Susanne Viktoria Haupt
7. Oktober 2013

Alles und noch viel mehr

Seitenansicht: „Alles, was ist“ von James Salter

Wer einen klassischen New York-Roman erwartet hat, wird von James Salter entweder überrascht oder enttäuscht: „Alles, was ist“, Buchcover

1925 – Philip Bowman ist zwischen den Weltkriegen geboren. Und beim Zweiten hat er auf offener See gedient. Er war zuverlässig, patriotisch, gewissenhaft und stark, und obgleich die Situationen im Pazifik alles andere als ein Spaziergang waren, so hat er sie überlebt. Und genau hier setzt James Salters Geschichte ein, auf dem Deck des Kriegsschiffes, kurz vor dem Ende des globalen Blutbades. Bowman kehrt in die Staaten zurück, erst zu seiner Mutter, dann nach Boston, um in Harvard zu studieren. Er verliert sein Herz an die Literatur, allerdings weniger an Mädchen. Und seine Liebe zum geschriebenen Wort treibt ihn in das New York der Fünfziger Jahre. Erst versucht er sich als Journalist, dann als Lektor – und Bowman findet im Verlagswesen sein neues Zuhause. Und hier beginnt irgendwie ein Stück weit sein Leben, seine Ehe zu Vivien, die eigentlich gar nicht zu ihm passt, die Freundschaften zu Edding und den anderen, die heimlichen Liebschaften und auch die ersten Auslandsreisen ohne militärischen Hintergrund. Bowman liebt, lebt, genießt, beginnt Freundschaften, beendet sie, hat Sex, dann wieder keinen, erlebt zerbrochene Beziehungen und neu geschlossene Ehen. Er bemerkt den anfangs noch kleinen, dann immer größeren Zahn der Zeit, der unaufhörlich an ihm und den Menschen um ihn herum nagt…

„Alles, was ist“ ist ein Werk, dessen Bedeutung für den amerikanischen Autor James Salter und seine Fans unumstritten groß sein dürfte. Der mittlerweile 88-Jährige zeichnet nicht nur nahezu mehr als das halbe Leben seines Protagonisten Philip Bowman nach, sondern fängt ebenso viel eigene Lebenserfahrung und Lebensbeobachtung ein. Nicht ohne Grund ist Bowman im selben Jahr wie sein Erschaffer auf die Welt gekommen und hat ebenso wie Salter im Krieg gedient. Und genauso wie bei Salter selbst teilt sich das Leben in zwei Teile auf: den militärischen Teil, der lebenslange und tiefe Spuren hinterlassen hat, und den literarischen Teil, der das Grauen des Krieges etwas zu besänftigen versucht. Der Teil, der etwas Heilsames hat und den Leutnant ein Stück weit in so etwas wie ein Leben zurückholt. Denn genau das ist es, was stetig bei Salters „Alles, was ist“ unaufhörlich mitschwingt: die Teilnahmslosigkeit und Distanz zur Lebendigkeit, zum Leben.

Was vielleicht für einen unaufmerksamen Leser schnell Langeweile erzeugt, lenkt den Blick des aufmerksamen schnell auf den Zustand des „nebenher lebens“ von Bowman. Durch die Schrecken des Krieges, die genauso latent teilnahmslos berichtet werden, wie alle anderen Ereignisse in seinem Leben, hat der Protaginst viel von seiner Unschuld eingebüßt. Das Leben erstaunt und berührt ihn keineswegs so wie einen Menschen, der nicht im Krieg war oder andere schwere Leiden erlebt hat. Das Glitzern der Weltmetropole wirkt wie durch eine Milchglasscheibe beobachtet. Salter schafft es, all die für das New York der beschriebenen Jahrzehnte als maßgeblich bezeichnenden Attribute – den Glamour, den Genuss oder das Vergnügen im Pazifik -, in den sehr persönlichen Erinnerungen von Bowman zu versinken. Was für den Leser bleibt, ist alles und noch viel mehr – wenn man bereit ist, einige Wellen der Schwermut mitzunehmen.

James Salter: „Alles, was ist“, Roman, 368 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827011626, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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