Henning Chadde
12. August 2013

Reduce to the max!

Das Verhör: „Blood Drive“ von ASG

Auf den Punkt statt ständig nur auf die Zwölf: „Blood Drive“, Album-Cover

Stoner Rock ist tot, es lebe der Stoner Rock! Nachdem sich Kyuss, die Ur-Väter des psychedelischen Wüsten-Rocks, 1995 aufgelöst hatten, wurde das Genre des rifflastigen Dust-Blues-Metals international für absolut erledigt erklärt, wobei mit Kyuss doch nur die stilprägende Speerspitze vom Riff-Dampfer stieg. Einem Dampfer, der in der Fläche allerdings eine derat breit aufgestellte Bugwelle mit zig talentierten Bands und einer international sehr breiten Fan-Szene vor sich her schob, dass es eigentlich eine Schande war, ob des Aussterbens der kyussschen Dinosaurier sogleich das sofortige Absterben des gesamten Genres zu prognostizieren. Im Gegenteil, bewiesen die sound- und riffgewachsenen Side-Buddies der Desert-Kult-Kombo doch beachtlichen Durchhaltewillen und Mut zur Veränderung und Sound-Evolution. Genannt seien in diesem Zusammenhang unter anderem die schwedischen Dozer, die mittlerweile allerdings auch das Zeitliche gesegnet haben, die Surf- und Skate-Rocker Fu Manchu, Orange Goblin, die erst vor kurzem noch in der Glocksee gespielt haben, oder aber auch die Münchener Space-Rock-Adepten Colour Haze, die Riff-Giganten Clutch, die Vorzeige-Breitbein-Groover Monster Magnet und nicht zuletzt natürlich Queens Of The Stone Age, die bekanntlich unter der Federführung von Josh Homme direkt aus dem Kyuss-Nachlass hervorgingen und seit geraumer Zeit zu den stadionfüllenden Musterknaben in Sachen Desert-Riff-Rock zählen.

Anlass genug also, auch die rockenden Jungspunde in der unmittelbaren Gegenwart immer wieder auf die vermeintlich alten Lautstärke-Pfade zurückzuführen. Und so erblickten in den letzten Jahren eine Reihe Bands das Licht dieser Welt, die beachtlich staunen machen und sich anschicken, der nach wie vor brodelnden Genre-Lava ordentlich Feuer unter dem Hintern zu machen: Elder, Lord 13, Whitebuzz, Kadavar, Samsara Blues Experiment und viele, viele mehr – in Sachen Stoner- und Space-Rock geht immer noch und immer wieder eine erstaunliche Menge, die sich durchaus zu entdecken lohnt.

In just diese Entdecker-Kerbe schlägt auch das neue Album „Blood Drive“ der amerikanischen Riff-Kooperative ASG rund um den Sänger und Gitarristen Jason Shi. Genre-Spezialisten sind ASG sicherlich längst keine Unbekannten mehr, ist doch „Blood Drive“ bereits das fünfte Werk der Band, die nunmehr schon seit 2001 am Start ist. Und genau diese langjährige Erfahrung hört man dem Quartett auch deutlich an. Und zwar in einer bemerkenswerten Unaufgeregtheit und Zurückgelehntheit. Vereinen ASG auf „Blood Drive“ doch nicht weniger als die stilprägenden Genre-Entwicklungen der letzten Jahre auf einen Schlag in zwölf mitten auf den Punkt gebrachten und auf das absolut Wesentliche reduzierten Songs. Hier trifft für Stoner-Rock untypischer, ausdifferenzierter, klarer Gesang mit hymnischen Über-Refrain-Bögen und jeder Menge Virtuosität auf stets dem Song dienende Arrangements, bei denen eine Marschrichtung tief ins Kreativ-Granit gehauen ist: Weniger ist deutlich mehr.

Ein Gesang, der – man höre und staune – nicht selten an die Glanzeiten von Jane’s Addictions Perry Farrell zu erinnern weiß und sich im Sound-Kosmos der Band selbstbewußt zum eigentlichen Mittelpunkt des akustischen Geschehens aufbaut. Und einen nach mehrmaligen Hören tatsächlich nicht mehr los lässt. Nachzuhören gleich auf dem Opener „Avalanche“, der sich zunächst scheinbar klassisch hardrockig anschleicht, um schließlich zur großen Melodie- und Riff-Rutsche durchzustarten. Gefolgt direkt vom Titelsong „Blood Drive“ – ein durchaus gewollt mißverständlicher Albumtitel, der das Werk zunächst in eine weitaus brutalere Ecke drängt, als es mit seiner großen Geste der tatsächlichen Genre-Umarmung schlussendlich einlöst. Ebenso geht es weiter: „Day’s Work“, „Scrappy’s Trip“ mit einer der für den Geschmack des Verfassers dieser Zeilen coolsten Gesangsmelodien der letzten Jahre, über ruhigere Flächen und Knarz-Balladen wie „Blues For Bama“, „Earthwalk“ und „Children’s Music“ oder dem Burner „Hawkeye“, der das „ruhige“ Fahrwasser in der Mitte der Platte zum großen Finale noch einmal ordentlich aufsprengt.

Allen Songs gemeinsam ist dabei die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne dabei die Wucht und Grandezza der echten Rock-Geste zu verleugnen. Freilich darf diese bei ASG durchaus auch einmal bis zur soundtechnischen Opulenz gereifen, beeindruckend stimmig und aus einem Guss bleiben die einzelnen Songs dabei dennoch. Bis sie schließlich mehr als nur ein geschlossenes Ganzes bilden und tatsächlich ein unverrückbares Statement von vier überaus gestandenen und virtuosen Musikern abliefern, die sich deutlich im Dienste der gemeinsamen Sache und musikalischen Vision zurückzunehmen wissen. Anstatt sich wie viele ihrer Kollegen in endlosen Riff- und Space-Rock-Schleifen zu verlieren, die schließlich ohne nennenswerten bleibenden Eindruck im Nebel der Beliebigkeit sprichwörtlich verpuffen. Chapeau! „Blood Drive“ ist auf seine ganz eigene Art und Weise ein Meilenstein des Genres mit dem Zeug zum Klassiker. Mögen das jetzt wiederum auch nur wenige eingeweihte Genre-Fans nachvollziehen können…

ASG: „Blood Drive“, CD, 12 Songs, 47 min., Relapse Records

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Kategorien: Musik

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