Jörg Smotlacha
28. August 2013

Alte Liebe – große Liebe!

Seitenansicht: „111 Gründe, Hannover 96 zu lieben“ von Stephanie Ristig-Bresser und Michael Bresser

Von skurrilen Begebenheiten, schrägen Vögeln, historischen Überraschungen und traurigen Schicksalen: „111 Gründe, Hannover 96 zu lieben“, Buchcover

Erinnert sich noch jemand daran, wie Hannover 96 im Mai 1992 als erster und bisher einziger Zweitligist Deutscher Pokalsieger wurde? Oder gar an das Jahr 1954, als rund 200.000 Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz der Landeshauptstadt auf die Mannschaft von 96 warteten, die gerade als krasser Außenseiter mit einem 5:1 gegen den mit Nationalspielern gespickten 1.FC Kaiserslautern die deutsche Meistertschaft errungen hatte? An das dramatische Zweitliga-Aufstiegsduell im Juni 1997 bei Energie Cottbus, bei dem die dunkelhäutigen Spieler Otto Addo und Gerald Asamoah mit Bananen beworfen wurden und bei dem in der 61. Minute beim Spielstand von 1:1, der Hannover 96 zum Aufstieg gereicht hätte, das Flutlicht ausfiel? Am Ende siegte Cottbus 3:1, auch weil Schiedsrichter Dardenne zwei hannoversche Tore nicht anerkannte. Oder wisst Ihr noch, wie 96-Urgestein Altin Lala im Januar 2007 beim 5:0 gegen Hertha BSC Berlin sein erstes und einziges Bundesliga-Tor schoß? Oder wie Siggi Reich im März 1988 gegen den VFB Stuttgart den Ball einfach direkt vom Anstoßpunkt ins Tor katapultierte, weil Stuttgarts Torhüter Eike Immel zu weit vor seinem Kasten stand? Ein Tor, das übrigens von den Zuschauern der Sportschau zum Tor des Monats gewählt wurde. Einem Wettbewerb, den bisher insgesamt sieben Mal Spieler von Hannover 96 gewannen – zuletzt Mame Diouf mit seinem Fallrückzieher zum 4:5 bei Schalke 04 im Januar 2013.

Diese und zahlreiche weitere Anekdoten gehören zu den „111 Gründen, Hannover 96 zu lieben“, die das hannoversche Autoren-Duo Stephanie Ristig-Bresser und Michael Bresser in ihrem gleichnamigen Buch aufführt. Erwähnt werden viele schillernde Figuren der hannoverschen Fußball-Geschichte – von Jürgen Bandura und Jupp Heynckes bis zu Dieter Schatzschneider und Per Mertesacker. Doch es gehören auch schräge Begebenheiten wie die Schallplattenaufnahmen von Ex-Stürmer Thomas Brdaric, die definitiv zu den schlechtesten Fußball-Songs aller Zeiten zählen, zu den Gründen, seinen Verein zu lieben. Und tieftraurige Geschichten wie der Suizid von Robert Enke. Dabei gelingt es den Autoren, stets den richtigen Ton zu treffen und nicht nur die Faszination Fußball atmosphärisch punktgenau einzufangen, sondern auch überzeugend darzulegen, wie die sich um Hannover 96 rankenden Anekdoten und menschlichen Schicksale die Fans und ihren Verein noch enger zusammengeschweißt haben. Und während die beiden tschechischen Kult-Fußballer Jan Simak und Jiri Stajner in zwei unterhaltsam erzählten Kneipengesprächen geadelt werden, berichtet ein fiktiver Lütje Lage-Liveticker auf witzige Art und Weise von den historischen Fußballspielen.

Zwar ist „111 Gründe, Hannover 96 zu lieben“ in der Hauptsache natürlich, wie im Vorwort dargelegt, eine Liebeserklärung. Aber da auch unschöne und strittige Themen nicht ausgespart werden, wie zum Beispiel das Verhalten des zuvor noch von jüdischen Gönnern unterstützten Vereines im Dritten Reich oder die aktuelle Debatte um die Fritz Haarmann-Transparente im Fan-Block, ergibt sich ein ziemlich breitgefächertes Bild von Hannover 96 und seinem historischen Weg. Erschienen im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, steht das mit einem standesgemäß schwarz-weiß-grünen Cover ausgestattete, aber sonst gänzlich unbebilderte Buch in einer Reihe mit 20 weiteren aktuellen „111 Gründe“-Werken über Traditionsvereine der ersten und zweiten Liga. Hannover 96, so zeigt das neue Werk über die Roten deutlich, braucht sich in diesem Kreise nicht zu verstecken und ist längst keine graue Maus mehr, sondern im Gegenteil ein ziemlich schillernder Fußballverein mit vielen Facetten. Zwar vermisst der Rezensent dieser Zeilen einige der ihm persönlich liebsten Anekdoten, wie zum Beispiel diejenige des angetrunkenen Schiedsrichters Wolf-Dieter Ahlenfelder, der die Partie zwischen Werder Bremen und Hannover 96 im November 1975 bereits nach 32 Minuten abpfiff, weil er vor dem Spiel in der Vereinsgaststätte zum Mittagessen nach eigener Aussage ein Bier und einen Malteser-Schnaps zu sich genommen hatte. Doch in diesem Zusammenhang bleibt letztlich vor allem eines festzuhalten: Es gibt ganz sicher mehr als nur 111 gute Gründe, Hannover 96 zu lieben. Das gleichnamige Buch von Stephanie Ristig-Bresser und Michael Bresser ist einer davon. Lesenswert!

Stephanie Ristig-Bresser und Michael Bresser: „111 Gründe, Hannover 96 zu lieben“, Kurzgeschichten und Anekdoten, 272 Seiten, Schwarzkopf und Schwarzkopf, ISBN-13: 978-3862652662, 9,95 Euro

  • Übrigens: Am Mittwoch, dem 4. September, lesen die beiden Autoren im Rahmen der Literaturtankstelle von langeleine.de um 19.30 Uhr im Brauhaus Club. Der Eintritt beträgt 8 Euro
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Kategorien: Literatur, Sports

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