Henning Chadde
23. September 2013

Duo as Duo can…

Das Verhör: „Common Prayers“ von Death Letters

Zwei Mann und ein ganzes Sound-Universum: „Common Prayers“ von Death Letters, Album-Cover

Musikalische Duos liegen derzeit im Trend – The Black Keys, Blood Red Shoes, The Kills, Dÿse, Japandroids, MGMT, The Death Set, Golden Animals und die Two Gallants sind heute, davor gab es unter anderem die leider schon aufgelösten Death from Above 1979 und die Duo-Über-Götter The White Stripes. Viele Musiker traten in den letzten Jahren den Beweis an, dass in Sachen Rock auch die Zweier-Besetzung mit Schlagzeug und Gitarre durchaus lautstark-krachig zu überzeugen weiß.

Seit 2007 mischen in diesem nur scheinbar reduzierten Genre die Death Letters mit, denen gar der Ruf vorauseilt, als die niederländischen White Stripes in die Wertung zu kommen, wenn nicht sogar als deren legitime Nachfolger in Sachen Sound und Innovation zu gelten. Nun, soweit muss man sicherlich nicht gehen, unterscheidet sich das musikalische Konzept von Sänger und Gitarrist Duende Ariza Lora und Drummer Victor Brandt doch deutlich von jenem des Stripes-Masterminds Jack White. Wobei sicherlich dennoch die Frage erlaubt sein darf, warum sich die beiden Holländer ausgerechnet nach dem gleichnamigen Song „Death Letter“ von den White Stripes benannten. Anyway, der Sound des Duos wird darf eher dem Genre Post- und Progressive-Rock denn dem elektrifizierten, stripesschen Blues-Rock zugerechnet werden, und so sollten die Death Letters eigentlich aus dem Vergleichs-Schneider sein.

Spätestens mit ihrem aktuellen Album „Common Prayers“ dürfte sich die zweifelhafte Vorschuss-Lorbeeren-Behauptung nun endgültig erledigt haben. Schon immer gingen die Death Letters musikalisch ihre eigenen Wege und entzogen sich genau genommen auch immer wieder gekonnt der Post-Rock-Zuschreibung. Reichern sie ihren Sound-Kosmos doch nicht selten mit äußerst brachialen Noise-Einschüben an, schlagen kompakte Haken und Breaks und machen dennoch auch vor epischen Laut-Leise-Ausflügen nicht Halt. Nicht selten paart sich dies alles nicht nur auf Album-Länge zu einem Ganzen, sondern gar in einem einzigen Song, wie nicht zuletzt ihr 2012er-Durchbruchs-Werk „Post-Historic“ bewies. Auf „Common Prayers“ führen die beiden Ausnahme-Musiker diesen eingeschlagenen Weg nun konsequent fort und treiben ihn nicht selten sogar auf die kompositorische Ideen-Spitze. Wobei eines sogleich vorweg erwähnt werden sollte: Dieser unüberhörbare Willen zum Stilbruch im Geiste eines ausgefallenen, künstlerischen Ansatzes braucht definitiv Zeit und mehrere Hördurchgänge, um zu zünden. Freigeist trifft hier auf vollkommen zurückgenommene Schönheit im Folk-Gewand, auf Ausbrüche, catchy Melodien, Pop-Appeal und knisternde Ruhe-Passagen. Und unterstreicht einmal mehr die musikalische Kongenialität des Death Letters-Masterminds Duende Ariza Lora, gleichwohl aber auch die unverrückbare Verweigerungshaltung des Duos. Einfach machen es einem die anderen, hier nimmt man sich Zeit. Vor allem für sich und seine Visionen.

Das alles ist mehr als interessant und beachtlich, bisweilen zieht sich das Konzept aber leider auch ein wenig in die Länge. Deutlich merkt man, dass sich hier der Multi-Instrumentalist Lora in den Mittelpunkt der kreativen Sinnsuche begeben durfte – und als hochgelobter Ausnahme-Gitarrist und -Sänger nutzt er diese Gunst der Stunde bis zum Anschlag. Konzeptionell erinnert „Common Prayers“ folgerichtig in seinem Ansatz eher an Freigeister wie And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Und gesanglich denkt man in den Krach-Passagen nicht selten an die frühen At The Drive-In beziehungsweise Mars Volta. Schade allerdings, dass durch die im Endeffekt dann doch albumbestimmende Zurückgenommenheit in nicht selten überaus reduzierten Songs mit Hochton-Gesang und Schwelge-Appeal das überaus beachtliche Können von Schlagzeuger Victor Brandt oftmals komplett in den Hintergrund gerät, der voll brachial und gleichzeitig überaus versiert aufspielen kann. Was nicht zuletzt live die unschlagbare Stärke der Death Letters ist und zu ihren absoluten Alleinstellungsmerkmalen gezählt werden kann. Und so bleibt „Common Prayers“ zwar ein durchaus interessantes Album, aber mit einem deutlichen Fragezeichen behaftet. Einem Fragezeichen allerdings, das die Grundvoraussetzung dafür setzt, die kompromislose Entwicklung dieser Band auch künftig im Auge zu behalten. Kann es hier doch gleichermaßen entweder nach ganz oben in die Indie-Charts gehen oder in die tiefste Underground-Hölle. Anspieltipps: „Nomadic Childhood“, „I Am The Coma“, „Omniscient, You Are“, „Time Or The Satellites“ und das wunderschön breitwandig nach hinten ausbrechende „In Lieu Of Flowers“.

Death Letters: „Common Prayers“, CD, 11 Songs, 42 min., Redfield Records

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Kategorien: Musik

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