Susanne Viktoria Haupt
16. September 2013

Singles in Großstädten

Seitenansicht: „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ von Gail Parent

Galgenhumor auf New Yorker Art: „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ von Gail Parent, Buchcover

Sheile Levine ist jung und hübsch, und wenn auch kein Modeltyp, intelligent, gebildet und durchaus kompromissbereit. Mit Anfang Zwanzig kommt sie nach New York, um nicht nur einen College-Abschluss, sondern auch den passenden Heiratskandidaten abzustauben. Aus jüdisch-bürgerlichen Verhältnissen kommend, geht man angeblich genau nur aus diesen zwei Gründen in die Stadt, die niemals schläft. Sheila wird zwar von ihrer Mutter überzeugt, neben Theaterwissenschaften auch Pädagogik zu belegen, damit sie einen finanziell sicheren Beruf ergreifen kann, aber für sie steht die Reihenfolge ihres Handelns dennoch fest: College, Mann, Hochzeit, Kind, Freizeit. Schnell erweist sich aber die Suche nach einem passablen Gegenstück schwieriger als gedacht, und Mr. Right lässt einfach auf sich warten. Während ihre Freundinnen den Dates hinterherjagen, versucht Sheila mittels diverser Diäten ihren Körper in vermeintlich attraktive Formen zu bringen. Als sie irgendwann den introvertierten und etwas biederen, aber ledigen Norman kennenlernt, ist zwar erst einmal ihre Familie beruhigt, doch für Sheila kann das nicht das Ende der Fahnenstange sein. Der Sex mit Norman passt ihr nicht so recht und außerdem hat der Typ einfach viel zu wenig Stil, seine Kleidung zu vieel Flecken und sein ganzes Wesen ist einfach zu ungelenk. Auch sommerliche Ausflüge nach Fire Island, wo sich so allerhand Junggesellen tummeln, bieten nicht die richtige Auswahl. So entschließt sich Sheila ihrem ihrer Meinung nach erbärmlichen Leben ein Ende zu setzen und Suizid zu begehen. Allerdings keineswegs, ohne vorher einen der wahrscheinlich längsten Abschiedsbriefe der Literaturgeschichte zu verfassen…

Wenn man die Story von Gail Parents Roman „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ grob überfliegt, mag man glauben, dass der 1972 erstmals veröffentlichte Roman bis auf kleine Details alles in allem immer noch ein zeitgenössischer Roman ist. Noch immer steht für viele Frauen die Partnerwahl im unmittelbaren Fokus, und eine ledige Frau von ungefähr 30 Jahren hat scheinbar schon die besten Fische durchs Netz gehen lassen und muss sich mit Überbleibseln begnügen, die am Single-Strand angeschwemmt werden. Gerade diese Aktualität ist wohl dafür verantwortlich, dass „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“ nach über 40 Jahren den Sprung in die deutsche Übersetzung geschafft hat. Die 1940 geborene New Yorker Autorin Gail Parent machte sich insbesondere als Drehbuchautorin durch die weltweit erfolgreiche Serie „Golden Girls“ einen Namen. Mit dem Roman „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“, der 1974 auch verfilmt wurde, schuf sie eine charismatische, literarisch leicht verdauliche, weibliche Protagonistin, die Wegbereiterin war für Serienformate wie „Sex and the City“ und Filmhits wie „Bridget Jones“. In beiden stehen Single-Frauen in Metropolen als Dreh- und Angelpunkt im Mittelpunkt. Frauen, die stets auf der Suche nach Liebe und Sicherheit sind. Mit Humor versucht Parent ihre Protagonistin durch das leidige Single-Dasein zu führen, doch diese scheitert an den gesellschaftlichen und auch ihren eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen.

Was bleibt, ist selbstverständlich nicht das, was man gerne als modernes Frauenbild und auch Frauenverhalten bezeichnen würde. Und auch der geplante Suizid vermag nicht unbedingt ein Hoffnungsschimmer für die geneigte weibliche Leserschaft darzustellen. Doch ist gerade der seitenlange Abschiedsbrief von Sheila Levine vielleicht eine Form des Wachrüttelns, der besonders diejenigen Frauen, die ihr eigenes Glück ausschließlich von einem Partner abhängig machen, ihre eigenen Lebenseinstellungen überdenken lässt. Auch wenn bei diesem Roman der literarische Wert nicht über das Mittelmaß hinauskommt, so ist der ideelle Wert von durchschlagender Kraft. Trotzdem nicht unbedingt ein Roman, den man einer Single-Lady zum 30. Geburtstag schenken sollte.

Gail Parent: „Sheila Levine ist tot und lebt in New York“, Roman, 304 Seiten, Metrolit Verlag, ISBN-13: 978-3849303099, 12,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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