Henning Chadde
26. August 2013

„Shut up and rock!“

Das Verhör: „All Hail Bright Futures“ von And So I Watch You From Afar

Schön bunt, und das nicht nur von außen: „All Hail Bright Futures“, CD-Cover

In die vollinstrumentale Postrock-Ecke abgeschoben zu werden, hat And So I Watch You From Afar nie gefallen. Vielmehr verortet sich die Band per Selbstaussage im Math-Rock, der mit seiner verbrüderten Ursprungs-Nähe zum Progressive-Rock mehr Wert auf hochkomplexe, gitarren- und rifflastige Songstrukturen und ständige Rhythmus- und Ideenwechsel legt als auf psychedelisch-melancholische Breitband-Welten, die sich Stück für Stück aufbauen. Wie dem auch sei: Seit ihrem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahre 2009 fischen die Belfaster Lang-Namen-Fetischisten dennoch selbstbewusst gekonnt in beiden Fahrwassern, wobei sie die Fans weit über jene zwei Szenen hinaus immer wieder aufs Neue zu begeistern wissen. Recht so, springen And So I Watch You From Afar doch in ihren Songs meist direkt in den lautstarken Mittelpunkt des Geschehens, ohne sich mit überlangen Intro-Dudeleien und unnötigem Sound-Schnick-Schnack aufzuhalten. Stattdessen kommen die Nordiren blitzschnell und überraschend zum Ausbruchspunkt. Dabei gehen sie derart versiert und offen vor, dass man meint, aus jedem Song die so brachiale wie pure Lebensfreude und ungebändigte Schaffensneugierde heraushören zu können. Und nicht zuletzt den Spaß der Band an den Möglichkeiten ihres eigenen Kreativ-Universums. Kurz: And So I Watch You From Afar scheint – ganz im Gegensatz zu beinahe allen ihren Sound- und Genre-Kollegen – buchstäblich die Sonne aus dem Arsch.

Über das Ziel hinausgeschossen

Auf ihrem neuen Album „All Hail Bright Futures“ bleibt musikalisch auf den ersten Blick alles beim Alten, wissen die Songs doch erneut durchweg zu überraschen, setzen Rhythmuswechsel im Sekundenflug aneinander und führen auf mannigfaltige Entdeckerfährten, die am Ende mit einem selbstbewussten Achselzucken dann doch auf ganz anderen Pfaden dem Horizont entgegenreiten als zunächst erwartet. Und doch ist alles ganz anders, als gewohnt. Da entdecken urplötzlich gestandene Rocker Samba-Elemente, den Kalypso oder hawaiianische Einflüsse für sich, schrauben sich genreunüblich Bläser-Chöre und Streicher-Sätze schmeichelnd in die Gehörgänge und chorlastige Gruppengesänge versprühen den ungebremsten Drang zu gemeinsamen Sing-Sang, nicht selten gar mit verhallter Lagerfeuer-Atmosphäre und bewusst provozierendem Textwerk auf aussagetechnischem Pennäler-Niveau. Nun, was soll man dazu sagen? „Alles darf, nichts muss!“, war seit jeher das einzig bindende Motto der nordirischen Dresch- und Frickel-Flegel. Ein Motto, das der Band in den letzten Jahren vor allem live einen beinahe legendären Ruf eingebracht hat. Auf „All Hail Bright Futures“ beißt sich dieser Ansatz allerdings nicht selten wie die berühmte Katze in den Schwanz. Das Album verwundert zwar in punkto technischer Überambition, weiß aber leider mitnichten zur vollen Gänze zu überzeugen. Denn diesmal sind die Mannen um den restverblieben Gitarristen Rory Friers – Gründungsmitglied Tony Wright verließ die Band im letzten Jahr – komplett über die berühmte Selbstverortungslinie hinaus geschossen. Was ja eigentlich für echte Musik-Nerds ob der vielen Einfälle noch zu verkraften wäre, wenn die Band doch einfach nur ihre kläglichen Frohgemuts-Gesangs-Versuche beiseite lassen würde. „Geht gar nicht, Jungs. Shut up and rock!“, möchte man ihnen da zurufen. Und die dringend ernstgemeinte Frage dranhängen: „Welche gottverdammten Spaß-Teufelchen haben Euch denn da in die Irre geritten?“. Denn außer Fragezeichen und dem drängenden Gefühl der Deplatziertheit hinterlassen diese stimmlichen Behelfs-Intermezzi rein gar nichts. Dabei könnte die Öffnung des Instrumental-Sounds zum Gesang durchaus interessant sein, wie es beispielsweise zuletzt die Münsteraner Postrock-Institution Long Distance Calling auf ihrem aktuellen Album „The Flood Inside“ bewiesen hat.

Überbordendes Streber-Handwerk

Gut, halbwegs cool bleibt „All Hail Bright Futures“ am Ende dann doch in Erinnerung, und das Album ist sicher auch einige Klassen von vielen seiner soundtechnischen Mitbewerber entfernt. Aber dennoch drängt sich unweigerlich die alte Kreativ-Formel „Weniger ist mehr“ auf. Und diesmal tatsächlich an allen Ecken und Enden. Im Musikunterricht steht „All Hail Bright Futures“ sicherlich für eine Eins Plus mit Auszeichnung. Auf dem Pausenhof allerdings erntet das Werk bereits bei den Jung-Rockern auf dem Pausengang zur Raucherecke verständnisloses Kopfschütteln und dürfte zu Recht als ziemlich spinnerte Herumfrickelei mit überdeutlichen Streber-Allüren in die Wertung kommen. Herausfordernd könnte man auch im rockpädagogischen Zusammenhang einfach sagen: „Sechs, setzen!“. Wohlwissend zwar, dass sich das wahre Genie des Strebers nicht selten erst viel, viel später offenbaren wird, man auf der Rocker-Tanzfläche aber dennoch weder die angeführte Spezies, noch weite Teile dieser Platte jemals antreffen wird. Äußerst schade.

And So I Watch You From Afar: „All Hail Bright Futures“, CD, 12 Songs, 43 min., Sarget House Records

  • Übrigens: Am Mittwoch, dem 11. September, spielen And So I Watch You From Afar um 20 Uhr im Béi Chéz Heinz. Der Eintritt beträgt im Vorverkauf 17,50 Euro.
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Kategorien: Musik

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