einer Einheit von US-Soldaten im hart umkämpften Korengal-Tal in Afghanistan aus dem Jahre 2010.

In eine ähnlich beeindruckende Richtung schlägt jüngst auch das im März 2013 erschienene Roman-Debüt „Die Sonne war der ganze Himmel“ des amerikanischen Schriftstellers und Lyrikers Kevin Powers über die Innenansichten eines jungen Soldaten im Irak-Krieg. Powers, Jahrgang 1980 und Absolvent der University of Texas, war selbst im Irak als Maschinengewehrschütze stationiert und erzählt in elf zeitversetzten und mit Sprüngen versehenen Kapiteln in einer Art Gegenwarts- und Rückschau eine äußerst bewegende Geschichte über Freundschaft, Abschied, Schuld, Verantwortung und Tod. Und nicht zuletzt über die Desillusionierung und Desorientierung eines Kriegsheimkehrers, der in seiner vermeintlichen Heimat nur vordergründig und körperlich unversehrt anzukommen vermag, dessen Seele und Empfindungen allerdings auf dem Schlachtfeld verblieben sind, und der keinen Halt in der alltäglichen Gegenwart mehr finden kann.

In einer beeindruckend assoziativen, teils brutalen und dennoch tragend poetischen und klaren Sprache gelingt es Kevin Powers dabei, auf für das Genre geradezu schlanken 237 Seiten einen tiefen, verstörenden Einblick in die seelische Zerrissenheit seines erst 21-jährigen Protagonisten John Bartle zu werfen. Eine Zerrissenheit, die durch den Krieg und das Töten erst ihre unumkehrbare Vollendung erfahren hat, deren Ursprung allerdings weitaus früher in einer jungen amerikanischen Generation zwischen Video-Gaming, Ego-Shootern, Shopping-Malls, medialem Dauerfeuer und politischem Desinteresse begründet, besser: begraben liegt. Dabei ist die tragende Geschichte von „Die Sonne war der ganze Himmel“ eher eine auffällig simple, der das leichtfertige Versprechen Bartels an die Mutter eines Kameraden, auf ihren Sohn im Kampf aufzupassen und ihn wieder „heil“ nach Hause zu bringen, zugrunde liegt. Ein Versprechen, dass letztlich nicht gehalten werden kann und nunmehr immense Schuldgefühle mit sich bringt. Vielmehr dient diese Geschichte über eine eher ungewollte, gar lästige Verpflichtung – und somit auch Freundschaft – deutlich als Rahmen-Konstrukt für das eigentliche Ziel des Romans: den Abstieg in die seelischen Tiefen und Abgründe des Protagonisten und seiner kämpfenden, ebenso jungen Mitstreiter. Dabei bedient sich Powers einer beinahe seziermesserschafen, schmerzenden Spache und Bildgewalt, die es mehr als wahrscheinlich erscheinen lässt, dass der Autor seine ureigenen Kriegstraumata und -erlebnisse zu fassen und somit letztlich zu bewältigen sucht. Hier weiß jemand ganz offensichtlich, wovon er schreibt.

Glücklicherweise verbleibt dieses unerbitterliche Bloßlegen der Eindrücke, Empfindungen und bleibenden Schäden eines blutjungen Kriegsteilnehmers aber keinesfalls nur als therapeutischer Selbstzweck. Vielmehr berichtet Powers von einem Jungen, der in einen Krieg geworfen wird – dem er sich freilich zuvor in der Army freiwillig verpflichtete, um dem tristen Alltag zu entfliehen -, der vollkommen aus einem begründbaren Kontext fällt. Und an der Front schließlich keine politischen und moralischen Maßstäbe für sich beansprucht, die als Handlungsorientierung, geschweige denn Handlungsentschuldigung dienen könnten. Allein der Tod und der Kampf um das eigene Überleben stehen im Mittelpunkt des Geschehens und entwerfen ihre ganz eigene zynische Moral als Grundlage einer nur scheinbar sicheren Überlebensstrategie. Einer Strategie, die den einzelnen Soldaten nur von Gefahren-Moment zu Gefahren-Moment und in Bruchteilen einer Sekunde zum schlicht reagierenden Entscheidungsträger werden lässt, der der unausweichlichen Macht und Zufälligkeit des Schicksals und somit des eigenen Todes – allerdings vollkommen unbeeinflussbar – gegenübersteht. Und sich nicht zuletzt in diesen Zwischenräumen seiner Reaktion in den Kampfhandlungen unausweichlich zum Täter entwickelt. Nicht zuletzt hierin liegt die eigentliche Qualität von „Die Sonne war der ganze Himmel“, gelingt Kevin Powers doch nicht nur eine tiefe, schmerzende Einsicht in die Innenwelt und die selbstzerstörerischen Zweifel seines jungen Protagonisten und seiner Generation, sondern gleichsam in das unaufhaltsam wütende Wesen des Krieges und sein abgrundtiefes Herz der Finsternis. Äußerst schmerzvoll. Äußerst beeindruckend.

Kevin Powers: „Die Sonne war der ganze Himmel“, Roman, 237 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100590299, 19,99 Euro

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Kategorien: Literatur

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