Henning Chadde
28. Oktober 2013

Vorwärts, zurück nach vorn…

Das Verhör: „Disease“ von Grande Roses

Rock-Universum in Wave, Pathos und Moll: „Disease“, Album-Cover

Es gibt sie, diese Platten. Platten, die auf ihre eigene Art und Weise ganz weit outstanding sind, weil eigen in Sound, Ästhetik und Querverweisen. Platten, die einen an Bands erinnern, die in der eigenen musikalischen Sozialisierung Jahrzehnte zurückliegen, aber doch zu den ewigen Grundlagen gehören. Und die auf einmal beim Hören wieder voll auf den Erinnerungs- und Wohlfühlplan treten, als sei das alles erst gestern gewesen. Als würde ihre Energie immer noch unaufhaltsam durch einen hindurchwehen, als wären sie nie weg gewesen. Als stünde die Zeit still. Für immer.

Zu den Platten, die diese beiden Welten vereinen und hervorrufen, gehört für mich gegenwärtig mit „Disease“ der aktuelle Long-Player von den Stockholmer Post-Wave-Rockern Grande Roses. Sicherlich mag diese Behauptung nicht hundertprozentig auf alle Hörer übertragbar sein, und tatsächlich bedarf es zum intensiven Nachempfinden dieser Aussage vermutlich einer ähnlich langjährigen musikalischen Sozialisation wie sie der Autor dieser Zeilen hat. Erinnert ihn „Disease“ doch an eine noisige Variante der guten alten New Model Army in ihren besten Momenten, gewürzt ob des Gesanges nicht zuletzt mit einem anständigen Schlag früher Sisters Of Mercy. Vor allem – und das mag nun nicht ausschließlich an der schwedischen Herkunft des Fünfers rund um Sänger und Mastermind Göran Messelt Andersson liegen – erinnern sie ihn aber an eine wiederbelebte, quicklebendige Variante der mittelalten Union Carbide Productions, gekreuzt mit den nordischen Ur-Vätern in Post-Punk und -Wave, The Leather Nun. „Was quatscht der Spinner nun wieder für ein spezielles Zeug“, mag manche beziehungsweise mancher unter Euch nun denken. Zu Recht, vermutlich. Aber ganz ehrlich: „Was soll’s?“ Vielleicht lässt sich ja der eine oder die andere verwundert neugierig anstecken und von Songs wie „Bullets“, „Sold Out Our Time“, „Waiting For The Night“ oder „Sunken Ship“ selig zurückfallen in Gefilde, die Union Carbide Productions auf ihrem 1991er Klassiker „From Influence To Ignorance“ gut zu Gesichte gestanden hätten. Freut sich vielleicht obendrein über einen knarzenden New Order-Bass, jede Menge räudigen Rock-Staub und Dreck, rollendes Pathos, herzergreifende Melodien und Melancholien und eine zeitgemäße, trocken-düstere, aber dennoch fokussiert breitwandige Produktion, die so manchen gegenwärtig hochgefeierten Indie-Wave-Rock-Adepten à la Editors und Co. schlichtweg vom Thron stoßen dürfte. Wenn denn der Wahrnehmungs-Rock-Gott nur einmal gerecht wäre. Und schüttelt einfach grinsend den Kopf. Und wundert sich. Was all die letzten Jahre so los war. Und warum man dann doch jede Menge anderes komisches Zeug gehört hat…

Alle anderen freuen sich möglichwerweise aber einfach auch nur über die Qualität von „Disease“, soweit sie zugeneigt wenigstens mit den restlichen Querverweisen des hier Gesagten etwas anzufangen wissen. Und greifen ebenso neugierig zu. Ihr Mut wird nicht bestraft werden. Im Gegenteil, steht „Disease“ doch – obwohl bereits im April erschienen – für eine astreine Herbstplatte mit der musikalischen Soundfarbe „rostig-gold-braun“. In Rock, versteht sich. Und kühl abgelöscht mit einem ganz großen Zacken urbaner Fernweh-Modernität. Melancholia und Tristezza lassen grüßen und reißen dabei endlich einmal richtig amtlich den Hahn auf. Ganz ehrlich? Kopf in den Sand bei solcher Art Musik war gestern. Eigentlich immer schon…

Grande Roses: „Disease“, CD, 10 Songs, 33 min., noisolution

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel