Susanne Viktoria Haupt
2. September 2013

„Sei ein Taxi“

Seitenansicht: „Prokrastiniert Euch“ von Marcel Maas

Schwimmt durch die Welt der Gedanken und Erinnerungen und packt diese in Lyrik: „Prokrastiniert Euch“ von Marcel Maas, Buchcover

Es gibt viele Formen der Literatur. Lyrik ist nur eine davon, allerdings auch eine der schwierigsten im heutigen, medial überfrachteten Literatur-Zeitalter. Während früher sowohl Theaterstücke als auch Lyrikbände verschlungen wurden und zu den vielzitierten Werken gehörten, ist Lyrik heute keine Sparte mehr, die ein großes Publikum findet. Zumindest, wenn es um moderne Lyrik geht. Jungautor Marcel Maas hat sich dennoch an diese Elfenbeinturm-Disziplin gewagt und nach seinem Prosadebüt „Play. Repeat“, für das er mit dem NRW-Förderpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, mit „Prokrastiniert Euch“ einen Lyrikband der sehr speziellen Art nachgelegt. „Prokrastination“ ist ein Begriff, der dank der Medien schon fast zu einem geflügelten Wort heraufgestiegen ist. Er bedeutet so viel wie „Aufschieben“, und schon der Autor, Moderator und DJ Markus Kavka beschrieb in seiner 2007 veröffentlichten Kolumnensammlung „Elektrische Zahnbürsten“ das Phänomen der Prokrastination. Was ist es aber, was wir vor uns herschieben? Und warum sollen wir uns selbst aufschieben?

Die Gedichte von Marcel Maas wirken auf den ersten und auch auf den zweiten Blick eigenwillig und sind schwer zu durchdringen. Viele krumme Sprachbilder begegnem den Lesern auf den 89 Seiten des Lyrikbandes. Beispielsweise: „geh in den laden / wo die große rote kugel wohnt. […] sei ein taxi“, „doch dann gruben die hunde / und zogen mit spöttischem fell / die kopien in des waidwunden gläubigers hand“. Oder: „übergreifend soziale werke zogen sich benzin an / und rochen / an wochenenden anders“. Auf eine Differenzierung zwischen Groß- und Kleinschreibung wurde, wie es mittlerweile oft üblich ist, vollständig verzichtet. Maas spielt mit der Sprache, versucht Erinnerungen aus Kindheit und Jugend einen beständigen Platz zu geben, Gedanken festzuhalten und auch Protest auszuüben. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass seinen Lesern durch die ungelenken Sprachbilder nicht unbedingt klar wird, welche Erinnerungen gemeint sind. Und wogegen hier protestiert wird. Denn Maas schafft es nicht nur, mit der Sprache zu spielen und manch surreale Sprachbilder aufzubauen, sondern auch, die Wörter möglichst weit um den inhaltlichen Sinn herum zu platzieren, so dass nur hier und da ein Teil eines Satzes am Kern der Realität nagen kann und Zugang zu ihr finden lässt. Was stetig mitschwingt, ist eine empfundene Zerbrechlichkeit zwischen den Zeilen. Durch die lose zusammenhängenden Sätze spürt man die Luft hindurchgleiten. Wie ein lückenhaftes Gerüst präsentieren sich die Gedichte von Maas, jederzeit bereit zum Umstoß. Die Erkenntnis, von was oder warum wir uns prokrastinieren sollen, blieb der Verfasserin dieser Zeilen nach dem Lesen des Buches allerdings unklar, jedoch zeugt es sowohl von Seiten des Verlags als auch von Seiten des Autors von Mut, einen solchen Gedichtband in die Welt des deutschen Literaturbetriebs zu entlassen.

Marcel Maas, geboren 1987, studierte von 2005 bis 2011 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Gemeinsam mit Lino Wirag, Jan Fischer und Tillmann Strasser tritt er als literarische Boygroup mit dem Namen „Text, Drugs and Rock’n’Roll“ auf. Maas war zudem als künstlerischer Leiter des Prosanova Festivals tätig und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Bella triste. In Hannover gründete er 2010 zusammen mit Lutz Woellert die Event- und Performance-Agentur „Die Spielmacher“.

Marcel Maas: „Prokrastiniert Euch“, Gedichtband, 89 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN-13: 978-3627002008, 17,90 Euro

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Kategorien: Literatur

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