Kathrin Tegtmeier
25. September 2007

„Ich muss schreiben, um diese wirren Gedanken aus meinem Kopf rauszukriegen“

Von schizophrenen Fußballvereinen und dem Rhythmus guter Texte: Mischaël-Sarim Vérollet im Interview mit langeleine.de

Mischaël-Sarim Vérollet ist auf Gibraltar geboren und ein eingefleischter Fan von Arminia Bielefeld. Das muss man in dieser Kombination erst einmal hinbekommen. Und auch in Hannover ist Vérollet etwas ganz Besonderes, denn er hat als bisher einziger Literat den hannoverschen Poetry-Slam „Macht Worte!“ mehr als einmal gewinnen können. Überhaupt die Literatur: Der 25-Jährige ist Mitbegründer des Poetenkollektivs Grand Slam Audio und festes Mitglied der in Bielefeld beheimateten Lesebühne Wortpalast. Im September 2005 erschien sein Erstlingswerk “Phantomherz”, dessen Startauflage bereits nach wenigen Wochen vergriffen war. Zu allem Überfluss ist das sympathische Multitalent für die langeleine auch noch so etwas wie ein Bruder im Geiste, denn er betreibt die Bielefeld-Website sparrenblog.de. Zeit für ein Interview.

Mischaël-Sarim Vérollet

Vielbeschäftigt: Der Bielefelder Autor Mischaël-Sarim Vérollet

langeleine.de: Beginnen wir das Interview doch mal betont klassisch – ganz so, wie es ein unkonventioneller Literat wie Du vermutlich am Wenigsten erwarten würde: Wie lange schreibst Du schon?

Mischaël-Sarim Vérollet: Also, geschrieben habe ich schon immer. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen und hab schon mit 10, 11 Jahren erste kleine Geschichten verfasst, konnte mich ja nur mit meiner eigenen Fantasie beschäftigen. Aber ernsthaft dem Medium Kurzgeschichte widme ich mich erst, seitdem ich 17 bin. Mit meinem Pumpernickel Boys-Kollegen Marc Oliver Schuster, den ich damals in der Berufschule kennen lernte, verbindet mich seitdem die Leidenschaft für kurze, witzige Texte.

ll: Und woher stammt der Antrieb? Warum schreibst Du?

Vérollet: Schreiben ist das Einzige, worin ich wirklich Talent habe, und was mir wirklich Spaß macht. Und ich muss schreiben, um diese wirren Gedanken aus meinem Kopf rauszukriegen. Zudem höre ich Menschen gerne lachen. Wenn ich schreibe oder auf der Bühne stehe, dann ist alles andere unwichtig. Dann fühle ich mich wohl. Jeder Auftritt, jeder gelungene Text ist ein Erfolg im Kampf gegen meine Unsicherheit und meine Minderwertigkeitskomplexe.

ll: So, so. Schreiben als Kontemplations-Handlung – und das aus dem Munde eines Siegers unzähliger Dichterwettstreite beziehungsweise Poetry Slams Land auf, Land ab. Wie fing es mit der eigenen Literatur an?

Vérollet: Naja, mir spukten schon immer Geschichten durch den Kopf. Sie aufzuschreiben, war dann wohl logisch. Aber die Initialzündung für eine literarische Bühnenkarriere war ein Auftritt von Benjamin von Stuckrad-Barre in Bielefeld, es muss ungefähr im Jahr 2000 gewesen sein. Sein kompletter Gig war einfach nur Rock ’n‘ Roll, und da wusste ich: Das will ich auch!

Mischaël-Sarim Vérollet

Schreibt über die Freundschaft, den Alkohol und die Liebe: Mischaël-Sarim Vérollet

ll: Neben „Mr. Pop“ gibt es aber sicher doch auch noch andere Vorbilder. Welche wären das?

Vérollet: Stilistisch eindeutig PG Wodehouse, ein englischer Autor der Jahrhundertwende. Ich bewundere sein Gespür für Situationskomik, für Running Gags und schwarzen Humor und habe durch seine Bücher eine ganze Menge gelernt, gerade was den Rhythmus eines guten humoristischen Textes angeht. Desweiteren zählen Autoren wie Christian Kracht zu meinen Idolen. Monty Python und die Serie Friends sind definitiv auch Inspiration. Und natürlich, wie bereits erwähnt, Stuckrad-Barre.

ll: Du bist vielbeschäftigt und weit über die Grenzen Ostwestfalens hinaus als Autor, Moderator, Lesebühnen-Initiator und Poetry Slam-Teilnehmer bekannt. Was steht aktuell an?

Vérollet: Zurzeit bereite ich mich auf den Slam 2007, die deutschen Meisterschaften des Poetry Slams in Berlin vor. Das ist das Ziel, worauf jeder Slammer in Deutschland hinarbeitet. Ich habe dieses Jahr eine hammerschwere Vorrunden-Gruppe erwischt, aber ich denke dennoch, dass ich ganz gute Chancen habe, das Halbfinale zu erreichen. Mal schauen. Außerdem sitze ich mit meinem Verleger am abschließenden Lektorat meines Roman-Debüts, was viel Zeit verschlingt.

ll: Als einziger Poet hast Du bereits zwei Mal den hannoverschen Poetry Slam „Macht Worte!“ gewonnen – was meinst Du, woran das liegt?

Vérollet: Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Auf jeden Fall freue ich mich sehr darüber, da der Hannoveraner Slam von der Atmosphäre und den Zuschauern her zu den schönsten Slams in Deutschland zählt. Schwer zu sagen, warum ich schon zwei Mal gewonnen habe. Und ehrlich gesagt, mag ich diese Frage nicht selbst beantworten. Letztendlich schreibe ich nur Texte, die ich selbst gerne hören würde – und eventuell habe ich das Glück, quasi das Privileg, dass mein Humor mit dem vieler Menschen übereinstimmt. Dafür bin ich dankbar. Ich genieße jede Sekunde, in der es so ist. Wer weiß, wann es wieder vorbei ist mit dieser Glückssträhne.

Mischaël-Sarim Vérollet

Vérollet gewinnt im Dezember 2005 den hannoverschen Poetry Slam – langeleine.de gratuliert

ll: Was schätzt Du an Hannover?

Vérollet: Oh, sehr viel. Das links-alternative Publikum. Und ich fühle mich bei jedem Besuch in der Nordstadt wohl. Ich bin zwar schon seit Jahren nicht mehr in der autonomen Szene aktiv, aber einmal links, immer links! Deshalb war ich auch sehr enttäuscht, dass ausgerechnet in Hannover eine NPD-Veranstaltung stattfand. Demokratie hin oder her, aber wer selbst antidemokratische Ziele verfolgt, verdient es nicht, demokratisch behandelt zu werden. Was ich aber sehr schätze, sind die Menschen, Leute wie Egge, Henning, Mirco oder Tobi, die mich schon meine ganze Slammer-Karriere lang begleiten und einfach grundsympathisch sind. Ach ja, ein bisschen spießig wird’s jetzt auch: Ich mag die Herrenhäuser Gärten. Im Ernst. Aber es gibt auch Sachen, die ich nicht mag. Oli Pocher zum Beispiel. Und Hannover 96. Nicht nur, weil ich fanatischer Arminia Bielefeld-Fan bin, sondern weil mir einfach nicht in den Kopf will, warum sich ein Verein mit den Vereinsfarben Schwarz-Weiß-Grün „Die Roten“ nennt. Das ist schizophren!

ll: Warum glaubst Du, kommen Deine Geschichten generell beim Publikum so gut an?

Vérollet: Auch diese Frage kann und möchte ich nicht beantworten, siehe oben.

ll: Ok, aber wo liegt die Intention Deiner Texte?

Vérollet: Unterhaltung, in erster Linie. Ich möchte die Leute zum Lachen bringen. Das ist ein großartiges Gefühl. Erst in zweiter Linie bin ich ein nachdenklicher Autor. Wobei ich bei meinen Texten auf einen erhobenen Zeigefinger generell verzichte. Es gibt zig andere Autoren, die das besser können als ich. Toby Hoffmann zum Beispiel oder Jan Egge Sedelies und Markus Freise.

Mischaël-Sarim Vérollet

„Wenn ich schreibe oder auf der Bühne stehe, dann ist alles andere unwichtig“: Mischaël-Sarim Vérollet

ll: Du arbeitest zur Zeit an einem Roman, also an einem literarischen Langformat. Ist auch dort der Mischa, den wir von den Slam-Bühnen kennen, wiederzufinden, oder geht das Buch in eine ganz andere Richtung?

Vérollet: Mein Roman wird „Lass uns doch Feinde sein“ heißen und ist eine Punkrock-Screwball-Liebes-Komödie. Der „Slam-Mischa“ ist auf jeden Fall wiederzuerkennen, da mein Humor sich darin wiederfindet. Sprich: Wer meine Slam-Texte mag, wird meinen Roman genauso mögen, hoffe ich. Aber er zeigt auch andere Seiten, ist an manchen Stellen durchaus mit einer politischen Aussage ausgestattet oder erzählt eine traurige Episode. Im Großen und Ganzen ist es aber ein Unterhaltungsroman, eine Ode an die Freundschaft, an den Alkohol und die Liebe. Kurz: Ein Roman, den ich selbst gern lesen würde!

ll: Bleibst Du der Slam-Bühne treu oder erwartet uns jetzt ein neuer Autor, der mit dem Buch die Lager wechselt und „ernst“ und „erwachsen“ werden will?

Vérollet: Um Gottes Willen, ich bin 25, dafür ist noch ausreichend Zeit, wenn ich 40 bin. Der Slam-Bühne werde ich, so das Publikum will, noch viele Jahre treu bleiben. Und mein Roman ist durchaus ein Poetry-Slam-Roman, da ich jedes Kapitel wie einen einzelnen Text angegangen bin: Jedes Kapitel hat einen roten Faden, einen Höhepunkt, eine eigene kleine Geschichte. Und als großes Ganzes ergeben diese Bausteinel den roten Handlungsfaden des Romans „Lass uns doch Feinde sein“. Einzelne Passagen habe ich übrigens auch schon erfolgreich live angetestet, insofern wird der eine oder andere die eine oder andere Stelle wiedererkennen.

Mischaël-Sarim Vérollet

Zwischen Punkrock und Screwball-Komödie: Vérollet mag es bunt

ll: Wie lange hast Du insgesamt an Deinem Roman gearbeitet?

Vérollet: Knapp zwei Jahre. Im Dezember 2005 habe ich angefangen, ein Jahr lang schrieb ich die Geschichte. Dann ruhte das Projekt eine Zeit lang, und nun sitze ich seit einem halben Jahr mit meinem Lektor an der Überarbeitung. Am 3. November erscheint das Buch im Verlag House of the Poets. Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht…

ll: Wir freuen uns, dass Du am Freitag bei uns in Hannover zu Gast bist. Worauf können die Besucher des Kulturkioskes gespannt sein?

Vérollet: Hm. Gute Frage. Hoffentlich auf einen guten Auftritt meinerseits. Hoffentlich trinke ich vorher nicht zu viel. Obwohl, hoffentlich trinke ich genug, denn dann bin ich noch besser, hehe. Ich werde einen kleinen Mix aus Poetry-Slam-, Lesebühnen-Texten und Auszügen aus meinem Roman vorlesen. Ja, ich glaube, so werde ich es machen. Ich freue mich!

Nicht verpassen:

Mischaël-Sarim Vérollet liest am 28. September am KULTURKIOSK von langeleine.de in der Faust-Warenannahme, wo er das Publikum mit seiner ausdrucksreich pointierten und humorvollen Poetry und rasanten Short Stories begeistern wird.

Mischaël-Sarim Vérollet im Netz:
www.verollet.com

(Interview: Kathrin Tegtmeier, Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Literatur, Menschen

Ein Kommentar

  1. katja sagt:

    oh, arminia bielefeld! tja, 0:2! das kommt vor… 😉

    freue mich auf deine texte morgen, mischa! schönen gruß, k.

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