Sebastian Albrecht
20. Oktober 2013

Kaiserliche Satire

Im Wilhelm-Busch-Museum feiert heute die Ausstellung „Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen. Die wilhelminische Epoche im Spiegel des Simplicissimus von 1896 bis 1914“ Eröffnung

The German Emperor is not amused: Ob Kaiser Wilhelm mit seiner Gemahlin zur Ausstellungseröffnung über den roten Teppich flaniert, darf bezweifelt werden, Plakatmotiv

Das im Deutschen bekannteste und meist bemühteste Zitat zur Satire dürfte von Kurt Tucholsky stammen: „Was darf Satire? Alles.“ Mit diesen Worten schloss Tucholsky einen Essay, der 1919 im Berliner Tagesblatt erschien, und der auch die Beziehung Deutschlands zur Satire aufgreift: „Wenn einer bei uns einen guten Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ Auch fast einhundert Jahre später scheint das Verhältnis nicht unbedingt entkrampfter. Wie schmal der Grat zwischen Satire und widerlicher Schmierfinkerei für das deutsche Gemüt auch heutzutage häufig noch ist, zeigen beispielsweise die Papst-Karikaturen des „Titanic“-Magazins aus dem letzten Jahr. Neben einer Klage des Papstes himself gab es einen Haufen beleidigender Leserbriefe und erzürnte Post von Franz Josef Wagner, und der CSU-Politiker Thomas Goppel wollte dem Chefredakteur Leo Fischer am liebsten „die Lizenz zum Schreiben entziehen“.

Auch ohne die Klage des Papstes, die dieser später zurückzog, war die „Titanic“ mittlerweile in insgesamt 55 Rechtsstreitigkeiten verwickelt, über 35 Ausgaben wurden verboten. Damit steht sie in guter Tradition des „Simplicissimus“, einer der wichtigsten und bekanntesten deutschen Satirezeitschriften, die 1896 von Albert Langen gegründet wurde und bis 1944 erschien. Mit ihren Texten, aber vor allem ihren Karikaturen hielten die Beiträge von Mitarbeitern wie Thomas Theodor Heine oder Frank Wedekind der damaligen Gesellschaft und der Politik des deutschen Kaiserreichs immer wieder den Spiegel vor. Besonders in den Anfangsjahren sahen sich Langen und die Redaktion um Thomas Theodor Heine dabei regelmäßig staatlicher Zensur und Haftstrafen ausgesetzt. Wie die „Titanic“ wusste aber auch schon der „Simplicissimus“ die Auseinandersetzungen mit den Behörden perfekt als Werbung für die Zeitschrift zu nutzen.

Aus der Zeit von der Gründung bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zeigt das Wilhelm-Busch-Museum ab heute eine reiche Sammlung an Karikaturen des „Simplicissimus“ und stellt diese mit Beispielen höfischer Repräsentationskunst von der Malerei bis zur Fotografie, mit Ton-Dokumenten, Uniformen, Spielzeug und weiteren aufschlussreichen Zeugnissen der Alltagskultur in einen zeitgenössischen Kontext. So ergibt sich ein umfassender Einblick in die wilhelminische Epoche. Zur heutigen Ausstellungseröffnung werden der ehemalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, der gleichzeitig Vorsitzender der Wilhelm-Busch-Gesellschaft ist, die Museumsdirektorin Dr. Gisela Vetter-Liebenow, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Hannover, Heinrich Jagau, sowie der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ein paar einführende Worte beisteuern. Außerdem gibt es musikalische Impressionen aus der Zeit um 1900 von Paul Engelmann am Saxophon und Michael Hoppe am Klavier.

Sonntag, 20. Oktober 2013:
„Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen. Die wilhelminische Epoche im Spiegel des Simplicissimus von 1896 bis 1914“, Ausstellungseröffnung, Wilhelm-Busch-Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Georgengarten, 30167 Hannover, Beginn: 11.30 Uhr, Eintritt: 4,50 Euro, ermäßigt: 2,50 Euro

  • Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. Januar 2014
  • Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr

(Foto: Pressefoto)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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