Henning Chadde
19. September 2007

Mister Zweihunderttausend Volt

Einmal das ganze Programm bitte: Ein Portrait des Musikers Nils Schumacher

Bei Nils Schumacher ist man versucht zu sagen: „Der Mann hat schon alles gemacht. Er hat Lachs und Kaviar mit seinen Füßen gegessen, Champagner aus Schuhen getrunken, in mindestens eintausend Bands gespielt, ist um die halbe Welt gereist und hat beinahe jede Frau gehabt, die ihm bisher über den Weg gelaufen ist“. Oder so ähnlich. Fakt ist, dass der Sänger, Multi-Instrumentalist und Autor in unserer lieblichen Heimatstadt mit Sicherheit zu den aktivsten Eingreifkräften in Sachen Kreativität und Spielfreude gezählt werden kann.

Nils Schumacher

Die nachdenkliche Ruhe vor dem Sturm: Nils Schumacher

Coffee and cigarettes

Nils Schumacher ist ein Phänomen. Bereits nach gefühlten acht Minuten Interview hat der alte Bad Little Dynamo seinen dritten Witz erzählt und seine zwölfte Kippe im Mund. Keine Ahnung, wie er die bisherigen fünf Tassen Kaffee dazwischen schieben konnte – der Mann ist einfach unglaublich. Nach einer halben Stunde Gespräch mit Schumacher, der hauptberuflich als Aufnahmeleiter beim NDR arbeitet, hat man die komplette Medienwelt abgehakt und das gesamte musikalische Universum dieses Planeten umrundet. Nach vier weiteren Stunden verabreden wir uns schließlich zu einem nächsten Interview-Termin, besser: Kaffee-Kippe-Inferno. Das ist Rock ’n‘ Roll.

Auf Solo-Pfaden

Acht Jahre lang war Schumacher einer der treibenden Köpfe der hannoverschen Indie-Rocker Dill, bis diese schließlich im Oktober 2004 ihr Abschiedskonzert im Langenhagener Café Monopol gaben. Da aber Rast bekanntlich rostet, startete Schumacher bereits Anfang 2005 mit seinem neuen Bandprojekt My Kimono durch, und als diese unerwartet auch schon im Februar 2006 das Zeitliche segneten, ging es stampede weiter mit der Formation Well. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Schumacher parallel zu seinen Bandaktivitäten bereits bundesweit einen beachtlichen Ruf als Singer-/Songwriter auf Solo-Pfaden erspielt.

Nils Schumacher

Nils Guitar – Der Mann und seine Waffe

Wer jetzt denkt, „solo – da regiert doch nach all dem Rock bestimmt die Wandergitarre“, der irrt gewaltig. Im Gegenteil – der in der „Messer- und Mörder-Stadt Solingen“ (O-Ton Schumacher) geborene Tausendsassa greift ebenso gerne ausgiebig zur elektrifizierten Variante der Laute. Und dann macht er einen Alarm, der das staunende Publikum die gesamte, nicht vorhandene Backing-Band vergessen macht. „Na klar“, führt Schumacher aus, „ich will einfach eine gute Rock-Show abliefern mit allem Drum und Dran. Möglichst so Gitarre spielen, dass man das Schlagzeug nicht vermisst. Kurz: als vollwertige Band durchgehen“. Und genau dieser Ansatz mache ihm momentan am meisten Spaß, „einfach die Verstärker auf elf drehen“.

Der Bühnen-Maniac

Mächtig aufdrehen tut Schumacher übrigens auch im Rahmen des
Noise-Freejazz-Impro-Projektes Rauschabstand, einer weiteren Baustelle in seinem unendlichen Musik-Universum. In dieser Konstellation zu spielen sei allerdings eher entspannt, „wir müssen da nicht oft proben, improvisieren live auf der Bühne“. Außerdem habe man da pro Jahr höchstens fünfzehn Auftritte, führt er lässig aus. „Mit zirka dreißig Solo-Nummern geht das ganz gut zusammen.“

Nils Schumacher

Sympathisch und verschmitzt: Nils Schumacher

Unüberhörbar schlägt Nils Schumachers wahres Herz für eine echte Solo-Rock-Attacke. Hier scheuert er sich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gerne mal die Knie seiner Jeans durch, schmeißt und wälzt sich auf den Boden und feedbackt, was das Zeugs hält. Das ganze Programm eben. „Mit Slide-Show und Verzerrer-Pfund, richtig dicke Hose!“ So geschehen zuletzt vor ein paar Wochen im Kulturzentrum Barsinghausen am lieblichen Deisterrand. Hier zeigte Schumacher der versammelten Schülerschar ohrenbetäubend, wo der Rock seinen Most holt, und wurde auf Händen aus dem Veranstaltungskeller getragen. Der Mann ist einfach geboren für die ganz großen Bühnen, aber was ihn sympathisch macht: Er liebt ebenso die kleinen und das zeichnet einen echten Bühnen-Maniac aus. Schumacher gibt einfach immer alles.

Nils Schumacher

Für Vitamine in Rock: Elvis Schumacher

Life is music

Überhaupt die Musik. Sie hat Nils Schumachers Leben schon immer begleitet. Aktiv ist der erklärte Polvo- und Captain Beefheart-Fan seit 1975. Es folgten unablässig zahlreiche Bands und Projekte, die jetzt hier nicht alle aufgezählt werden können, weil sie sonst das Speichervolumen dieser Seite sprengen würden. Den bisherigen Höhepunkt erlebte Schumacher schließlich Anfang der Neunziger mit den Prä-Grungern Bad Little Dynamos. Damals ritten sie die ganz große Ochsen-Tour mehrmals quer durch Europa – vom Rockpalast 1990 über Amsterdam, bis nach Paris und alles, was auf dem Wege lag, und wieder zurück. In diesen Zeitraum fällt auch sein vom Herzen her „größter“ Auftritt: „Ja, das war ein Ding. Amsterdam 1990, im Korsakoff mit den Dynamos. Unsere erste Platte war grad‘ draußen und keine Sau kannte uns. Nachher wollten sie uns nicht mehr von der Bühne lassen und waren voll aus dem Häuschen. Ein irres Gefühl.“ Dennoch fügt er an, dass die ganz große „Tour-Stemme“ natürlich heute auf keinen Fall mehr Not tue. Diese Zeiten seien einfach vorbei.

Nils Schumacher

Schumacher schaut entspannt in die Zukunft

It´s only rock ’n‘ roll

Seine Ziele steckt der Vater eines 8-jährigen Sohnes, der 1995 „der Liebe wegen“ von Kölle an die Leine zog, demnach auch bescheiden ambitioniert ab: „Ich will einfach weitermachen, immer weitermachen. Vor allem noch lange live spielen und CDs produzieren. Das Ziel ist immer den einen guten Song zu schreiben – und längerfristig wünsche ich mir mal wieder eine Band“. Kurz kratzt sich Schumacher grinsend am Kopf, und dann kommt es doch noch, das Ding mit der Ochsen-Tour: „Hmm, aber eigentlich juckt der alte Ehrgeiz noch, also vielleicht…“ Und er muss lachen und zündet sich bedeutungsschwanger die nächst Lucky an. Und wer weiß, vermutlich ist das gar nicht so unernst gemeint, denn Ende 2007 erscheint seine neue CD „Chemistry Of Dialogue“ und wir wissen doch alle: Die nächste CD ist immer die beste. It’s only rock ’n‘ roll, baby, but we like it!

Nicht verpassen:

Nils Schumacher wird am 28. September beim KULTURKIOSK von langeleine.de seinen Verstärker aufdrehen und mit einer fulminanten One-Man-Show den Saal rocken.

weitere Infos zu Nils Schumacher und seiner Musik:
www.myspace.com/nilsschumacher

(Fotos: Jörg Smotlacha (4), Pressefoto (1))

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Kategorien: Menschen, Musik

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